Symmetrie und Asymmetrie im Tierreich

Regeln und Abweichungen im Bauplan von Vielzellern. Symmetrie prägt das Erscheinungsbild der Tiere. Asymmetrien sind Ausnahmen, von denen hier einige vorgestellt werden.

Oft entpuppt sich das, was wir als gegeben hinnehmen, bei näherem Hinsehen als ein seltsames Phänomen. Denkt man über Symmetrie nach, so stellt sich ganz von selbst die Frage nach dem Grund für diese Erscheinung. Warum sind Tiere nicht asymmetrisch wie z. B. Bäume? Warum überwiegt die Zweiseiten-Symmetrie im Tierreich? Diese Fragen sollen nicht beantwortet werden, sondern dienen dazu, Verwunderung über eine Tatsache zu wecken, die so zur Gewohnheit geworden ist.

Symmetrie als Regel

Symmetrie ist ein fester Bestandteil des Äußeren der allermeisten vielzelligen Tiere. Sie tritt in zwei Arten in Erscheinung: als radiäre Symmetrie und als Zweiseiten-Symmetrie. Bei der ersteren gruppieren sich Teile eines Tieres um eine gedachte zentrale Achse wie in einem Kreis, so etwa bei Quallen, Seeigeln oder Seesternen. Seltsam genug: Die letzten beiden Gruppen zeichnen sich im Larvenstadium durch eine Zweiseiten-Symmetrie aus. Diese Zweiseiten- oder bilaterale Symmetrie kommt im Tierreich viel häufiger vor. Unzählige Wirbellose und sämtliche Wirbeltiere unterliegen ihren Gesetzen. Das Äußere des Lebewesens besteht dabei aus zwei scheinbar identischen Hälften, wobei die inneren Organe durchaus asymmetrisch verteilt sein können.

Seltsame Asymmetrien

Ein hervorragendes Beispiel für Asymmetrie sind die Schneckenhäuser. Gemeint ist nicht so sehr ihr Gewinde, das an sich schon ein perfekt asymmetrisches Gebilde ist, sondern vielmehr die Tatsache, dass die Schneckenspiralen sich in der erdrückenden Mehrzahl der Fälle im Uhrzeigersinn, d. h. nach rechts winden. Warum das so ist, bleibt ein Rätsel, denn im Grunde könnte man erwarten, dass es gleich viele Schneckenarten gibt, bei denen das Gewinde in beide Richtungen verläuft. Linksläufige Spiralen sind jedoch im Reich der Schnecken eine Ausnahme, die nur bei wenigen Arten auftritt und ab und zu auch bei einzelnen Individuen „normaler“ Arten. Dieses Phänomen steht ganz im Zeichen der sog. Chiralität, also einer grundsätzlichen Diskrepanz zwischen rechts und links. Sie ist womöglich die markanteste Asymmetrie der Natur überhaupt.

Der Narwal (Monodon monoceros) ist bekannt durch sein Einhorn, das nur Männchen auszeichnet. Dieses Einhorn ist in Wirklichkeit ein Stoßzahn, und zwar der linke. Der rechte Zahn wächst dagegen in 98% der Fälle nicht zum Stoßzahn heran. Diese Asymmetrie passt nicht in unsere Logik, der zufolge der Narwal eigentlich wie der Elefant zwei gleichartige Stoßzähne ausbilden sollte.

Die Vertreter der tropischen Gattung Winkerkrabben (Uca) gleichen in ihrem Aussehen ihren sonstigen Krabbenverwandten. Doch im Gegensatz zu diesen verfügen sie über zwei grundverschiedene Scheren – eine ist verkleinert und die andere überdimensional vergrößert. Diese Asymmetrie ist nur auf die Männchen beschränkt. Die vergrößerte Schere spielt eine Rolle beim Paarungsverhalten.

Und nun zu einem ganz besonderen Prachtexemplar: Der neuseeländische Schiefschnabelregenpfeifer (Anarhynchus frontalis) ist sowohl in seinem Verhalten als auch in seinem Aussehen ein durch und durch unauffälliger Vogel. Es gibt massenweise interessantere Arten als ihn. Und doch gebührt ausgerechnet ihm die Ehre, der einzige Vogel mit einem asymmetrischen Schnabel zu sein. Die Schnäbel anderer Vögel können lang, dünn, gekrümmt, löffelartig oder mit ungewöhnlichen Strukturen versehen sein. Aber sie sind alle symmetrisch. Dagegen ist der Schnabel des Schiefschnabelregenpfeifers einfach so ohne jeden ersichtlichen Grund von der Mitte aus nach rechts gebogen. Versuche, diese Abnormalität logisch zu erklären, sind gescheitert. Diese buchstäbliche Abweichung bringt dem Vogel keine derartigen Vorteile, die sie rechtfertigen würden. Das Phänomen sollte wohl einfach mit Staunen hingenommen werden.

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