War Wittgenstein Mystiker?

In einigen Textpassagen in Wittgensteins Tractatus Logico-philosophicus (TLP) ist vom ‚Mystischen‘ die Rede.

„Nicht wie die Welt ist, ist das Mystische, sondern dass sie ist.“ (Satz 6.44). In den Schlusspassagen seiner Logisch-philosophischen Abhandlung streift Ludwig Wittgenstein Themenbereiche, die nicht jeder in einem Buch über Mathematik und Logik erwarten würde. So etwa die Frage nach dem Sinn der Welt (6.41), dem Ewigen Leben (6.4311f), nach Gott und dem Schicksal (6.372). „Die Anschauung der Welt sub specie aeterni [*] ist ihre Anschauung als – begrenztes – Ganzes. Das Gefühl der Welt als begrenztes Ganzes ist das mystische.“ (6.45) War Wittgenstein Mystiker?

Wittgenstein und das Mystische in der Logisch-philosophischen Abhandlung

Hier wäre zunächst zu klären, was bei Wittgenstein unter mystisch zu verstehen ist. Schon der markante Schluss-Satz „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man Schweigen.“ scheint eine mystische Versenkung ins Nicht-Sagbare und Unsprachliche nahezulegen. „Es gibt allerdings Unaussprechliches, […] es ist das Mystische.“ (6.522) Indem der Tractatus die Grenzen des Sagbaren ausmisst, führt er an die Grenzen der Existenz: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ (5.6). Der Tractatus sieht den Einzelnen an und auf der Grenze. Zu dieser Grenzbestimmung gehört auch, dass Aussagen über manche Bereiche, wie etwa den Sinn der Welt, nur jenseits der Grenzen aufgesucht werden können.

Nach Joachim Schultes Wittgenstein-Einführung machen die Bestimmungen im Tracatatus sichtbar, „dass wirklicher Wert nicht in der Welt liegen kann“ (Schulte, S.86; vgl. Satz 6.41). Sinn und Wert müssen außerhalb ihrer liegen. Das könnte eine völlige Abkehr von der Welt bedeuten (der Mystiker als Einsiedler). Gleichwohl versteht sich der Verfasser des TLP dazu, im Vorwort zu seiner Abhandlung vom (sogar zweifachen) Wert seiner Arbeit zu sprechen. Und am Ende steht nicht der Rat, die Welt aus den Augen zu verlieren, sondern eine Anleitung, die Welt richtig zu sehen (6.54). Mystiker ist Wittgenstein jedenfalls nicht im Sinne eines Rückzugs aus der Welt. Wie ja generell nicht von Mystik im TLP die Rede ist, sondern vom „Mystischen“. Die Welt sub specie aeterni als Ganzes, als etwas begrenztes Ganzes zu sehen, wird als das Mystische bestimmt.

Holm Tetens: Wittgensteins Tractatus als religiös inspiriertes Werk

Erst jüngst hat Holm Tetens, eine Interpretation der Logisch-philosophischen Abhandlung vorgelegt mit der Hauptthese: „Der Tractatus ist ein im religiösen Geist geschriebenes Buch über die Stellung des Menschen in der Welt betrachtet vom transzendentalen Standpunkt der Logik und über die ethischen Konsequenzen, die sich daraus ergeben.“ (S.131). „Dies ist sein philosophisches Projekt“ (ebd.). Insbesondere Wittgensteins intensive Beschäftigung mit L. Tolstoi und signifikante Anklänge an dessen ‚Volkserzählungen‘ sowie die ‚Kurze Darlegung des Evangeliums‘ werden für die Argumentation geltend gemacht (vgl. S.98ff u.a.).

Wie immer man die Einzelausführungen von Tetens bewerten mag, in der Tat heißt es im Tractatus sowohl „Die Logik ist transzendental.“ (Satz 6.13) wie „Die Ethik ist transzendental.“ (6.421). Dabei lässt sich ‚transzendental‘ im Sinne Kants als „die Bedingung der Möglichkeit betreffend“ auffassen oder als ‚transzendent‘, wenn man J. Schulte in dessen Wittgenstein-Einführung (S.86) folgt. Schulte verweist auf eine Parallelstelle in den Tagebuchnotizen Wittgensteins, wo es heißt „Die Ethik ist transcendent“: „es kann sein, dass die Änderung des Wortlauts einen Auffassungswechsel oder eine Präzisierung bedeutet“ (Schulte, S.86).

Der Unterschied zwischen Sagen und (sich) Zeigen

Nach Satz 6.45 entspricht dem mystischen Gefühl die Anschauung der Welt unter dem Blickwinkel des Ewigen. Bezeichnenderweise klassifiziert der Tractatus dieses Mystische als etwas, das sich nicht sagen lässt, sondern das sich zeigt (6.522: „Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich […]“). Die Unterscheidung zwischen Sagen und Zeigen spielt im Gesamten der logisch-philosophischen Abhandlung eine zentrale Rolle. Laut einer Briefnotiz an B. Russell liegt hierin das „Hauptproblem der Philosophie“ und die Hauptsache des ganzen Buches.

Doch was bedeutet „Zeigen/Sich Zeigen“? An der ersten Stelle, an der vom „Zeigen“ im TLP die Rede ist, heißt es: „Was in den Zeichen nicht zum Ausdruck kommt, das zeigt ihre Anwendung. Was die Zeichen verschlucken, das spricht ihre Anwendung aus.“ (3.262). Dass die Anwendung zeigt, was das Zeichen verschweigt, das passt zum Tagebucheintrag vom 24.7.1916: „Die Ethik muss eine Bedingung der Welt sein, wie die Logik.“ Und es passt zu der anderen einschlägigen Briefnotiz von Wittgenstein an einen möglichen Verleger, nach dem sein Werk aus zwei Teilen bestehe, aus dem Geschriebenen und aus dem Ungeschriebenen. „Und gerade dieser zweite Teil ist der Wichtige.“

„Ich bin meine Welt.“ erklärt Satz 5.63. „Der Sinn der Welt muss außerhalb ihrer liegen.“ (6.41) Nach der Logik des Tractatus kann dieser aber nicht einfachhin ausgesagt werden, sondern wird sich zeigen.

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