Wie entsteht ein Helfersyndrom?

Das Helfersyndrom als Suchtform. Entstehung, Kennzeichen und Hilfsmöglichkeiten für Betroffene. Das Helfersyndrom ist häufig in sozialen, pflegerischen und erzieherischen Berufen wie etwa Arzt, Sozialpädagoge, Lehrer und Altenpfleger anzutreffen.

Das Helfersyndrom wurde erstmals 1977 von Wolfgang Schmidbauer in seinem Buch „Die hilflosen Helfer“ beschrieben. Hierbei handelt es sich nicht nur um eine psychische Störung, sondern auch um eine nicht stoffgebundene Sucht. Während die Abhängigkeit von Alkohol, Nikotin, Drogen oder Medikamenten an bestimmte chemische Substanzen gebunden ist – also stoffgebunden – handelt es sich z. B. bei Spiel-, Sex- und Online-Sucht um nicht stoffgebundene Abhängigkeiten. Hierzu zählt auch, wie bereits erwähnt, das Helfersyndrom.

Kennzeichen und Folgen des Helfersyndroms

  • Die Betroffenen stellen die Interessen ihrer Patienten/Klienten über ihre eigenen, d. h. sie arbeiten bis zur körperlichen und seelischen Erschöpfung, vielfach vernachlässigen sie ihr Privatleben,
  • häufig schießen die Betroffenen über das Ziel hinaus, indem sie ihre Hilfe aufdrängen oder den professionellen Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit verlassen.Sie stellen ihre eigenen Wünsche und Ideale über die Bedürfnisse und Wünsche des Klienten,
  • sie erwarten explizite Anerkennung und Dankbarkeit, nicht nur von den Klienten, sondern auch von ihrem Umfeld,
  • die Betroffenen definieren sich nicht über ihre Persönlichkeit und ihre Begabungen, sondern ausschließlich über ihre helfende Tätigkeit,
  • sie lehnen Hilfsangebote durch Familie und Kollegen ab.

Abhängigkeit von äußerlicher Anerkennung

Insbesondere, wenn die Anerkennung der eigenen Arbeit durch die Klienten und/oder das direkte Umfeld ausbleibt, kann es beim Helfer zu Depressionen kommen. Ähnliches gilt, wenn der Klient trotz aller Bemühungen wieder auf die eine oder andere Art rückfällig wird. Sie suchen die Schuld dann bei sich, vernachlässigen aber den Aspekt, dass der Klient trotz aller Unterstützung, die ihm zuteil wird, immer noch die eigene Verantwortung für sein Leben hat, d. h. er selbst trifft die Entscheidung, erneut Drogen zu nehmen, Straftaten zu begehen u. ä.

Stetige Überforderung

Aufgrund der sich ständig selbst auferlegten körperlichen und/oder psychischen Überforderung kommt es vielfach zu einem Burn-out-Syndrom, das u. a. durch Depressionen, einem Gefühl innerer Lehre (Ausgebrannt sein), vegetativen Beschwerden u. ä. gekennzeichnet ist.

Helfen ist also keine rein berufliche Tätigkeit mehr, die aus Freude am Umgang mit Menschen gewählt wurde, sondern eine Sucht. Die Betroffenen sind sozusagen 24 Stunden am Tag ohne Pause im Dienst und haben das Gefühl, wert- und nutzlos zu sein, wenn sie einmal nicht helfen können oder es konkret nichts zu helfen gibt. Im ungünstigsten Fall schießen die Betroffenen dann auch über das Ziel hinaus, beispielsweise wenn eine Altenpflegerin ihre Patienten zu Tode medikamentiert, weil sie den alten Menschen Leid ersparen möchte. Sie wertet ihre Handlung jedoch nicht als Tötung, sondern sieht sich selbst in der Rolle der allmächtigen Helferin, die ihren Patienten zu einem schmerzlosen, raschen Tod verhilft. Dabei berücksichtigt sie jedoch nicht die Befindlichkeit ihrer Patienten. Nicht jeder alte Mensch, der auf ein gewisses Maß an Pflege und Unterstützung angewiesen ist, leidet so sehr, dass er sich selbst einen baldigen Tod wünscht.

Alles oder Nichts

Gleichzeitig ist es Menschen, die an einem Helfersyndrom leiden, nicht möglich, sich auch über Teilerfolge ihrer Klienten oder Patienten zu freuen, sie nehmen eine Alles-oder-Nichts-Haltung ein. Nur ein vollständig genesener Patient ist für sie ein Erfolg, Teilerfolge wie beispielsweise die Rückbildung eines Krebsgeschwürs werden als Misserfolg angesehen. Aufgrund dieser rigorosen Alles-oder-Nichts-Haltung fehlt ihnen häufig die so genannte Ambiguitätstoleranz, d. h. sie übersehen, dass jemand gleichzeitig hilfsbereit und egoistisch sein kann. Aus diesem Grunde entscheiden sie sich für die Selbstaufopferung und stellen ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse zurück, auch wenn ein gesunder Egoismus durchaus angebracht und für die seelische Gesundheit zwingend notwendig ist.

Entstehungsbedingungen

Die Ursachen sind häufig in der Kindheit zu finden. Die Betroffenen haben von klein auf gelernt, ihr Selbstwertgefühl von der äußeren, expliziten Anerkennung durch Dritte abhängig zu machen, so dass sie sich nur für wertvoll halten, wenn sie anderen helfen und die Rolle des Märtyrers übernehmen. Sie glauben, außer ihrer Fähigkeit zu helfen keine anderen wertvollen Eigenschaften zu besitzen. Da sich auf dieser Basis kein eigenes Selbstwertgefühl entwickeln konnte, versuchen sie, sich über ständige, oft unerwünschte Hilfe an Dritten aufzuwerten, um ihre eigene Schwäche in eine vermeintliche Stärke umzukehren.

Gleichzeitig lernen die Betroffenen in der Kindheit, für die Befindlichkeit ihrer Eltern verantwortlich gemacht zu werden, insbesondere wenn häufig Aussagen fallen wie „Du bist Schuld an Mamas Kopfschmerzen!“, „Du bist Schuld, dass der Papa uns verlassen hat!“ u. ä. Mit solchen Aussagen wird dem Kind vermittelt, dass es die Verantwortung für die Gefühle und Lebenssituationen anderer Menschen trägt. Hilfe wird im Erwachsenenalter somit also zur Kompensation von Schuldgefühlen missbraucht, die in der Kindheit entstanden sind.

Therapiemöglichkeiten

Psychotherapeutische Unterstützung, insbesondere die Aufarbeitung des durch die Kindheit geprägten Selbstbildes, ist in jedem Fall angezeigt. Hinzu kommt eine allmähliche Veränderung des Selbstbildes und der eigenen Definition. Es gilt, dem Betroffenen aufzuzeigen, dass er durchaus noch über andere gute Eigenschaften und Talente verfügt, aus denen er sein Selbstvertrauen schöpfen kann. Hierdurch soll eine allmähliche Perspektivenveränderung erreicht werden, d. h. der Betroffene lernt langsam die gesunde Balance zwischen Hilfsbereitschaft und Egoismus, ohne sich selbst dabei zu überfordern.

Wie bei jeder Therapie ist jedoch Voraussetzung, dass der Betroffene diese selbst wünscht und sich diese nicht von Dritten aufdrängen lässt – so sehr Familie und Kollegen mit ihrer Empfehlung auch Recht haben mögen. Der Erfolg einer Therapie ist entscheidend von der Mitarbeit und dem freien Willen des Patienten abhängig.

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