Wie funktioniert Parakosmos?

Was ist Parakosmos? Fake-Profiles im Netz – die neue Generation imaginärer Freunde? Soziale Netzwerke wie Facebook und Google+ bieten die Chance, sich mit Menschen zu vernetzen. Aber wer verbirgt sich eigentlich hinter den Nutzerprofilen?

Seit der Erfindung von Facebook im Jahr 2004 registrierten sich bis heute weltweit mehr als 800 Millionen Mitglieder bei der größten und beliebtesten Plattform im Internet. Doch die Konkurrenz schläft nicht. Im Zeitalter von Web 2.0 scheinen die sozialen Netzwerke wie Pilze aus dem Boden zu schießen. Bei allen Vernetzungsmöglichkeiten, die Facebook und Co zu bieten haben, stellt sich allerdings immer auch die Frage: Welche Personen verbergen sich eigentlich hinter den Nutzerprofilen?

Fake-Profiles zur Täuschung

Das World Wide Web lässt dem Menschen viel Raum, sich eine eigene, oft auch frei erfundene, Identität zu kreieren. Dass dies in der Vergangenheit mehrfach zu Täuschung und sogar zu Belästigung im Internet geführt hat, ist allseits bekannt. Deshalb ist das Erstellen von erfundenen Profilen auch verboten. Diese Woche sorgt jedoch ein extremer, in dieser Form bisher noch nicht dagewesener, Fall von Täuschung für Furore.

Der aktuelle Fall bei Facebook

Ein heute 18-jähriges Mädchen lernt 2006 in einem sozialen Netzwerk einen Jungen Namens Maik kennen. Der virtuelle Kontakt intensiviert sich und schließlich verlieben sich die beiden ineinander, führen sogar eine Beziehung, ohne sich je im realen Leben begegnet zu sein. Sie schicken sich gegenseitig Briefe und Geschenke. Schließlich soll es zu einem Treffen kommen, doch Maik taucht nicht auf. Maiks beste Freundin postet am nächsten Tag einen Beitrag auf Facebook, dass dieser plötzlich verstorben sei. Alle Freunde reagieren bestürzt und schreiben Beileidsbekundungen an Maiks Pinnwand. Für seine „Freundin“ bricht eine Welt zusammen.

Wenig später stellte sich nun heraus, dass alles nur ein schlechter Scherz war. Maik hat nie existiert und seine 30 Facebookfreunde ebenfalls nicht. Sie alle, samt dazugehörenden Fake-Profiles, sind eine Erfindung einer Schülerin aus Nordrhein-Westfalen. Fünf Jahre lang hat diese einen Parakosmos, also eine Phantasiewelt, um 31 erfundene Personen im Internet aufgebaut. Sie hat Beziehungen zwischen diesen Personen konstruiert und ihnen persönliche Hintergründe geschaffen.

Der Parakosmos – eine Phantasiewelt mit imaginären Menschen

Dieses Phänomen jedoch ist per se nicht neu und durchaus auch in einer Welt außerhalb des World Wide Webs existent. Es gibt Menschen, die sich Parakosmen schaffen – vollständige Welten oder Gesellschaften, die von imaginären Menschen bewohnt werden. Parakosmen sind die Steigerung der Schaffung eines imaginären Freundes, der etwa ein Drittel aller Kinder meist in frühen Phasen der Kindheit begleitet. Gründe für die Entstehung von Phantasiefreunden gibt es viele: als Unterstützung zur Bewältigung der Entwicklungsaufgaben, in Trennungs- oder Umbruchsituationen, bei Zweisprachigkeit oder bei der Geburt eines Geschwisterkinds. Imaginäre Freunde sind eine kreative Phantasieleistung und verschwinden meist wieder von selbst, sobald das Kind sie nicht mehr braucht.

Parakosmen zu kreieren, ist dagegen schon schwieriger. Dies gelingt nur älteren Kindern oder Jugendlichen. Auch Erwachsene können sich Parakosmen schaffen, meist liegt bei diesen jedoch eine psychische Störung vor. Gesunde Kinder, die Phantasiewelten erfinden, wissen ganz genau, dass diese imaginär sind. Dies steht in Gegensatz zu kleinen Kindern, die oft an die Echtheit ihrer Phantasiegefährten glauben. Parakosmen sind für die Erfinder über einen längeren Zeitraum von Interesse und großer Bedeutung.

Fallbeispiel eines Parakosmos zweier neuseeländischer Mädchen

Ein Extrembeispiel für das Erfinden von Scheinwelten stellt die Geschichte von zwei Mädchen in Neuseeland dar. Gemeinsam teilten sie einen Parakosmos und verbrachten unzählige Stunden damit, 220 Einwohner eines Dorfes mit Geschichten zu versehen. Sie strickten persönliche Intrigen rund um eine Königsfamilie und stellten sogar Tonfiguren ihrer Phantasiemenschen her. Die Mädchen steigerten sich so in ihre Welt hinein, dass als einziger Ausweg schließlich Mord an allen Figuren stand.

Sind Fake-Profiles die neue Generation imaginärer Freunde?

Hier lässt sich nun die Parallele zum eben erst bekannt gewordenen Facebookfall ziehen. Komplex gestrickte Scheinidentitäten und -geschichten, die am Ende durch Tod aufgelöst werden müssen. Allerdings hat der aktuelle Fall von Fake-Profiles eine bestürzende Komponente, die dem Parakosmos der beiden neuseeländischen Mädchen fehlte: Ein 18-jähriges Mädchen wurde unwissentlich in die Phantasiewelt einer Schülerin hineingezogen und leidet nun als Opfer an den Folgen.

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