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Was passiert, wenn der Meeresspiegel steigt?

Der Meeresspiegel stieg im vergangenen Jahrhundert um bis zu 20 Zentimeter. Das hört sich zunächst nicht so dramatisch an. Dramatischer sind da schon die Auswirkungen: Verheerende Sturmfluten, versalzene Trinkwasservorräte, Meeresflüchtlinge. Das ist erst der Anfang, denn das Wasser wird noch weiter steigen.

Je mehr CO2 in der Atmosphäre ist, desto wärmer wird es. Das gilt nicht nur für die Lufttemperatur, sondern auch für das Wasser. Je wärmer dieses ist, desto mehr dehnt es sich aus, und so steigt der Meeresspiegel an. Schmelzende Gletscher und schwindendes Grönlandeis füllen die Ozeane zusätzlich. Schaffen wir also durch verminderten CO2-Ausstoß ein Abbremsen des Temperaturanstiegs, so verhindern wir auch einen beschleunigten Anstieg der Meere.

Noch steigt das Wasser nicht überall gleich hoch an. In manchen Regionen erwärmt es sich schneller, in manchen langsamer. Der Meeresspiegel schwankt auch in Abhängigkeit von Bewegungen der Erdplatten regional unterschiedlich. Beschleunigt sich der globale Meeresspiegelanstieg jedoch, werden lokale Effekte von einem globalen Anstieg übertroffen.

Wie hoch wird der Meeresspiegel noch steigen?

Ein Sonderbericht des wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung „Globale Umweltveränderungen“ geht von einem Anstieg von 2,5 bis 5,1 Meter bis zum Jahr 2300 aus, aber die Wissenschaftler sind sich über genaue Prognosen nicht einig. Es reichen jedenfalls wenige Meter, um das Gleichgewicht zwischen Meer und Land zu stören.

Acht der zehn größten Städte der Erde liegen an Küsten. Rund 20 Prozent der Erdbevölkerung leben weniger als 30 Kilometer vom Meer entfernt. Sollte der Meeresspiegel weiterhin steigen, wären viele Millionen Menschen direkt bedroht. Dabei sind besonders diejenigen Regionen gefährdet, die bereits jetzt schon unter oder nur knapp über dem Meeresspiegel liegen. Große Teile der Niederlande wären betroffen, aber auch Küsten Deutschlands, Italiens, Dänemarks und Englands droht eine dauerhafte Überschwemmung.

Europa kann im Notfall in einen umfassenden Katastrophenschutz investieren. Anders sieht die Situation beispielsweise in Bangladesch aus. Rund 17 Millionen Menschen wären allein hier betroffen. Das Geld für Vorsorgemaßnahmen, die in die Milliarden gingen, kann das Land allein nicht tragen. Forschungen belegen, dass es ein Zusammenhang zwischen dem Anstieg des Meeresspiegels und den immer heftiger werdenden Sturmfluten gibt. Je höher der Meeresspiegel, desto höher die Wellen, die so weiter ins Landesinnere dringen, teilweise schon bis zu 100 Kilometer.

Doch nicht nur in Asien ist der Anstieg der Meeresspiegel zu spüren. Auch das Norddeutsche Wattenmeer ist die letzten hundert Jahre um 30 Zentimeter gestiegen. So steigen auch die Pegel bei Sturmfluten immer weiter.

Steter Tropfen höhlt den Stein: Die Folgen der Erosion

Der steigende Meeresspiegel birgt eine weitere, schleichende Gefahr. Die Wellen tragen Sand, Schlamm und Gestein von der Küste ab und lagern sie größtenteils an anderen Abschnitten wieder an. Steigt das Meer, könnte sich dieser Prozess, auch Erosion genannt, beschleunigen.

Erosion ist eigentlich natürlich, doch ist es wie bei all den Problemen rund um den Klimawandel: Es geht viel zu schnell, um noch natürlich zu sein. Ein bekanntes Beispiel dafür ist der Nil mit dem dort gebauten Assuan-Staudamm. Dieser verhindert den Transport des fruchtbaren Nilschlamms. An den Küsten des östlichen Mittelmeers fehlt dieser Schlamm, der sich sonst dort angelagert hatte. Ganze Küstenstreifen können so mit der Zeit verloren gehen. Steilküsten können einstürzen, da das Wasser sich dort anstatt in den Sand langsam ins Gestein frisst.

Meeresflüchtlinge

In Indien und Bangladesch sind schon lange nicht nur Küstenregionen vom steigenden Salzwasser in Mitleidenschaft gezogen. Ganze Reisfelder sind versalzen und können nicht mehr genutzt werden. Das Salz dringt auch in Oberflächengewässer und ins Grundwasser. Das Trinkwasserproblem wird verschärft.

Im Dezember wurden die Menschen der pazifischen Insel Vanuatu auf höher gelegene Gebiete umgesiedelt. Das Dorf Lateu wurde immer häufiger von Sturmfluten heimgesucht, so dass es sich für die Menschen dort nicht mehr lohnte, ihre Häuser wieder und wieder aufzubauen.

Es gibt bereits erste offizielle Programme, die sich mit Problemen der Meeresflüchtlinge beschäftigen. So trafen Neuseeland und die Regierungen von Tuvalu, Fiji, Kiribate und Tonga Einwanderungsregelungen, da diese Inseln innerhalb der nächsten fünfzig Jahre von der Landkarte verschwinden werden. Umfassende völkerrechtliche Regelungen zwischen den Staaten werden dringend notwendig.

Nach dem Wasser das Leiden,

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gab schon 2002 bekannt, dass jährlich mehr als 150.000 Menschen an den Folgen des Klimawandels sterben. Bis zum Jahr 2030 wird sich die Zahl der Betroffenen schon verdoppelt haben.

Überschwemmungen und Sturmfluten hinterlassen Menschen ohne Obdach. Die Überlebenden müssen oft monatelang in notdürftigen Einrichtungen mit schlechten sanitären Anlagen leben. Sie trinken verschmutztes Wasser. Ansteckungskrankheiten verbreiten sich in solchen Lagern schneller.
Es kommt vermehrt zu Durchfallerkrankungen, Cholera und Hepatitis. Im Brackwasser der überschwemmten Gebiete fühlt sich die Anophelesmücke besonders wohl; Sie überträgt Malaria.

Die Auswirkungen des steigenden Meeresspiegels werden sich auf der ganzen Welt zeigen. Folgende Feststellung aus einem Sondergutachten des wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung „Globale Umweltveränderungen“ spricht für sich:

„…Ähnliche Trends, beruhend auf verschiedenen Klimaszenarien, wurden für den Großraum von New York City berechnet. Demnach dürfte sich die Wiederkehrperiode einer Jahrhundertflut in den 2080er Jahren bei einem Meeresspiegelanstieg von 24–95 cm auf 4–60 Jahre verkürzen (…). Bei zu kurzen Wiederkehrperioden von destruktiven Extremereignissen wäre ein Wiederaufbau geschädigter Infrastruktur nicht mehr sinnvoll; sie müsste aufgegeben werden.“1