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Zahl der autistischen Schüler in Deutschland steigt

Schüler mit einer autistischen Besonderheit sind oft benachteiligt. Gezielte Förderung und Schulbegleitung könnte ihre Bildungschancen deutlich verbessern.

Autismus ist nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine tiefgreifende Entwicklungsstörung des Gehirns. In neueren Publikationen wird er auch als Neurodiversität (im Vergleich zum neuronormalen Menschen) bezeichnet. Er ist wie die Linkshändigkeit eine angeborene, nicht heilbare Eigenschaft. Sein Hauptmerkmal ist ein von der Norm abweichender Modus bei der Verarbeitung von Information im Gehirn.

Die Zahl der Diagnostizierten steigt

Autistische Syndrome werden heute vier bis fünfmal häufiger diagnostiziert als in den 60er und 70er Jahren. Entsprechend steigen die Fallzahlen für Autismus weltweit an. Die Ursachen hierfür sind vielfältig:

  • die Kinder von heute besuchen weit häufiger einen Kindergarten, wo sie „auffällig“ werden
  • die Einschulung erfolgt z.T. früher
  • Eltern beobachten heute aufmerksamer
  • die Definition von Autismus ist verbreitert worden (Autismusspektrum)
  • fundiertes Wissen über Autismus breitet sich in der Bevölkerung aus
  • bestimmte Fälle von ADHS und kindlicher Schizophrenie werden heute dem Autismus zugerechnet

Laut Center for Disease Control verzeichneten allein die USA zwischen 2002 und 2006 einen Anstieg der Fälle von Autismus um 57 %. Die Autismus-Forschungs-Kooperation (AFK) in Berlin, ein Zusammenschluss von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, der Freien Universität Berlin und von autistischen Menschen, geht nach den neusten Studien davon aus, dass einer von 200 Menschen jeden Alters von einer Form des Autismus betroffen ist. Nach einer Studie der Fakultät für Sonderpädagogik der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg/Reutlingen (vorgestellt im Januar 2010) gehören etwa 15 von 10.000 deutschen Schülern dem Autismusspektrum an. Statistisch käme demnach auf eine Schule mit rund 700 Schülern ein autistisches Kind. Dies sei mehr als bisher angenommen, so die Autoren der Studie. Nach deren vorsichtiger Einschätzung entfallen allein auf den Südwesten der Bundesrepublik mindestens 2000 betroffene Schüler.

Autistische Schüler sind nicht automatisch behindert

Allen autistischen Formen gemeinsam sind vielfältige Symptome mit individueller Ausprägung. Einige davon können sein:

  • Beeinträchtigungen des Sozialverhaltens
  • Schwierigkeiten bei der Kommunikation
  • Emotionen werden falsch oder nicht verstanden
  • Probleme beim Verstehen von Metaphern und Ironie
  • Probleme beim Einsetzen bzw. Verstehen von Mimik und Gestik
  • stereotype oder ritualisierende Verhaltensweisen

Die Bandbreite reicht von leichten Verhaltensproblemen bis zur geistigen Behinderung (etwa beim niedrigfunktionalen Autismus (LFA). Welche der als autistisch diagnostizierten Kinder tatsächlich geistig behindert sind oder nicht, ist zum Zeitpunkt der Diagnose schwer zu sagen. 20% aller betroffenen Schüler leiden allenfalls unter einer Lernbehinderung. Während jedoch Schülern ohne Seh- und/oder Hörvermögen seit vielen Jahren sonderpädagogische Hilfestellungenangeboten werden, müssen die meisten autistischen Schulkinder ohne spezielle Unterstützung auskommen. Der neuen Studie zufolge besuchen rund acht von zehn Kindern mit frühkindlichem Autismus eine Schule für geistig Behinderte. Dennoch sind manche Schüler bei geeigneter Unterstützung in der Lage, den Regelschulabschluss oder gar das Abitur zu absolvieren. Schüler mit der Diagnose Asperger-Syndrom können überdurchschnittlich intelligent oder gar hochbegabt sein.

Förderung autistischer Kinder im Vorschulalter

Eine sehr frühe Förderung im letzten vorschulischen Jahr wird – zumindest in Bayern – durch die Mitarbeiter der mobilen sonderpädagogischen Hilfen (msH) und der Lehrer des mobilen sonderpädagogischen Dienstes (MSD-Autismus) angeboten. Sowohl Kinder als auch Eltern können so bereits in den Kindergärten auf den Schulbeginn vorbereitet werden. Der MSD-Autismus leistet hierbei unter anderem:

  • Schullaufbahnberatung
  • Herstellung von Kontakten zu Schulen
  • vorbereitende Gespräche mit Lehrern
  • Vermittlung außerschulischer Therapie- und Fördermöglichkeiten
  • Fortbildungs- und Informationsangebote für Eltern, Betreuer und Lehrer

Förder- und Ergänzungsmaßnahmen für autistische Kinder im Schulalter

Die wissenschaftlich am besten abgesicherte Hilfe ist die Verhaltenstherapie. Sie dient dem Abbau störender oder unangemessener Verhaltensweisen und dem Aufbau sozialer und kommunikativer Fähigkeiten. Dabei wird das gesamte soziale Umfeld (Eltern, Familie, Lehrer) einbezogen. Diese Therapie verfolgt folgende Ziele:

  • Aufbau sozialer Kontakte zu Gleichaltrigen und Gruppenfähigkeit
  • Aufmerksamkeitstraining
  • Förderung der Selbstständigkeit und alltagsrelevanter Fähigkeiten
  • Gute Sprachentwicklung
  • Normales Spiel-, Lern- und Arbeitsverhalten
  • Entwicklung von Handlungsstrategien für Konfliktsituationen
  • Schulabschluss und Berufsausbildung
  • Vermeidung der Unterbringung in einem Kinderheim

Ergänzende Maßnahmen wie Ergotherapie, Physiotherapie, Logopädie, Musiktherapie, Kunsttherapie, Massagetherapie oder Reittherapie können sich positiv auf Stimmung, Ausgeglichenheit und Kontaktfähigkeit der Kinder auswirken. Verfahren wie die Festhaltetherapie oder die von der australischen Pädagogin Rosemary Crossley entwickelte Methode der gestützten Kommunikation werden hingegen kontrovers diskutiert. Ihre Wirksamkeit ist nicht unumstritten. Mangels Alternativen scheinen jedoch nicht wenige Lehrerinnen und Lehrer in der gestützten Kommunikation ein probates Mittel zur Kommunikation mit autistischen Kindern zu sehen.

Gezielte Frühförderung bestimmt maßgeblich den Erfolg weiterer Entwicklungsmöglichkeiten für die betroffenen Schüler. Werden sie unterlassen, leiden die autistischen Kinder unter

  • Reizüberflutung durch sensorische Überempfindlichkeit oder soziale Interaktionen
  • Überforderung in der Situation
  • Reaktionsunfähigkeit
  • Sprech- und Denkblockaden
  • unkontrollierte Handlungen aus dem Affekt heraus
  • Überempfindlichkeit auf jede Kleinigkeit
  • nervöses Flattern mit den Händen, Unruhe
  • Zwangsgedanken/im Kreis denken

Wichtig für den Erfolg der Förderung: eine frühe Diagnose!

Voraussetzung für eine erfolgreiche, gezielte Förderung ist die möglichst frühe Diagnose einer autistischen Veranlagung. Unterbleibt sie, können sich zu den oben genannten Problemen weitere zusätzliche Störungen ausbilden:

Um den Schulkindern im Autismusspektrum bei der Reizverarbeitung zu helfen, braucht es viel Zeit. Den Betreuern wird einiges an Geduld und Energie abverlangt. Alle Beteiligten – auch die betroffenen Kinder! – werden vor eine harte Bewährungsprobe gestellt. Erschwerend kommt hinzu, dass die Jugend- und Sozialämter eine spezifische Schulbegleitung für autistische Schüler häufig noch ablehnen. Da kein Rechtsanspruch besteht, bleibt den Eltern in diesem Fall nur der Weg der Klageführung.