„Backfire“: neue Fakten – alte Meinung

Meist bemerken wir an anderen, wie schwer es ist, seine Meinung zu ändern. Neue Fakten überzeugen nicht, sondern verfestigen die alte Meinung noch mehr.

Nüchtern und rational, wie wir heute nun mal sind, wäre es doch naheliegend, seine Meinung zu ändern, wenn widersprechende Fakten auftauchen. Aber neue Tatsachen zu akzeptieren, fällt uns unendlich schwer. Da ist es nur ein kleiner Trost, dass das auch für Wissenschaftler gilt. Eine neuere wissenschaftliche Studie der Universität von Michigan zeigt, dass Menschen nur sehr selten ihre Meinung ändern, wenn sie mit neuen Fakten konfrontiert werden. Im Gegenteil: Auch aufgeklärte und rational denkende Menschen haben eine bestimmte feste Meinung; und wenn sie mit Fakten konfrontiert werden, die diese Meinung widerlegen – dann glauben sie noch fester daran. Das Phänomen nennt man „Backfire“ und zeigt, wie Meinungen und Weltbilder entstehen.

Wir sehen nur, was wir glauben

Menschen sehen überall nur das, was sie ohnehin schon glauben. Gegenteilige Tatsachen werden einfach ignoriert. Die Studie konnte zeigen, dass Menschen sich mit ihrem Glauben identifizieren, dass sie eine emotionale Bindung zu ihren Anschauungen haben. Das gehört zu ihrer Identität und davon lassen sie sich nicht abhalten, auch nicht von widersprechenden Fakten. Unser Weltbild steht auf Schienen, daran können Tatsachen nichts ändern. Der Grund liegt hauptsächlich in der Angst. Es ist absolut bedrohlich, sich eingestehen zu müssen, dass man falsch liegt.

Das Phänomen des „Backfire“ ist ein natürlicher Verteidigungsmechanismus, die kognitive Dissonanz muss unbedingt vermieden werden. Kognitive Dissonanz steht für den Unterschied zwischen dem, was man wahrnimmt, und dem, was man glaubt. Man nimmt nur das wahr, was man glaubt. Oder man blendet alles aus, was nicht ins eigene Weltbild passt. Dabei sind wir alle davon überzeugt, dass wir zu unserer Meinung durch rationales Denken und durch Abwägen der Fakten gekommen sind. Schließlich sind wir intelligente und vernunftbegabte Wesen. Tatsache ist jedoch, dass wir unsere Meinung auf Glauben aufbauen, der durch Fakten kaum zu erschüttern ist. Statt dass die Tatsachen unsere Meinung steuern, formt unser Glauben die Fakten um oder sieht nur diejenigen, die mit dem eigenen Weltbild übereinstimmen.

Der Glaube verbiegt die Fakten

Fakten werden durch die Wahrnehmung soweit verändert, dass sie in das bestehende Weltbild passen. Das kann so weit gehen, dass wir falsche Informationen akzeptieren, nur weil sie unsere eigene Meinung bestärken. Informationen sind heute leichter zugänglich als jemals zuvor. Die Informationsflut zum Beispiel im Internet bedingt, dass richtige Informationen einträchtig neben Kuriosem, Falschinformationen und Unwahrheiten stehen. Das führt wiederum dazu, dass es noch nie so leicht war, völlig falsch zu liegen und gleichzeitig das Gefühl zu haben, dass man recht hat. Es kann eine Meinung gar nicht so absurd sein, dass sie nicht im Net bestätigt werden kann.

Auch die Wissenschaft fälscht, dass sich die Balken biegen

Das Phänomen gilt auch für die Wissenschaft. Da werden Daten ignoriert, weil sie nicht ins Konzept passen, da werden Daten gefälscht, damit sie die eigene Hypothese (Meinung) stützen. Da wird der Zugang zu Daten verweigert, damit die Wahrheit nicht ans Licht kommt. Beispiele aus der Medizin und der Pharmaindustrie sind legendär, aber auch die Physik kann mit Beispielen aufwarten. Wissenschaftler, so die allgemeine Einstellung, sind dazu ausgebildet, nüchtern, sachlich und objektiv ihre Forschung zu betreiben. Das würde man von ihnen erwarten. Die Realität ist: Manipulation und offensichtlicher Betrug (bewusst oder unbewusst), sind an der Tagesordnung. Da wird oft vorgegeben, mit Fakten zu arbeiten, in Wirklichkeit geht es darum, die eigene Meinung zu stützen. Ganz krass kann man das beim Evolutionsbiologen Richard Dawkins beobachten, der seinen (atheistischen) Glauben mit nur scheinbar wissenschaftlichen Argumenten zu verbreiten versucht und dabei einen atheistischen Fundamentalismus betreibt.

Um zu überzeugen, sind Fakten weniger wichtig

Wenn das schon bei Wissenschaftlern „normal“ ist, was kann man dann von der nicht so wissenschaftlich ausgebildeten Bevölkerung erwarten? Jedenfalls darf man nicht auf Fakten setzen, wenn man jemanden überzeugen will. Viele Menschen treffen ihre Entscheidungen aufgrund von Emotionen und falschen Annahmen. Daher sind Fakten weniger wichtig, um jemanden zu überzeugen. Vielmehr kommt es auf die Art und Weise und den Rahmen an, mit denen man die Fakten präsentiert. Aus der genannten Studie geht auch hervor, dass Selbstachtung oder ein Mangel davon, viel damit zu tun haben, wieweit man bereit ist, neue Information anzunehmen. Wer sich gut und selbstsicher fühlt, kann auch zuhören. Wer unsicher ist und sich bedroht fühlt, kann es weit weniger. Je bedrohter sich jemand fühlt, desto weniger wird er/sie von der eigenen Meinungen abweichende Fakten, die das eigene Weltbild zu verändern drohen, akzeptieren. Selbstbewusste brauchen ihre Wahrnehmung nicht so sehr zu manipulieren, sie sind umgekehrt auch weniger manipulierbar.

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