Haben Tiere ein (Selbst-)Bewusstsein?

Der Delfin-Forscher Karsten Brensing (Mitarbeiter beim WDC) befasst sich in seinem neuen Buch „Persönlichkeitsrechte für Tiere“ mit Tier und(!) Mensch.

Immer wieder begegne ich auf meinen Spaziergängen in der Natur Menschen, die mir sagen, mein Hund habe kein Zeitbewusstsein, er habe auch kein Bewusstsein an sich, daraus folglich kein Selbstbewusstsein und daraus folgend auch keine wirkliche Erinnerungsfähigkeit. Mir kommt das immer seltsam vor. Wenn ich meinen Hund beobachtete, kann ich doch sehen, dass er darin unterscheidet, ob ich fünf Minuten oder drei Stunden von ihm getrennt bin? Da mein Begleiter ein sehr lernfähiges Tier ist, meine ich ebenso zu bemerken, wie er sich stetig an kleinen Aufgaben fortentwickelt. Erweitere ich seine Aufgaben, scheint er sogar vom Kleinen zum Größeren „abstrahieren“ zu können. Mit „abstrahieren“ meine ich, er kann von etwas Einzelnem eine allgemeine Sache ableiten. Ich wundere mich daher täglich neu über die sehr verbreitete Meinung, Tiere seien eben „bloß“ Tiere, sie hätten ein grundsätzlich anderes Empfinden. Oder kein Empfinden, was messbar wäre? Wenn wir auf die Massentierhaltung blicken, wird schließlich auch täglich vorgeführt, dass Tiere angeblich nicht leiden, wenn sie gequält und abgeschlachtet werden.

Weil sie nichts dazu sagen können, was wir als Kommunikation anerkennen?

Wer Tiere beobachtet und mit ihnen gemeinsam lebt, kommt jedenfalls zu anderen Erkenntnissen. Es ist verblüffend, wie hoch entwickelt unsere Wissensgesellschaft ist, während uns viele Dinge des gesunden Menschenverstandes abgehen. Die Primaten-Forscherin Jane Goodall hat viel beobachtet. Unter anderem hob sie in ihrer Forschung das Unterscheidungskriterium zwischen Mensch und Tier auf. Die Trennungslinie zwischen Homo sapiens und seinen haarigen Vettern sei seither verwischt. „Es ist nicht mehr möglich, Menschenaffen als bloße Dinge zu begreifen. Sie sind Wesen mit Selbstbewusstsein, die denken, planen und fühlen“, sagt Dirk Steffens, der Goodalls Arbeit beobachten durfte. Demnach müsste dieses Wissen, unseren Blick auf die Tiere und die belebte Natur insgesamt verändert haben, so jedenfalls das Resümee. Die Garantie einiger „Menschenrechte“ für Menschenaffen sei „inzwischen keine Idee von Ökospinnern mehr, sondern eine wissenschaftlich fundierte Forderung.“

Wer Tiere beobachtet, kommt zu anderen Erkenntnissen.

Eine wissenschaftliche „Grundierung“ erbringt ebenfalls Karsten Brensing. Den Delfin-Forscher lernte ich in Berlin kennen, als wir gemeinsam mit einer Gruppe von Kindern in einer Schule über das Leben der Tümmler sprachen. Karsten Brensing hat ein neues Buch heraus gebracht. Darin fragt er nach den Persönlichkeitsrechten von Tieren (Verlag Herder). Er fragt nach der nächsten Stufe der moralischen Evolution. Wie das?

Ein Buch über die Persönlichkeitsrechte von Tieren?

Aus naturwissenschaftlicher Sicht, sagt Brensing, sind wir Menschen Säugetiere. „Also Tiere. Wir gehören zu einer kleinen Untergruppe der Trockennasenaffen und sind, als relativ junge Art in der biologischen Systematik, wahrlich nichts Besonderes.“ Für ihn steht zweifelsfrei fest, wir teilen viele Gefühle wie beispielsweise Angst mit Tieren. Demgegenüber ständen Emotionen, die wir nur uns Menschen zutrauen. Können Tiere ebenfalls trauern, lieben und lachen? Haben sie Mitgefühl und ein Gespür für Fairness, richtig und falsch, und haben sie eine Moral? „Zweifelsfrei haben Tiere Gefühle, und wie wir gelernt haben, sogar solche, die wir gemeinhin als typisch menschliche Gefühle betrachten“, schreibt Brensing und belegt das an vielerlei Beispielen. Das belegen zahlreiche Beobachtungen von Delfinen, Elefanten und Primaten. Brensing stellt fest, dass wir wissen, dass wir nicht die einzigen Lebewesen mit einer „Theory of Mind“ sind.

Der Begriff beschreibt die Fähigkeit, sich in ein anderes Individuen hineinversetzen zu können.

Er ist im Prinzip die Grundlage für Mitgefühl und Verständnis. Wenn Tier und Mensch dazu fähig sind, läge es doch nahe, dass sie ein Selbstbewusstsein haben, oder? In der neueren Forschung geht um die Qualität des Selbstbewusstseins. Es sei von großer Bedeutung, Aspekte wie die innere Zwiesprache oder das Denken über das Denken zu berücksichtigen. Dies führe dazu, dass einige Annahmen, die vor ein paar Jahren noch als gesetzt galten, heute schon wieder infrage gestellt werden müssen. Man habe festgestellt, dass Aspekte des Selbstbewusstseins und der Wahrnehmung des Selbstbewusstseins bei anderen in der rechten Hirnhemisphäre bearbeitet werden, Selbstreflexion und Zwiegespräch aber eher in der linken.

Karsten Brensing erwähnt zahlreiche verhaltensbiologische Tests.

Unter anderem konnten menschliche Kinder ab einem bestimmten Alter als auch einige Tierarten erfolgreich auf Selbstbewusstsein getestet werden. In diesem spannenden, gut lesbaren Buch erfahren wir viel über die Erforschung der Tiere und über menschliche Irrtümer. So haben Delfine ein sehr komplexes Gehirn. Delfine können neuartige Probleme lösen und sind zu strategischem Denken fähig. Sie haben eine Vorstellung von Raum und Zeit und können für die Zukunft planen. „Es fällt schwer zu glauben, dass diese komplexen kognitiven Leistungen nicht mit der Entwicklung einer Persönlichkeit einhergegangen sein sollen. Darüber hinaus ist ihr eigener freier Wille vermutlich genauso wenig frei wie der unsere.“, schreibt Brensing.

Freier Wille bei Tier und Mensch?

Dieser Gedanke ist deshalb so interessant, weil es uns dazu führen müsste, die Frage erneut danach zu stellen, wie wir unser menschliches Besitzdenken auf diesen Planeten rechtfertigen und den Umgang mit unserer natürlichen Umwelt. Ist es wirklich nötig, auf ein wissenschaftliches Argument zu warten, dass uns unumstösslich „beweist“, dass Tiere uneingeschränkte Rechte benötigen? Ach ja, die wissenschaftliche Beweisbarkeit! Oder der gesunde Menschenverstand?

Es bleibe, so Brensing, eine politische und ethische Entscheidung, ob wir uns aus unserer Machtposition heraus für den einen oder anderen Standpunkt entscheiden. Es gibt nicht DAS wissenschaftliche Argument, welches uns Menschen davon überzeugen würde, unsere dominante Position freiwillig aufzugeben. Es sei und bliebe unser eigener, bewusster Schritt in der moralischen Evolution – ein Schritt, den wir bereits vor über 2.300 Jahren begonnen haben: In dubio pro reo.“ (Latein: „Im Zweifel für den Angeklagten“)

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