Kinderonkologie: Erfolg mit Schattenseiten

75 Prozent aller Fälle von Krebs bei Kindern können geheilt werden. Krebserkrankungen bei Kindern stellen die Wissenschaft nach wie vor vor ungelöste Rätsel. Eine EU-weite Forschungsinitiative soll Antworten finden.

250 Kinder in Österreich erkranken jedes Jahr an Krebs. In Deutschland sind es rund 2.000 Kinder zwischen 0 und 15 Jahren, die mit einer bösartigen Neubildung diagnostiziert werden. Europaweit sind jährlich 12.000 Kinder mit einer Krebsdiagnose konfrontiert. Fast alle werden wieder gesund. Fast, denn einem Viertel der erkrankten Kinder kann auch mit modernen Therapiekonzepten nicht geholfen werden. „Das müssen wir ändern“, hält der Kinderkrebsspezialist und ärztliche Direktor des St. Anna Kinderspitals, Prof. Dr. Helmut Gadner im Interview fest. Und das ist gar nicht so einfach. „Denn aufgrund der geringen ,Fallzahlen‘ ist die Pharmawirtschaft an der Erforschung neuer Behandlungskonzepte nur mäßig interessiert“, wie der Kinderkrebsspezialist festhält.

DIRECT kommunizieren

Ein europaweites Projekt, das im März 2008 gestartet wurde, soll das Interesse an der Behandlung von Kinderkrebserkrankungen umfassend kommunizieren, die Grundlagenforschung anregen und neue Therapiekonzepte erforschen. Finanziert wird das Projekt vom 7. EU-Rahmenprogramm. Österreichische und deutsche Kinderonkologen haben sich im Projekt DIRECT zusammengeschlossen. „DIRECT heißt Disseminate Results from EC funded projects improved Therapy options in paediatric oncology“, erläutert Gadner. Beteiligt sind die St. Anna Kinderkrebsforschung, das St. Anna Kinderspital, die Deutsche Kinderkrebshilfe sowie die Filmfirma Otto Pammer, die das Projekt über zwei Jahre lang begleiten und eine TV-Dokumentation erarbeiten wird. 618.000 Euro stehen für das erste Jahr des auf zwei Jahre angelegten Projektes zur Verfügung.

Nur ein Prozent Karzinome

Im Gegensatz zu Erwachsenen sind bei Kindern nur ein Prozent der Krebserkrankungen Karzinome. Am häufigsten erkranken Kinder an Leukämien, 34 Prozent der Diagnosen betreffen diese Erkrankung. 22 Prozent erkranken an einem Gehirntumor und 12Prozent an Lymphomen. Häufig ist außerdem das Neuroblastom mit ca. acht Prozent und das Nephroblastom mit rund 5,5 Prozent.* Knochentumoren treten seltener auf, diese werden vor allem bei Teenagern und häufiger bei Jungen diagnostiziert.

Alexander Löhr ist einer dieser Jungen. Bei ihm wurde mit 14 Jahren ein Ewing-Sarkom diagnostiziert. „Ein Schock“, wie er im Interview sagt. Aber letztlich „eine positive Erfahrung. Meine Familie hat eng zusammengehalten, die Erfahrung hat uns zusammengeschweißt“, berichtet der Medizinstudent. Alexander Löhr ist inzwischen völlig gesund. Trotzdem spielt die Erkrankung nach wie vor eine Rolle in seinem Leben. Löhr engagiert sich bei den „Survivors“, einer Gruppe junger Erwachsener, die als Kinder an Krebs erkrankt und erfolgreich behandelt worden sind.

Denn einfach haben es die Überlebenden einer Krebserkrankung im Kindesalter durchaus nicht: „Ich werde nie eine Lebens- oder private Krankenversicherung abschließen können“, berichtet Löhr. „Die Versicherungsanbieter gehen automatisch davon aus, dass jemand, der als Kind an Krebs erkrankt ist, auch später im Leben massive gesundheitliche Probleme haben wird.“ Auch potenzielle Arbeitgeber schreckt eine überstandene Krebserkrankung nicht selten. Ein Ärgernis für den Kinderkrebsspezialisten Helmut Gadner: „Diese jungen Erwachsenen sind nicht selten deutlich belastbarer als jene, die keine solche Erkrankung durchmachen mussten“, so Gadner. Ein weiteres Problem: Wer keinen Job hat, bekommt möglicherweise auch keine Krankenversicherung: „Ein Drama“, ärgert sich Gadner. „Diese Personen sind zwar gesund, trotzdem sollten sie regelmäßig nachbeobachtet werden.“

Bessere Heilungschancen

Die in der Öffentlichkeit wenig präsenten Probleme von Menschen, die als Kind eine Krebserkrankung überstanden haben, sollen mit DIRECT kommuniziert werden. „Dazu wollen wir die Menschen für die Wichtigkeit der Kinderkrebsforschung sensibilisieren, um letztlich auch jenen 25 Prozent Erkrankten, die wir heute noch nicht heilen können, zu helfen“, zeigt sich Gadner zuversichtlich.

* Zahlen von der Deutschen Kinderkrebshilfe

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