Moderne Mythen rund um den Wein

Rund um den Wein und den Weingenuss haben sich diverse Mythen gebildet. Darunter finden sich jedoch auch einige Irrtümer.

Seit jeher wird Wein, eines der ältesten berauschenden Getränke der Menschheit, zu Festen und rituellen Ereignissen getrunken. Bis zum heutigen Tage haftet dem Wein etwas Erhabenes, Feierliches an. Eine Flasche guten Wein kippt man nicht so einfach runter. Eine Flasche Wein macht man auf, um ein besonderes Ereignis zu feiern, einen geselligen Abend mit guten Freunden zu verbringen oder einen schönen romantischen Abend mit (s)einer Frau zu krönen. Ein Gläschen Wein gibt dem Moment einen Hauch von etwas Besonderem. Mit der Zeit haben sich auch um den Wein gewisse Rituale und Mythen gebildet. Doch was ist an den Mythen dran?

Ein Wein muss atmen

Ein Wein muss atmen. Daher soll man die Flasche eine Stunde, bevor man den Wein trinkt, entkorken. Dies ist zumindest unter Weinfreunden die weit verbreitete Meinung. Doch stimmt dies? In der Praxis fällt das Öffnen einer Flasche geraume Zeit, bevor man das gute Tröpfchen genießt, nicht sonderlich ins Gewicht. Der Geschmack verändert sich zwar marginal, doch ist dies mit den Sinnen kaum festzustellen. Wenn man recht überlegt, kommt man selbst zu diesem Schluss. Denn lediglich über die kleine Flaschenöffnung kann die Luft an den Wein gelangen. Und diese Menge ist zu wenig, als dass hier nennenswerte Veränderungen im Wein vonstatten gehen könnten. Bereits beim Einschenken wird ein Vielfaches mehr an Sauerstoff an den Wein geführt, als in einer Stunde, in der die Flasche offen da gestanden hätte. Außerdem sollte man bedenken, dass die üblichen Konsumweine, auch wenn sie ein bisschen teurer waren, schlichtweg keine Substanz haben, sich durch das „Atmen“ zu verbessern.

Das Dekantieren der Weinflasche über einer Kerze

Ein Wein sollte über einer Kerze dekantiert werden. Die Kerze wärmt hierbei den gerade geöffneten Wein und bringt ihn auf die eigentliche Trinktemperatur. So jedenfalls könnte man den Eindruck gewinnen, wenn man in einem Spitzenrestaurant dem Sommelier zusieht, wie er eine gute (teure) Flasche Rotwein dekantiert. Beim Füllen des Weines in eine Karaffe hält der Weinkellner die Flasche, besser gesagt den Flaschenhals über eine Kerze. Dies sollte man daheim jedoch tunlichst vermeiden. Feuer oder Wärme schadet eher dem guten Tropfen. Doch warum tut der Sommelier dies?

Bei Rotweinen, die etwas älter sind, hat sich unten in der Flasche ein Sediment, ein so genanntes Depot gebildet. Durch das vorsichtige Umgießen in die Karaffe verhindert man, dass das Depot mit in die Karaffe gelangt. Daher hält der Sommelier die Flasche über die Kerzenflamme oder in der Nähe der Kerze, um genau zu sehen, was sich in der Flasche abspielt und um zu verhindern, dass sich auch Bodensatz in die Karaffe ergießt. Und was würde sich besser eignen, als dies über eine Kerze zu machen. Außerdem unterstreicht dieses geheimnisvolle, theatralische Ritual vorzüglich das Ambiente des Gourmet-Restaurants und die Besonderheit des gewählten Weines. Der Gast wird auf den bevorstehenden Genuss eingestimmt und dabei bestens davon abgelenkt, dass das Ganze eigentlich nur dazu dient zu verhindern, dass der Bodensatz, ein Abfallprodukt, ins Glas gelangt.

Qualitätsweine – Weine werden mit dem Alter immer besser

Viele Weinfreunde haben daheim einen eigenen „Weinkeller“, oftmals nur einen Platz im Keller, an dem sie die eine oder andere gute Flasche Wein für besondere Gelegenheiten lagern. Denn wie man weiß, wird Wein, je älter er wird, immer besser. Nicht zuletzt sprechen auch die riesigen Weinkeller, in denen die Winzer ihre guten Tropfen in Fässern oder auch Flaschen über Jahrzehnte, wenn nicht sogar über Jahrhunderte reifen lassen, hierfür.

Dies mag für die Weinkeller der Winzer zu treffen, aber für den heimischen Weinkeller eher nicht. Zum einen darf man bei den Weinen, die im Handel üblicherweise verkauft werden, nicht annehmen, dass sich ihre Qualität noch durch langjährige Reife entwickelt. Diese Weine sind in der Regel für den baldigen Konsum gedacht. Eine Verbesserung des Weines im Kellerregal ist daher nicht zu erwarten.

Spitzenweine – Weine reifen im Weinkeller über Jahre

Zum anderen darf man auch bei den „großen“, lagerfähigen Weinen nicht davon ausgehen, dass die Reifeentwicklung und die Qualität für immer und ewig über Jahre anhalten. Irgendwann kippt auch der beste und haltbarste Wein. Wann dies sein wird, hängt vom individuellen Lebenszyklus des Weines ab. Was vor ein paar Jahren noch eine mehrere tausend Euro teure Flasche Wein gewesen war, kann morgen zu einer nach Essig schmeckenden Plörre verkommen sein. Dies passiert dann, wenn der Höhepunkt der Reifung und Verfeinerung des Weines erreicht ist. Die weitere Lagerung über diesen Punkt hinaus bewirkt dann das Gegenteil, nämlich den Abbau der Qualität. Dies findet natürlich nicht urplötzlich statt. Der Wein wird nicht von heute auf morgen schlecht, sondern so wie seine Lagerzeit ihn über Jahre zu dem Spitzenwein gemacht hat, so nagt die Zeit auch über einen längeren Zeitraum an seiner Qualität.

Weine schmecken im Urlaub anders als zuhause

Ein weiteres Mysterium ist, dass Weine im Urlaub immer anders schmecken als daheim. Man könnte zu dem Schluss kommen, dass dem Wein das Reisen nicht bekommt. Ob es an der Luftveränderung liegt? Oder vielleicht an der Wärme? Jedenfalls schmeckt der gleiche Wein hier nicht so, wie im Urlaub im Süden. Oft wundert man sich noch, wie man diesen Wein noch für einen guten Tropfen halten konnte. Schlimmstenfalls hat man sich noch mit etlichen Flaschen von dem einst wohlschmeckenden Gesöff eingedeckt. Und nun? Der Wein hat seinen guten Geschmack verloren.

Falsch. Es liegt nicht am Wein. Nicht der Wein hat sich verändert, sondern die Wahrnehmung des Weintrinkers. Die neuen Eindrücke am Urlaubsort, die Entspannung, die lockere, lebensfrohe Atmosphäre, das warme Klima, die gute, regionale Küche, die salzige Meeresluft, das besondere südländische Licht und so weiter haben Einfluss, wie die Sinnesorgane und das Gehirn den Geschmack des Weines wahrnimmt. Zurück in der Heimat fehlen diese einwirkenden Faktoren. Der Wein ist zwar der Gleiche, aber dennoch schmeckt er anders.

Und so ranken sich noch einige Mythen um den Rebensaft. Doch was wäre der Wein ohne seine Mysterien.

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