Nachtschatten und Inhaltsstoffe

Atropin, Alkaloide, Tropanalkaloide, Steroide, Nikotin & Co. Gefährliche, hilfreiche Substanzen: In Nachtschattengewächsen findet sich beides. Welche Stoffe machen diese Pflanzen aus?

Nachtschattengewächse können in verschiedene Untergruppen unterteilt werden, je nachdem, welche Inhaltsstoffe sie haben. Die Hauptinhaltsstoffe heißen Tropanalkaloide, Steroide, Capsicin, Nikotin oder Cumarine.

1. Tropanalkaloidhaltige Nachtschattengewächse

Tollkirsche, Stechapfel, Bilsenkraut, Alraune und Scopolia sind Pflanzen, die sogenannte Tropanalkaloide enthalten. Für die Medizin interessant sind die Hauptalkaloide Hyoscyamin, Scopolamin und das als Trocknungs- und Aufbereitungs-Artefakt entstehende Atropin.

Tropanalkaloide hemmen die Speichelsekretion, lassen die Herzfrequenz steigen, führen zu Wärmestau, Hautrötung, Unruhe, Halluzinationen, Delirien, Pupillenerweiterung, Mundtrockenheit, Herzklopfen und Beschwerden beim Harnlassen.

Die unerwünschten Wirkungen von Tropanalkaloiden werden medizinisch als Spasmolytikum (krampfstillendes Mittel) genutzt. Auch die lokalanästhetische (betäubende) Wirkung und Schmerzstillung werden gewürdigt. Lange Zeit waren standardisierte Auszüge aus der Tollkirschenwurzel zudem die einzigen verfügbaren Anti-Parkinsonmittel.

Der Wirkstoff Atropin ist krampflösend, vagusstimulierend und wird schulmedizinisch in Augentropfen, als Mydraticum (Mittel zur Weitstellung der Pupillen), zur Narkoseprämedikation, bei Herzrhythmusstörungen und als Antidot (Gegengift) bei Vergiftungen mit Alkylphosphaten und Carbamaten eingesetzt. Der bronchospasmolytische Effekt wurde in Räucherpulvern und Asthmazigaretten verwendet.

Der Wirkstoff Scopolamin ähnelt jenem des Atropins. Durch seine höhere Fettlöslichkeit dringt Scopolamin besser ins Zentralnervensystem ein. Der antiemetische Effekt (gegen Erbrechen) ist stärker, die reiseprophylaktische Auswirkung unbestritten, wie auch die Wirkung am Auge, die positive Beeinflussung von Morbus Parkinson. Unangenehm ist die enorme Hemmung der Speichelsekretion. Scopolamin dringt gut durch die Haut, gelangt sofort in die Blutbahn, sodass Wirkung und Dosis besonders zu beachten sind.

Bereits in therapeutischen Dosen hemmt Scopolamin die Speichel- und Schweiß-Sekretion und verursacht eine Pupillenerweiterung. Im Gegensatz zu den meisten halluzinogenen Substanzen, die phantasieanregend wirken, das individuelle Erlebnis erweitern, lähmt und hemmt Scopolamin diese Folgen eher, sodass auch die Erinnerung verblasst oder völlig aufgehoben wird. Dies nutzte man bereits in der Antike für diebische Absichten und weibliche Verführungskünste.

Hyoscyamin wird durch Extraktionen aus Tollkirsche, Bilsenkraut und Stechapfel gewonnen und die Wirkungen ähneln dem des Atropins.

2. Steroidhaltige Nachtschattengewächse

Die enthaltenen Steroide heißen Phytosterine, Glykoside und Ester. Phytochemisch interessant ist noch die Gruppe der Withanolide, die weiterhin in der Erforschung sind, ähnlich den Alkaloiden und ursprünglich der Abwehr von Fressfeinden dienten.

Aubergine, Bittersüßer Nachtschatten, Judenkirsche, Kartoffel, Schwarzer Nachtschatten und Tomaten enthalten in allen Pflanzenteilen Solanum-Alkaloide. Solanin, ein glycosidisch gebundenes Steroid, hat saponinartige (seifenartige) Wirkungen. Es bewirkt die Hämolyse von roten Blutkörperchen und gilt als Protoplasmagift.

Lokal und innerlich angewendet kann es zu starken Reizungen, zur Erregung des Zentralnervensystems mit Krämpfen, zu Muskelzittern, Temperaturabfall und Atembeschwerden kommen. In hohen Dosen können solaninhaltige Pflanzenteile zum Tod durch Atemlähmung führen, in angemessener Dosis finden diese Pflanzen Anwendung bei Hautkrankheiten, chronischem Rheumatismus, Asthma und Blasenentzündung.

3. Nikotinhaltige Nachtschattengewächse

Tabak und Bauerntabak

Nikotin ist ein biologisch stark aktives Alkaloid. Die Wirkungen zeigen sich klinisch unter anderem in der Zunahme der Herzfrequenz, einer Blutdruckerhöhung, zentraler Stimulation und einer gesteigerten gastrointestinalen Motilität (Beweglichkeit des Magen-Darm-Traktes). Nikotin kann die Adrenalinproduktion stimulieren und wird als abhängigkeitserzeugende Substanz im Tabak angesehen.

Die westliche Medizin nutzt Nicotiana tabacum nur noch in homöopathischer Verdünnung oder in Präparaten zur Raucherentwöhnung. Äußerlich wurde früher ein Aufguss aus den Blättern bei Kolik, eingeklemmten Brüchen, Darmverschlingung, Ohnmacht und Starrkrampf gegeben, bei Läusen und Krätze verabreicht und auch für befallene Gartenpflanzen genutzt. Tabak galt medizinisch als Sedativum (Beruhigungsmittel), Diuretikum (harntreibendes Mittel), Expektorans (auswurfförderndes Mittel) und wurde als Emetikum (Brechmittel) eingesetzt, wenn alle anderen Mittel versagten.

Die Einbürgerung weckte im 19. Jahrhundert die Experimentierfreudigkeit der Heilkundigen: Kopfstärkend, vor Keuchen bewahrend, schlaffördernd, schmerzstillend, gegen Schuppen und Müdigkeit von der Arbeit und Würmer wurde er empfohlen. Auch gegen Cholera soll Tabak geholfen haben, als Klistier (Einlauf) allerdings. Der Einsatz von Tabaksaft zur schleimlösenden, antibakteriell wirksamen Rezeptur dient der Wirkverstärkung via Nervenreizleistungssystem. Gemeinsam mit der Brechwurzel wurde Tabak entsprechend zur Förderung der Expektoration genutzt, ein Prinzip, welches bis heute in der Phytotherapie überlebte. Schnupfpulver dienten der Reizung der Nasenschleimhäute.

4. Capsaicinhaltige Nachtschattengewächse

Hier finden wir Spanischen Pfeffer/ Paprika und Cayennepfeffer.

Zur Isolierung werden die Früchte verwendet. Schon in kleinsten Dosen regt Capsaicin die Speichel- und Magensaftsekretion an, der Wärmereiz auf der Haut löst Mehrdurchblutung aus. Paprika ist enorm vitaminreich, gilt in der Volksmedizin als Mittel, um Herz und Kreislauf zu festigen, Herzinfarkt vorzubeugen, Durchblutungsstörungen zu lindern. Dazu allerdings muss die Dosis entsprechend hoch sein. Nachdem Paprika in Europa eingeführt wurde, verbreitete sich das Gewächs rasch, wurde zugunsten der Verdauung, als Mittel gegen Wassersucht, zur Erregung des Gefäß- und Nervensystems und zur Behandlung von Suchtkrankheiten angesehen. Auch gegen funktionelle Störungen wie Impotenz und andere Erkrankungen, die die Harn- und Geschlechtsorgane betreffen, soll sie helfen.

In der Homöopathie wird Paprika als Konstitutionsmittel eingesetzt, ebenso bei lockerer Gewebebildung, Schwäche, verringerter vitaler Wärme, Trägheit, Kälte und mangelnder Reaktionsfähigkeit. Fettleibige Menschen, die träge und abgeneigt jeder Bewegung sind, sollen damit angeregt werden.

Cayennepfeffertinktur wird medizinisch bei schmerzhaften Muskelbeschwerden und rheumatischen Beschwerden eingesetzt, wirkt auf Nervenendigungen und führt in hohen Dosen eine Analgesie (Schmerzstillung) herbei, erzeugt Wärmegefühl, wirkt durchblutungsfördernd, entzündungshemmend und betäubend.

Cumarine

Diese Substanzen sind ebenso charakteristisch für die Pflanzenfamilie der Nachtschatten, cumarinfreie Gattungen sind bislang nicht bekannt. Den meisten Menschen wird Cumarin als Duftstoff geläufig sein, der bei gemähtem Heu oder Waldmeister auftritt. Cumarin gilt als leberschädigend.

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