Sarrazin und die Intelligenz – Alles eine Sache der Gene?

Sarrazin greift neben der ‚ungewöhnlichen‘ Fruchtbarkeit bestimmter ‚Ethnien‘ auch die genetische Bedingung von Intelligenz auf. Zurecht?

„Ihre Blödigkeit scheint rassisch bedingt … Es scheint gegenwärtig keine Möglichkeit zu geben, die Gesellschaft davon zu überzeugen, dass ihnen die Fortpflanzung nicht erlaubt werden sollte, obwohl sie aufgrund ihrer ungewöhnlich fruchtbaren Vermehrung vom eugenischen Standpunkt ein schwerwiegendes Problem darstellen.“

So urteilte nicht Sarrazin, sondern einer der frühen amerikanischen Intelligenzforscher, Louis Terman, 1916 über die ‚Neger‘.

Faktorenanalytische und bereichsspezifische Intelligenz

Üblicherweise kann man den Intelligenzbegriff in zwei Unterbegriffe aufschlüsseln. Der eine, der faktorenanalytische, teilt die Intelligenz in viele verschiedene Unteraspekte ein. So gliedert das Intelligenzstrukturmodell(SOI) von Joy Paul Guilford die Intelligenz in drei Dimensionen auf, die jeweils wieder in Aspekte unterteilt sind. Jeweils je ein Aspekt jeder Dimension kombinieren sich zu einer bestimmten geistigen Aktivität. Insgesamt gibt es im Intelligenzmodell von Guilford hundertfünfzig solcher geistigen Aktivitäten, die entlang den drei Dimensionen gebildet werden können.

Das andere, wesentlich berühmtere Modell ist das bereichsspezifische. Es ist mit dem Namen Howard Gardnerverbunden. Dieser hatte acht Bereiche postuliert, für die man je verschiedene Intelligenzen brauche. Neben der logisch-mathematischen und der linguistischen Intelligenz gibt es eine räumliche und eine kinästhetische Intelligenz. Gardner selbst hat diese Einteilung später massiv kritisiert.

IQ und Intelligenz

Ein IQ ist eine Zahl, die aus der Teilnahme an einem Intelligenztest entsteht. Intelligenzforscher sehen zwischen dieser Zahl und der Intelligenz als solche nur einen losen Zusammenhang. Zudem weiß man, dass Intelligenz sich in Kompetenzen ausdrücken muss, um überhaupt festgestellt werden zu können. Kompetenzen können aber auch durch Übungen und Denktrainings aufgebaut werden. Diesen Kompetenzen wiederum muss allerdings noch Gelegenheit zum Ausdruck gegeben werden. Dies nennt man Performanz. Intelligenz drückt sich also nur indirekt zunächst über Performanzen und dann Kompetenzen aus.

Geschwisterforschung

Die amerikanischen Intelligenzforscher Plomin und Petrill untersuchten eineiige und zweieiige Zwillinge, die zusammen oder getrennt aufgewachsen waren, und ebenso Geschwister, die in derselben Familie oder getrennt aufgewachsen waren. Dabei stellten die beiden bei der genetischen Verwandtschaft eine hohe Übereinstimmung fest, immerhin bei eineiigen Zwillingen in derselben Umgebung eine Korrespondenz von ca. 83%. Der erste Fehler schleicht sich in diese Untersuchung ein, wenn die Umgebung getrennt aufgewachsener eineiiger Zwillinge mit einer Nicht-Übereinstimmung bewertet wird (ausgedrückt durch eine Null).

Doch das ist ein Irrtum. Mit Sicherheit werden beide eineiige Zwillinge Menschen gehabt haben, die mit ihnen sprachen, sie werden Bücher gehabt haben, Sport, Unterricht und anderes. Von einer vollkommenen Nicht-Übereinstimmung kann also keine Rede sein. Damit wird aber die vererbte Intelligenz als alleiniger Bestimmungsfaktor äußerst fragwürdig.

Auch wenn man im Gegenteil die Ergebnisse der Untersuchung nicht vollständig vom Tisch wischen kann, so darf man doch die Werte als ungenau und fragwürdig angeben. Auch andere Zahlen und Verhältnisse, die Plomin und Petrill postuliert haben, lassen sich rasch hinterfragen.

Die Lehren des Herrn Lehrl

Siegfried Lehrl ist Psychologe und Vorsitzender der Gesellschaft für Gehirntraining. Am 27.08.2010 gab er dem Focus-Online ein Interview. Er gibt Sarrazin insofern Recht, als er behauptet, dass Intelligenz zu 50% – 80% vererbt werde. Kurz zuvor spricht er davon, dass der IQ in Deutschland zwischen 1954 und 1981 um 17 Punkte gestiegen sei. Sieht man sich die Berechnung des IQ an, sieht man sofort, dass sich hier eine Milchmädchen-, d. h. -bübchenrechnung ergibt.

Dem IQ ist es eigen, dass er an der mittleren Intelligenz einer Gesellschaft gemessen wird. Diese liegt per Definition bei 100. Zudem gibt es eine statistische Normalverteilung der Intelligenz, die der Gaußschen Glockenkurve ähnelt. Das heißt zum einen, dass die Steigerung der Intelligenz in der Gesellschaft relativ zum Mittelwert, also relativ zum IQ von 100 berechnet werden muss. Zum anderen muss man die statistische Verteilung mit einrechnen. Diese ist nicht linear, entzieht sich also der Interpretation durch Grundrechenarten. Wer dies gründlich durchdenkt, wird schnell zu der Einsicht kommen, dass eine einfache Prozentzahl der „Vererbung, des Anstiegs oder Abfalls von Intelligenz“ anders verrechnet werden muss. Und wer ein wenig Ahnung von höherer Mathematik hat, wird hier zum mathematisch korrekter modellierten Vergleich die Integralrechnung (Fläche unter der Glockenkurve) heranziehen (müssen), die angeblich von 80 % der deutschen Bevölkerung nicht beherrscht wird, weil die geistigen Voraussetzungen fehlen.

Ernährung steigert die Intelligenz

Gleichzeitig macht Lehrl deutlich, dass eine gute Ernährung und eine Erziehung zur Aktivität die Intelligenz wesentlich steigere. Wie nun? Wesentlich, aber doch weniger als die Gene? Oder was, oder wie? Und wie ist das mit der postulierten falschen Vermehrungsrate arabischer und türkischer Migranten? Gibt er hier Sarrazin auch recht, wenn er einmal sagt: „Er [Sarrazin] warnt: Wenn man …“ [wer? er selbst? oder arabische Zahnärzte?] „… so weitermacht, …“ [mit der Vermehrung der migrantischen Familien?] „… wird die Intelligenz …“ [der Deutschen? seine eigene?] „… zurückgehen.“; und auf der anderen Seite sagt er: „Wichtige Gründe …“ [für die Abnahme der Intelligenz] „… sind: In den kleiner werdenden Familien …“ [der Türken?] „… nehmen Erfahrungen mit Kindererziehung ab. Gemeinsame Mahlzeiten mit Erfahrungsaustausch entfallen …“ [dank Sarrazin?] „… immer häufiger.“ [sagt wer?]

Wie nun Herr Lehrl? Hat Sarrazin Recht, wenn ‚gebärfreudige Türkinnen‘ für niedrigere Intelligenz verantwortlich sind, oder sind kinderreiche Familien geradezu ein Ort tradierter Erziehung zur Intelligenz? Widersprüche aushalten zu können soll ja angeblich auch ein Zeichen von Intelligenz zu sein. Aber müssen es gerade diese sein? Diese ungenau errechneten, diese so unbedacht zusammengestellten?

Fazit

Wer darüber gründlich nachdenken mag, dem seien zwei leckere Brain-Food-Shakes zur Förderung der Konzentration ans Herz gelegt.

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