Yoga als spirituelle Erfahrung

Ein Gebetsvorgang, der sich nur im Kopf und im Herzen vollzieht, ist wie ein Baum ohne Wurzeln. Das aus Indien stammende Sonnengebet bezieht den Körper mit ein.

Der ursprüngliche Sinn des Sonnengebets (auf Sanskrit Surya Namaskar) wurde in den alten vedischen Schriften Indiens so ausgedrückt:

Om

Ich versenke mich andächtig in das ehrwürdige Licht der göttlichen Sonne,

die die Erde, den Himmel und den Innenraum durchdringt.

Möge sie unser Bewusstsein mit Kraft erfüllen!

Om

Über die Yoga-Form des Sonnengebets (Surya Namaskar)

Yoga heißt Integration, Einheit, Harmonie mit allem. Als klassische Schrift der Yoga-Tradition gelten die Yoga-Sutras von Patanjali im 5. Jahrhundert vor Christus. Über die Jahrhunderte hat man in Indien verschiedene Formen der Yogaübungen gepflegt, um den Leib als das transparente Medium des Geistes zu erfahren und dadurch sich dem Göttlichen zu öffnen. Die indischen Meister sprechen von den sieben Kraftzentren oder Chakren, die sich entlang der Wirbelsäule entfalten, und die auf drei Bereiche verteilt sind: den Denkbereich (Kopf), den Gefühlsbereich (Herz) und den Vitalbereich (Leibmitte). Die Denkvorgänge und Gefühlsreaktionen können die Menschen nur verwandeln, wenn sie letztlich im Vitalbereich verankert sind. Ein Gebetsvorgang, der sich nur im Kopf und im Herzen vollzieht, ist wie ein Baum ohne Wurzeln.

Wirkung des Sonnengebetes (Surya Namaskar)

  • Es steht am Anfang einer Yogastunde als Vorbereitung auf die Ananas (Yogastellungen).
  • Es hilft morgens, sofort aktiv zu werden und abends, blockierte Energien wieder frei zu setzen.
  • Es dehnt und wärmt den Körper, regt besonders gut den Kreislauf an, um dadurch neue Lebensenergien zu bekommen.
  • In den zwölf öffnenden und schließenden Bewegungen werden alle Chakren angesprochen.

Früh am Morgen ist die Wirkung besonders stark, wenn man sich der aufgehenden Sonne zuwendet und bewusst bei den Übungen ein- und ausatmet. Der Strom der Atemkraft (prana oder chi) wird durch die bewusste Aufnahme der Sonnenenergie belebt und Prana fließt in der Wirbelsäule auf und ab. Dabei werden die sieben Chakren entlang der Wirbelsäule angeregt, sich zu öffnen. Wichtig ist dabei das rhythmische und kräftige Ein- und Ausatmen zu den Bewegungen.

Das Sonnengebet wirkt wie ein Gebet

Diese Übung wirkt kraftvoller, wenn wir die Bewegungen verbinden mit dem Atemrhythmus und einem Gebet oder einer Affirmation. Um 1980 schrieb eine amerikanische Nonne dieses Gebet als Annäherung zu den zwölf Bewegungen beim Sonnengebet.

  1. Mutter/ Vater in Stille komme ich zu Dir
  2. Ich hebe meine Hände und mein Herz zu Dir
  3. Beuge Dich herunter und berühre mich Mutter/ Vater
  4. Ich hebe meine Augen zu Dir
  5. Halte mich im Gleichgewicht
  6. Du trägst mich, bist mein Fels, meine Weisheit, Wissen und Erinnerung
  7. Ich hebe meine Augen zu Dir
  8. Aus meiner Tiefe rufe ich zu Dir
  9. Ich hebe meine Augen zu Dir
  10. Beuge Dich herunter und berühre mich Mutter/ Vater
  11. Ich hebe meine Hände und mein Herz zu Dir
  12. Mutter/ Vater in Stille komme ich zu Dir.

Auch die folgenden Gedanken aus den indischen Weisheitsbüchern (Upanischaden, Veden) machen das Sonnengebet sicher zu einer spirituellen Erfahrung: Sprich OM und dringe tiefer hinein. Mögest du das andere Ufer der Dunkelheit erreichen! (Mundaka Upanishad). Dieses Licht, das jenseits des Himmels leuchtet, dies ist wahrlich dasselbe Licht, das im Innern des Menschen leuchtet. (Chandogya Upanishad)

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