Anonyme Alkoholiker (AA)

65 Jahre in Deutschland

Eine Schnapszahl ganz besonderer Art können die Anonymen Alkoholiker in Deutschland feiern. Es gibt sie seit 65 Jahren in Deutschland.

Präambel

„Anonyme Alkoholiker sind eine Gemeinschaft von Männern und Frauen, die miteinander ihre Erfahrung, Kraft und Hoffnung teilen, um ihr gemeinsames Problem zu lösen und anderen zur Genesung vom Alkoholismus zu verhelfen. Die einzige Voraussetzung für die Zugehörigkeit ist der Wunsch, mit dem Trinken aufzuhören. Die Gemeinschaft kennt keine Mitgliedsbeiträge oder Gebühren, sie erhält sich durch eigene Spenden. Die Gemeinschaft AA ist mit keiner Sekte, Konfession, Partei, Organisation oder Institution verbunden; sie will sich weder an öffentlichen Debatten beteiligen, noch zu irgendwelchen Streitfragen Stellung nehmen. Unser Hauptzweck ist, nüchtern zu bleiben und anderen Alkoholikern zur Nüchternheit zu verhelfen. So beginnen alle Treffen der Anonymen Alkoholiker.

Die Regeln bei den Anonymen Alkoholikern (AA) sind einfach. Wer etwas sagen möchte, meldet sich. Derjenige, der das Treffen leitet, erteilt das Wort. Jeder darf ausreden. Jeder spricht nur von sich. Keiner bewertet.

Alkoholsucht ist eine Krankheit

Alkoholismus ist eine allmähliche entstehende, sich einschleichende Krankheit. Vom Genuss über den gewohnheitsmäßigen Konsum zum Missbrauch gibt es keine scharfen Grenzen. Arbeitskollegen und Vorgesetzte bemängeln, dass jemand zu spät kommt. Lebenspartner lästern über die Trinkgewohnheiten ihrer Freundin oder ihres Mannes. Freunde wissen, der ist launisch. Der Betroffene selbst merkt meist zuletzt, dass er bereits abhängig ist. Die tief sitzende Scham wird von nahezu jedem Süchtigen überdeckt: „Ich habe das alles im Griff!“ Genau das ist nicht der Fall.

Alkoholismus ist wie alle Suchtkrankheiten dadurch charakterisiert, dass der Betroffene die Kontrolle über sein Verhalten verloren hat. Nach dem ersten Schluck ist das Verlangen weiter zu trinken, nicht zu bändigen, wird zur Gier. Die innere Ruhe nach dem ersten Schluck ist trügerisch. Sie kommt jedes Mal später. Eines Tages gar nicht mehr. Egal wie viel getrunken wird. Das Spektrum des Verhaltens ist breit. „Wären alle Menschen gleich, würde im Prinzip einer genügen“, sagen AA in dem ihnen eigenen trockenen Humor. Der Eine trinkt regelmäßig und hält so seinen Spiegel, der Andere säuft sich alle paar Wochen die Birne voll.

55 Jahre. Eine Schnapszahl!

Am 31. Oktober 1953 luden amerikanische Soldaten, Alkoholiker in AA, in der Rubrik „Was Sie heute wissen müssen“ einer Münchner Zeitung zu einem ersten Treffen in Deutschland ein. Heute treffen sich mehr als 3.000 deutschsprachige AA mindestens einmal wöchentlich in einem „Meeting“. Weltweit sind es mehr als eine Million. Genau weiß das niemand. In AA tritt niemand als Mitglied ein. Niemand kontrolliert, wer wann wie oft kommt und wohin wieder geht. In geschlossenen Meetings treffen sich die Alkoholiker. An offenen Meetings können auch Familienangehörige, Freunde, Verwandte oder sonst Betroffene teilnehmen. Bei öffentlichen Informationsmeetings sprechen auch Fachreferenten oder den AA nahestehende Ärzte, Therapeuten, Sozialarbeiter.

Weder Patentrezepte noch Gesamtlösung

Alkoholische Getränke sind allgegenwärtig. Im Haushalt, im Betrieb, in der Freizeit. Die Werbung verkauft keine Alkoholika. Sie verkauft Lebensgefühle. Entspannung, Spaß, Freude, Freiheit. Was sagen die Anonymen Alkoholiker dazu? Die AA beteiligen sich nicht an öffentlichen Debatten. Eine Idee gesamtgesellschaftlicher Abstinenz kommt ihnen nicht in den Sinn. Sie beanspruchen nicht, die gesellschaftliche Probleme des Komasaufens bei Jugendlichen oder den Alkohol-Drogenkonsum in Künstlerszenen lösen zu können. Deshalb gibt es auch keine Werbung der AA. Es gibt keine prominenten AA in Presse, Rundfunk, Film und Fernsehen. Sie haben keine Patentrezepte. Sie versprechen nichts. Sie machen die Termine ihrer Treffen bekannt, stehen im Telefonbuch, betreiben Ansprechstellen. Sie konkurrieren nicht mit anderen Selbsthilfegruppen. Sie sind da, wenn jemand sie braucht. Mehr nicht. Anonyme Alkoholiker sind eine Gemeinschaft von Männern und Frauen, die Hilfesuchende an ihrem Leidens- und Lebensweg teilhaben lassen. In der Gruppe entsteht eine Kraft, die der Einzelne, Verzweifelte findet, wenn er sie sucht.

Alkoholismus ist nach medizinischer und psychologischer Kenntnis eine Krankheit, die nicht geheilt werden kann. Sie kann nur zum Stillstand gebracht werden. Durch Abstinenz. Keinen Tropfen mehr. Einmal Alkoholiker, immer Alkoholiker. Von einem Tag auf den anderen aufzuhören schafft nicht jeder. Diese Hürde erscheint unüberwindlich. Die AA haben deshalb eine einfache Regel. Sie trinken nur für heute nicht. Und morgen wieder. Nur für heute. Es gab nasse Alkoholiker, die heute trockene AA sind, die es sich in Stunden einteilen mussten. Es gibt nur das Heute. Gestern ist vergangen. Da hilft alle Reue und alles Jammern über das „schön saufen“ der angeblich so bösen Welt nicht. Die Sorgen vor dem Morgen fressen den kranken Alkoholiker schon heute auf und er ertränkt sie frei nach Wilhelm Busch: „Wer Sorgen hat, hat auch Likör.“ Nicht nur die Chemiker wissen, dass Alkohol ein vortreffliches Lösungsmittel ist. Er löst Bankkonten, Familien und Gehirnzellen auf. Nur Probleme löst er nicht. Die AA sehen das nüchtern.

Wie man das gesellschaftliche Alkoholproblem löst, wissen die AA auch nicht. Durch ihre praktische Selbst- und Lebenshilfe zeigen sie, wie Alkoholiker individuell genesen können. Früher mussten sie trinken, warum auch immer. Dann wollten sie nicht mehr trinken, warum auch immer. Eine Zeit lang dachten viele, sie dürfen nicht mehr trinken, empfanden es als Verbot. Heute brauchen sie nicht mehr zu trinken und sind in ihrer Freiheit zufrieden. So fangen sie jeden Tag neu an.

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