Beruf als Berufung

Studien- oder Berufswahl nicht an einer derzeitigen Mode orientieren. Wenn künftige Schulabgänger zum ersten Mal zur Berufsberatung kommen, erleben sie häufig keine Beratung im klassischen Sinne.

In der Regel erwarten den Berufssuchenden eher Prognosen seitens des Beraters, in welchem Bereich künftig besonders viel Bedarf an Arbeitskräften besteht. Die individuellen Wünsche und Neigungen werden jedoch vielfach nicht berücksichtigt.

Die Entwicklung des Arbeitskräftebedarfs – eher Mutmaßung als Wissen

Die Prognose, in welchem Bereich in der Zukunft viele Arbeitskräfte benötigt werden, schwankt ohnehin und ist ähnlich wie die Mode einem ständigen Wandel unterworfen, so dass niemand in der Lage ist, Voraussagen über einen Zeitraum von mehr als fünf Jahren zu treffen. Beispielsweise wurde Mitte der Neunziger fast jedem Studierwilligen, der gleichzeitig gut mit dem PC umgehen konnte, geraten, Informatik zu studieren, weil ein hoher, kontinuierlicher Arbeitskräftebedarf in der IT-Branche zu erwarten sei. Fakt ist jedoch, dass zwar nach wie vor IT-Spezialisten gesucht werden, dabei muss es sich jedoch nicht zwingend um Informatiker mit Hochschulstudium handeln. Gleichwohl werden IT-Spezialisten zwar gesucht, aber nicht in dem prognostizierten Ausmaß. Umgekehrt entsteht durch zahlreiche Stellenausschreibungen der Eindruck, dass Call Center Agent ein zukunftsträchtiger Beruf sei, in fünf Jahren kann dies aber schon wieder ganz anders aussehen. Für Ingenieure sah es vor rund zehn Jahren schlecht auf dem Arbeitsmarkt aus, wenn überhaupt, waren Stellen für Vertriebsingenieure ausgeschrieben, heute hingegen werden Ingenieure wieder verstärkt in verschiedenen Fachrichtungen gesucht.

Beruf als Berufung

Manche Berufe werden als besonders prestigeträchtig erachtet (z. B. Arzt, Apotheker, Steuerberater) oder als besonders zukunftsweisend, auf die persönlichen Wünsche und Neigungen des Berufssuchenden wird jedoch häufig gar nicht eingegangen. Stattdessen erntet er bei einem Berufswunsch, der weder seinen Eltern noch dem Berufsberater der Arbeitsagentur prestigeträchtig erscheint, eher Unkenrufe („Das ist doch brotlose Kunst!“) und wird somit vielfach in eine Schiene gedrängt, die Andere als richtig erachten. Dabei wird jedoch außer Acht gelassen, dass weder Eltern noch Berufsberater noch Freunde mit der Entscheidung für einen bestimmten Beruf leben müssen, sondern derjenige selbst.

Hinzu kommt, dass jemand, der mit Begeisterung bei der Sache ist, auch bei eventuell auftretenden Schwierigkeiten in Ausbildung oder Studium nicht so schnell das Handtuch wirft wie jemand, dem von Dritten ein Beruf aufgezwungen wurde; sei es aus persönlichen Motiven oder Vernunftgründen. Die meisten Menschen, die aus Vernunftgründen auf einer bestimmten Berufsschiene gefahren sind oder denen ein Beruf von Eltern, Lehrern, Berufsberatern usw. aufgeschwatzt wurde, gehören heute zu den vielen, die ihren Job bereits innerlich gekündigt haben, unabhängig von Arbeitsbedingungen und Entlohnung. Ohne innere Überzeugung kann keine Begeisterung für die ausgeübte Tätigkeit entstehen, deshalb stehen manche Menschen morgens nur noch aus einem Pflichtgefühl heraus auf, um zur Arbeit zu gehen.

Anders sieht die Sache jedoch aus, wenn jemand seinen Beruf nicht nur als reinen Broterwerb versteht, sondern als Berufung. Er geht mit viel mehr Engagement und Begeisterung an eine Sache heran, auch bei eventuellen Schwierigkeiten. Dies strahlt er wiederum auch gegenüber internen sowie externen Ansprechpartnern des Unternehmens aus. Unter Motivation ist man zu Höchstleistungen bereit und fähig, die man bei fehlender Begeisterung niemals an den Tag legen würde.

Ein Berufswechsel ist nicht immer angezeigt

Oft ist es jedoch auch der Fall, dass der Mitarbeiter Freude an seinem Beruf hat, sich aber im jeweiligen Unternehmen bzw. der jeweiligen Branche unwohl fühlt, so dass er diese mangelnde Identifikation mit der Unternehmenskultur ungewollt auf das Berufsbild überträgt. In solchen Fällen kann schon ein Wechsel der Branche hilfreich sein, um wieder Begeisterung für das eigene Tun zu spüren. Eine unkonventionell denkende, selbstständig arbeitende Assistentin wird sich in einer lebhaften Marketingagentur oder einem praktisch orientierten Technikunternehmen viel wohler fühlen als bei einer konservativen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, in der die Arbeitsabläufe sehr starr sind und deshalb nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten zur Eigeninitiative bieten. Des Weiteren spielen in diesem Zusammenhang auch die Entlohnung und das Betriebsklima an sich eine Rolle, die jedoch nicht zwingend branchenspezifisch sein müssen. Offene Ablehnung von Kollegen kann trotz Begeisterung für den Beruf und die Branche zum Motivationskiller werden.

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