Das Phänomen der Projektion – Wenn wir dem Partner vorwerfen, was für uns selbst gilt

Wie kommt es dazu und was tun, wenn in der Beziehung einer als Spiegel des Anderen erhalten muss, aber jedes Gespräch darüber zwangsläufig in Streit ausartet?

Am Anfang einer Beziehung ist es genau dieses Phänomen, das uns den Menschen, in den wir uns gerade verliebt haben, in den leuchtensten Farben sehen lässt. Dafür gibt es zwei mögliche Gründe: Entweder unser Gegenüber wird zur Spiegelfläche all jener unterentwickelten Potenziale, die wir selbst noch immer mit uns herumtragen. Oder wir sehen das im Anderen, wofür wir uns selbst gern halten würden. Die Hormone bewirken dabei ein übriges. Tatsächlich hat die Wissenschaft noch nicht herausfinden können, ob unser zeitweilig offenbar wahrnehmungsgestörtes Gehirn die Hormone in Wallung bringt, oder ob umgekehrt die hochgepuschte Hormontätigkeit unser Gehirn verwirrt.

Alltag schleicht sich ein

Meist vollzieht sich der Umschwung kaum merklich: Der Ton zwischen den eben noch Frsichverliebten wird hier ein wenig schärfer, dort bleiben kleine Gesten nach und nach auf der Strecke. Und eines Tages sind aus den vor kurzem noch „entzückenden Eigenheiten“ des Anderen plötzlich Unarten geworden, die nur noch an den Nerven zerren. In dem gleichen Maß wandelt sich das Prinzip der Spiegelung. Und so kommt es, dass Peter, der grundsätzlich der eher reizbare Typ ist, Anne immer öfter vorwirft, sie sei „unterschwellig aggressiv“.

Wenn sich die Geister scheiden

Spätestens an dieser Stelle ist Vorsicht geboten. Denn genau hier beginnt das mögliche Drama. Eigenartigerweise kippt nämlich die Projektion mit genau der Heftigkeit ins Negative, mit der sie zuvor die eigenen idealisierten Ich-Vorstellungen auf den Partner übertrug. Da aber in der Regel ein Partner der mit den übertriebenen Vorstellungen der eigenen Großartigkeit ist, während der andere wahrscheinlich in Bezug auf sich selbst eher zum „Tiefstapeln“ neigt, wandeln sich die Spiegelungsaspekte in ausgewachsene Streitpunkte. Um bei unserem Beispielpärchen zu bleiben: Natürlich wird Anne es nicht auf sich sitzen lassen, wenn ausgerechnet Peter ausgerechnet ihr vorwirft, sie sei aggressiv. Und das, während er selber schon den ganzen Abend nur herumnörgelt. Andererseits ist ja Projektion etwas, das unbewusst abläuft: Derjenige, der es tut, merkt es nicht, ist folglich für sachliche Argumente auch nicht zugänglich.

Wehret den Anfängen

Paare, die es in diesem Stadium des Kräftemessens – denn genau darum handelt es sich – nicht schaffen, den Spiegeleffekt zu durchbrechen, werden scheitern. Soll heißen: Anne wird es nicht gelingen, Peter davon zu überzeugen, dass er ihr ankreidet, was in Wahrheit sein Problem ist. Denn es sind ja genau die Aspekte, die Peter an sich selbst nicht sehen mag, die er bei solchen Gelegenheiten quasie von sich weg projeziert. Anne wird also andere Wege finden müssen. Gleichzeitig muss sie darauf achten, dass Peters ungerechte Vorwürfe ihr eigenes, ohnehin nicht sehr ausgerägtes Selbstbewusstsein auf Dauer nicht noch zusätzlich ankratzen.

Trick siebzehn mit Selbstüberlistung

Lachen hilft. Bezeichnenderweise sind es Hormone, die genau dort helfen, wo andere Hormone die Schwierigkeiten verursachen. Wenn es Anne nämlich gelingt, ihren Liebsten zum Lachen zu bringen, lösen Serontonin, Dopamin und Co. die Blockadewirkung von Adrenalin und Konsorten auf. Peters Ich-Wahrnehmung klärt sich und mit ein bisschen Glück wird er sogar – wenigstens im Nachhinein – merken, dass sein Verhalten absurd war. Sind die beiden erst einmal so weit gekommen, besteht berechtigte Hoffnung. Denn ab sofort hat Anne einen unschätzbaren Trumpf in der Hand: Wann immer sich die Projektion bei Peter wieder einmal einschleichen will, braucht sie ihn nur an dieses erste Mal zu erinnern und daran, dass er ja schließlich selbst eingesehen hat, wie das war. Am besten bringt sie Peter noch dazu, ihr ausdrücklich zu „erlauben“, ihn auf entsprechende Situationen hinzuweisen. Vielleicht vereinbaren die beiden sogar so etwas wie ein „Code-Wort“ für derartige Gelegenheiten. Vvor dem Hintergrund einer solchen Absprache geht es dann nämlich nicht mehr darum, was SIE ihm sagt; im Zweifelsfall sagt ER es sich selber.

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