Die Netzwerkgesellschaft – Was ist eine Netzwerkgesellschaft

Die Netzwerkgesellschaft ist geprägt durch die Abhängigkeit aller gesellschaftlichen Bereiche von netzwerkbasierter Kommunikation.

Infolge des Siegeszugs der Informationstechnologien, insbesondere der Verbreitung des Internet, hat sich am Beginn des 21. Jahrhunderts der Übergang von der Industriegesellschaft zu einer Gesellschaft vollzogen, die in Netzwerken organisiert ist, und zwar, wie es dem offenen, tendenziell grenzenlosen Charakter von Netzwerken entspricht, global. Es ist mit anderen Worten – um eine Metapher aufzugreifen, die von dem Soziologieprofessor Manuel Castells geprägt worden ist – eine Netzwerkgesellschaft entstanden, in der Computer, die durch globale Datennetze miteinander verbunden sind, das gesellschaftliche Leben beherrschen. Man kann in diesem Zusammenhang in Anlehnung an den Medien- und Wissenssoziologen Michael Schetsche auch von einer digitalen Wissensrevolution sprechen.

Die digitale Wissensrevolution und ihre Folgen

Durch die Wissensrevolution, die mit der Anwendung der Netzwerktechnologie einhergeht, werden nicht nur die Kommunikationsstrukturen grundlegend verändert, sondern auch die wesentlichen sozialen und ökonomischen Prozesse neu geordnet. Das heißt: Durch die netzwerkbasierten Kommunikation, die Nutzung der Netzwerkmedien, die aus der Wissensrevolution resultiert, verändert sich nicht nur das Verhältnis zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft, sondern auch die Beziehungen zwischen den verschiedenen Sphären des Sozialen, etwa zwischen der Ökonomie und der Politik, werden neu geregelt.

Insgesamt entsteht hier eine gesellschaftliche Wirklichkeit, die einer neuen sozialen, ökonomischen und kommunikativen Logik folgt und in der andere Prinzipien gelten als in der Industriegesellschaft alter Prägung. Und zwar hat – wie Michael Schetsche betont – niemals in der Menschheitsgeschichte ein technisches System eine derartig dominierende Rolle für die Funktionsweise fast aller Subsysteme der Gesellschaft gespielt wie aktuell die Netzwerkmedien. So besteht in dieser neuartigen gesellschaftlichen Formation eine strukturelle Abhängigkeit der Ökonomie und der staatlichen Administration, der privaten wie der öffentlichen Kommunikation von der automatischen Datenverarbeitung und den digitalen Netzwerken.

Eine weitere wesentliche Komponente der Netzwerkgesellschaft oder – wie Schetsche sie auch nennt – der Google-Gesellschaft ist die Auflösung der Grenze zwischen den Sphären öffentlich und privat, die konstitutiv für die bürgerliche Moderne war. Im Zeitalter globaler Netzwerke haben mit anderen Worten viele Subjekte das dringende Bedürfnis, all das publik zu machen, was das Individuum der Moderne ebenso zwanghaft vor der Öffentlichkeit zu verbergen suchte, nämlich persönliche Begebenheiten, Vorlieben, Leidenschaften. Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung wird damit bedeutungslos. Schetsche spricht in diesem Zusammenhang von einem tiefgreifenden Wandel kollektiver Charakter- und Bedürfnisstrukturen hin zum hyperkommunikativen Subjekt, das nicht nur kognitiv, sondern auch emotional vom medial vermittelten Informationsaustausch abhängig ist.

Facebook, Weblogs und Twitter

Netzwerkbasierte Kommunikation – man spricht in diesem Zusammenhang auch vom Web.2 – wird zum einen ermöglicht durch Internetplattformen, die eine genuin soziale Funktion erfüllen wie Facebook, und zum anderen durch das „Bloggen“, also durch das Einrichten von Weblogs, oder die Nutzung eines Micro-Blogging-Dienstes wie Twitter. Und zwar bietet ein soziales Netzwerk wie Facebook seinen Nutzern nach eigenem Bekunden die Chance, mit den Menschen, die in ihrem Leben wichtig sind, in Verbindung zu treten und mit ihnen Inhalte zu teilen, und fungiert insofern als Kontakt- und Tauschbörse. Facebook ermöglicht mit anderen Worten weltweite Kommunikation bei gleichzeitiger relativer Intimität der selbst gestalteten Freundeskreise. Facebook ist 2004 gegründet worden und wird nach eigenen Angaben weltweit von 600 Millionen Menschen genutzt, Tendenz steigend. In Deutschland hat die Zahl der Anmeldungen 2011 die 15 Millionen-Grenze überschritten.

Weblogs dienen der Meinungsäußerung zu spezifischen Themen – privaten Themen oder auch Themen von öffentlichem Interesse – sowie dem Meinungsaustausch zwischen dem jeweiligen Autor und seinen Lesern. Darüber hinaus kommunizieren die Leser, indem sie die Blogeinträge kommentieren, auch miteinander. Dadurch können Blog-Communities entstehen. Diesbezüglich bieten Blogs auch Möglichkeiten kollektiver Meinungs- und Willensbildung. Bei Twitter können die Nutzer kurze, SMS-ähnliche Textnachrichten veröffentlichen, wobei jeder Twitter-Nutzer zum „Follower“ anderer Twitterer werden kann. Indem die „Follower“ die Beiträge eines Twitterers abonnieren, diese Beiträge im Netz weiterverbreiten („ReTweet“) oder auf die Beiträge antworten, kann durch Twittern („Zwitschern“) ebenfalls ein soziales Netzwerk entstehen. Der wesentliche Vorteil von Twitter ist das Übermitteln von aktuellen Nachrichten. Das heißt: Kaum ein anderes Kommunikationsinstrument kann das aktuelle Geschehen auf der Welt schneller abbilden und darüber informieren als Twitter. Twitter ist wie ein Zugang zum Puls der Welt.

Das politische Potential netzwerkbasierter Kommunikation

Die exzessive Nutzung netzwerkbasierter Kommunikationsmedien durch hyperkommunikative Subjekte beschränkt sich nicht auf unpolitische Aktivitäten wie das Aufbau von Freundeskreisen oder das Organisieren von Partys, sondern kann – so der Psychologieprofessor Peter Kruse – eine Repolitisierung der Gesellschaft und folglich auch eine Veränderung der Machtverhältnisse bewirken. Das heißt: Für Kruse bekommen Internet-Nutzer durch soziale Netzwerke ein machtvolles Sprachrohr und sind deshalb nicht mehr auf die traditionellen Massenmedien angewiesen, wenn sie ihre Anliegen publik machen und beispielsweise gegen Missstände protestieren wollen. Damit stärkt das Internet das Selbstbewusstsein der Gesellschaft, so dass Menschen politisch werden, die sich von den herkömmlichen politischen Strategien nicht faszinieren lassen. Wer eine politische Veränderung will, sucht mit anderen Worten heute mit Hilfe des Internet Mitstreiter, die dasselbe Ziel verfolgen. Auf diese Weise schließen sich Internetnutzer machtvoll zu Bewegungen zusammen und setzen die Themen, die sie interessieren, auf die politische Tagesordnung. Die Social Software des Web 2.0 ist damit – so Kruse – ein Angriff auf die etablierten Regeln der Macht und erzwingt ein grundlegendes Umdenken von Politikern und Managern.

Die Alternativnetzwerke der Zivilgesellschaft

In Anlehnung an Manuel Castells kann man hinsichtlich der Nutzung des politischen Potentials sozialer Netzwerke auch von der Entstehung politischer Alternativnetzwerke sprechen, die der Zivilgesellschaft als Bereich zwischen Privatsphäre und Staat zugeordnet werden können. Das heißt: Die Zivilgesellschaft befindet sich in einer vorstaatlichen oder nichtstaatlichen Handlungssphäre und besteht aus einer Vielzahl auf freiwilliger Basis gegründeter Organisationen und Assoziationen, die ihre spezifische Interessen artikulieren und autonom organisieren. Akteure der Zivilgesellschaft sind damit in die Politik involviert, ohne nach politischen Ämtern zu streben. Entsprechend spielen in diesem Bereich Kommunikationsmedien eine große Rolle, mit denen diejenigen Gruppen mobilisiert und zum Meinungsaustausch angeregt werden können, die politisch besonders interessiert und aktiv sind. Auch Hacker-Attacken gegen Regierungen und Unternehmen können diesem Bereich zugeordnet werden. Für den Soziologieprofessor Stefano Balietti sollten diese deshalb nicht als „Cybervandalismus“ abqualifiziert, sondern als eine neue Form der demokratischen Meinungsäußerung betrachtet werden.

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