Drogen und ihre Wirkung

Das Bedürfnis nach Rausch und Ekstase

Eine der gefürchteten Eigenschaften von Drogen ist ihr Suchtpotenzial. Dass sie aber automatisch zur Verelendung führen, bezweifeln einige Experten.

So alt wie der Mensch selbst ist auch sein Bedürfnis nach Rausch und Ekstase. In der Urzeit fand er heraus, welche Kräuter oder Pilze aus seiner Umgebung sich dafür eignen. So gelang es ihm, der Alltagsroutine zu entgehen. Diesen Ausbruch aus dem Alltag hat der Mensch feierlich erleben wollen. Deshalb wurden Drogen mit Vorliebe rituell konsumiert. Die „Suche nach ekstatischer Erfahrung“ ist in allen Kulturen vertreten.

Als zwei wichtigste Ziele des Gebrauchs von berauschenden Stoffen nannte man Heilung und Genuss. Drogen sollten Geister und Krankheiten verjagen, die Wahrnehmung erweitern und in einen Tranceähnlichen Zustand versetzen. Man benutzte sie als Medium kultischer Handlungen. Sie wurden gegessen, inhaliert, geschnupft, geraucht. Und natürlich auch getrunken.

Diese zuerst nur natürlichen, später zunehmend chemischen Substanzen aktivieren oder manipulieren die Psyche, „sie wirken auf das zentrale Nervensystem und können zu Veränderungen des Erlebens und Bewusstseins führen: Zur Veränderung der Stimmung, der Wahrnehmung und des Denkens“. *)

Auch wenn man nie in Versuchung gekommen ist und niemals von diesen Stoffen etwas probiert hatte, weiß man, wie sie funktionieren: Jeder Verliebte kennt ihre Wirkung, hervorgerufen durch körpereigene Opioide (Endorphine).

Staatliche Bevormundung?

Es ist einem erwachsenen Bürger heute nicht gestattet, selbst über den Konsum von Drogen zu dezidieren. Der fürsorgliche Staat entscheidet, womit die Gesellschaft sich berauschen darf und unterscheidet zwischen legalen (Alkohol, Nikotin und Medikamente) und illegalen Drogen. Dabei richtet er sein Augenmerk besonders auf die illegalen Substanzen und geht dagegen mit Härte vor.

Beim näheren Betrachten überrascht die Gewichtung dieses Problems. In absoluten Zahlen gemessen übersteigen weitgehend die Alkohol- und Nikotinabhängigen die wesentlich kleinere Gruppe von den Drogensüchtigen.

Die Zahl von Alkoholabhängigen schätzt man auf 1,3 Millionen und die von „riskant Konsumierenden“ auf 9,5 Millionen. Zwischen 2000 und 2006 hat sich die Zahl von Kindern und Jugendlichen im Alter von 10 bis 20, die wegen Alkoholmissbrauchs ins Krankenhaus eingeliefert wurden, mehr als verdoppelt. Über ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung raucht (etwa 16 Millionen). 140.000 Menschen sterben jährlich an den Folgen des Rauchens, 3.300 durch Passivrauchen. (Drogenbeauftragte der Regierung)

„Die direkten Kosten alkoholbezogener Krankheiten werden für das Jahr 2002 auf insgesamt 24,4 Mrd. € geschätzt. Diese Summe entspricht 1,16% des Bruttoinlandsproduktes.“ (Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V.)

Von der meist konsumierten illegalen Droge Cannabis sollen 220.000 Menschen abhängig sein. Im Jahre 2007 verstarben infolge von illegalen Drogen 1.394 Menschen. (Drogenbeauftragte der Regierung)

Beruht die Drogenpolitik auf Mythen und Missverständnissen? Ja, antworten einige Experten. „Es ist eine Fehleinschätzung erster Ordnung, anzunehmen, dass durch Aufrüstung im ‚Drogenkrieg’ und durch eine ‚Schimanskisierung’ als massive Vertreibung und Auflösung (‚Junkie-Jogging’) offener Drogenszenen die Verfügbarkeit von illegalisierten Drogen eingeschränkt werden kann oder das Problem an sich gelöst wird“.

In der Drogenpolitik wird dennoch hartnäckig an den „abstinenzorientierten Konzepten“ festgehalten. Die auf die achtzigen Jahre datierte Umbruchphase führte nicht dauerhaft zum Umdenken. Im Gegenteil: Die erfolgreichen Methadonprojekte werden ständig in ideologischen Diskussionen angezweifelt und vom Aus bedroht. In der gerichtlichen Praxis missachtet man nicht selten die Opportunitätsvorschrift von 1992 (§ 31 a BtMG), die bei geringen Mengen zum Eigenverbrauch eine Einstellung des Verfahrens bestimmt.

Die Kriminalisierung der Drogenkonsumenten bringt mit sich viele gesellschaftsschädliche „Nebenwirkungen“: Weil die Drogen vor den Mauern der Vollzugsanstalten keinen Halt machen und weil Gefängnisse „im Regelfall und sicher ungewollt perfekte Asozialisierungsapparate sind, die selektiv diejenigen Störungen verstärken, mit denen ihre Insassen eingeliefert werden, je größer die Anstalt ist und je mehr sie auf Sicherheit und Ordnung zu achten hat“.*)

Abhängigkeit

Wer Drogen nimmt, spielt mit dem Feuer. Die Gefahr heißt „Abhängigkeit“. Davor will der Staat mit seinen Institutionen und dem Recht seine Bürger schützen und malt den Teufel an die Wand. Wider besseren Wissens, wie die Kritiker meinen.

Das Erscheinungsbild der Abhängigkeit sei vom Geldbeutel des Betroffenen bestimmt, lautet einer von Einwänden. Ein „koksender“ Manager oder Politiker wird nach außen hin kaum von der Norm abweichen. Ein mittelloser Junkie dagegen macht meist einen erschreckenden Eindruck.

„Die Vorstellung vom Drogengebrauch als Einbahnstraße oder, um im Bild zu bleiben, als Sackgasse, die automatisch in physische und psychische Verelendung führt, kann in ihrer Pauschalität nicht bestätigt werden. Die Gefahren des Gebrauchs verschärfen sich durch die Begleitumstände der Drogeneinnahme, den schlechten Ernährungs- und Gesundheitszustand, die mit der Illegalität verknüpften extrem hohen Schwarzmarktpreise und den dadurch bedingten Beschaffungsdruck“. *)

Deshalb ist es auch für Experten schwierig das Problem anzugrenzen. Eine international anerkannte Definition nennt folgende Punkte, die zu einem Abhängigkeitssyndrom gehören sollen:

„1. Starker Wunsch oder eine Art Zwang, Substanzen zu konsumieren

2. Verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich des Beginns, der Beendigung und der Menge des Substanzkonsums

3. Substanzgebrauch, mit dem Ziel, Entzugssymptome zu mildern, und der entsprechenden positiven Erfahrung

4. Ein körperliches Entzugssyndrom

5. Nachweis einer Toleranzentwicklung

6. Eingeengtes Verhaltensmuster im Umgang mit der entsprechenden Substanz

7. Fortschreitendes Vernachlässigen von Vergnügungen oder Interessen zugunsten des Substanzkonsums

8. Anhaltender Substanzkonsum trotz Nachweis eindeutiger schädlicher körperlicher, sozialer und psychischer Art.“ *)

Alle diese Merkmale beschreiben zwar Gebrauchsverläufe von Drogen, dennoch sind Sucht und Abhängigkeit keine Begriffe, „welche sich aus naturwissenschaftlichen Fakten ablesen lassen. Sucht und Abhängigkeit sind subjektive Begriffe, Konventionen oder Begriffe des gesellschaftlichen Subjekts“. *)

Akzeptieren?

Das Abstinenzparadigma bestimmt das Denken und Handeln bei der Drogenarbeit. Obwohl sich spätestens seit den Zeiten der amerikanischen Prohibition die Überzeugung durchgesetzt hat, dass generelle Verbote von „Genussmitteln“ – wie Alkohol – nicht wirken und dass die Nachteile – wie Anstieg der Kriminalität – einen sehr hohen Preis verlangen.

Dagegen soll der Weg zur „bedürfnissorientierten Drogenarbeit“ über die Akzeptanz der Selbstverantwortung und Selbstbestimmung von erwachsenen Menschen führen. Eine Drogenhilfe müsste auf freiwilliger Basis geschehen und den Drogenkonsumenten akzeptieren, wie er ist.

*) Zitate und Quelle: Wolfgang Schneider, Drogenmythen. 2000.

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