Erwin Ringel: Das Wesen der Neurose

Der innerseelische Konflikt wischen Bewusstem und Unbewusstem

Erwin Ringel postuliert, dass Neurosen niemals aus zufällig, sondern immer nur aus gerichtet Vergessenem, somit aus Verdrängtem entstehen können.

Die Neurose ist eine erste Erkrankung mit mannigfachen Folgen für den Neurotiker selbst, seine Angehörigen und seine Umgebung. Die Krankheit verrät sich durch typische Kennzeichen und Symptome und man kann laut Erwin Ringel nur dort von einer Neurose sprechen, wo dieselbe mit Sicherheit nachgewiesen sind. Auf der anderen Seite ist es absolut unzulässig, jede seelische Spannung, etwa das Vorliegen von Problemen und Konflikten, wie sie in jedem Menschenleben vorkommen, als Beweis einer bestehenden Neurose anzusehen.

Eine Neurose hat nichts mit seelischen Schwierigkeiten im Alltag zu tun

Ringel plädiert dafür, endlich damit aufzuhören, unsympathische Menschen, die deshalb herabgesetzt werden sollen, als Neurotiker zu bezeichnen, ja zu beschimpfen. Und andererseits geht es nicht an, diese Krankheit so zu bagatellisieren, als wäre sie gar keine. Da die Unterschiede zwischen einer Neurose und den seelischen Schwierigkeiten im Alltag oft völlig verkannt werden, treffen Nichtbetroffene häufig absolut haltlose Aussagen wie, das hätten sie auch schon gehabt und mit ihnen hätte man keine solchen Geschichten gemacht.

Definition des Wesens einer Neurose

Erwin Ringel definiert das Wesen der Neurose als einen innerseelischen Konflikt zwischen bewussten und unbewussten Tendenzen im Menschen. Die Neurose hat nichts mit der organischen Struktur und Verfassung der Nerven des Menschen im anatomischen und physiologischen Sinne zu tun. Die Neurose ist nicht durch irgendwelche krankhaften Veränderungen des Gehirns oder der Nerven bedingt, sondern vielmehr durch unbewusste seelische Tendenzen, deren der betroffene Mensch nicht gewachsen ist.

Der Mensch verdrängt Unangenehmes ins Unterbewusstsein

Im Unbewussten des Menschen sammelt sich zuerst einmal zufällig Vergessenes an. Einfach aus dem Grund, weil der Mensch sich nicht alles merken kann. Es gibt aber auch einiges im Unterbewusstsein, das absichtlich vergessen wird, weil es mit den eigenen Auffassungen und Vorstellungen, mit dem Sicherheitsbedürfnis des Lebens, vor allem aber mit der eigenen Selbstachtung nicht vereinbar ist. Der Betroffene könnte nicht ruhig leben, wenn er es nicht vergessen hätte. Die Tiefenpsychologie bezeichnet diesen Vorgang des gerichteten Vergessens als Verdrängung.

Neurosen können nur aus Verdrängtem entstehen

Erwin Ringel postuliert, dass Neurosen niemals aus zufällig, sondern immer nur aus gerichtet Vergessenem, somit aus Verdrängtem entstehen können. Im Verlauf des Lebens verdrängt der Mensch in der Regel Unangenehmes und Verbotenes. Ringel geht davon aus, dass noch viel mehr jene Tendenzen der Verdrängung anheimfallen, die verbotene, dem Menschen selbst peinliche und unangenehme Triebwünsche beinhalten. Viele Dinge, die ein sehr negatives Licht auf einen Menschen werfen könnten, Taten wie bloße Wünsche, werden in die Tiefen des Unterbewusstseins verdrängt.

Der Betroffene hat keine Ahnung von seinen Verdrängungen

Die Verdrängung liegt allerdings erst dann vor, wenn der Betroffene wirklich keine Ahnung mehr vom Vorhandensein solcher Tendenzen in sich selbst hat. Viele Menschen sind von diesem Phänomen betroffen und ihr Verhalten wird entscheidend davon beeinflusst. Löst ein Erwachsener aktuelle Konflikte durch Verdrängung, entstehen daraus laut Erwin Ringel die so genannten neurotischen Reaktionen, während die eigentlichen Neurosen immer auf Verdrängungen zurückzuführen sind, die schon in der Kindheit stattgefunden haben.

Kurzbiografie Erwin Ringel

Erwin Ringel war in den letzen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts eine der populärsten Persönlichkeiten des österreichischen Geisteslebens. Er wurde am 27. April 1921 im ehemaligen Kronland Siebenbürgen in Temesvar geboren. Von 1931 bis 1939 besuchte er das Akademische Gymnasium in Wien. Ab 1939 studierte er Medizin. Nach seiner Promotion im Jahre 1946, machte er eine Ausbildung zum Facharzt für Psychiatrie und Neurologie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Wien. Ab 1954 baute Erwin Ringel die erste Psychosomatische Station in Österreich auf.

1960 gründete er die „Internationale Vereinigung für Selbstmordverhütung“ (IASP). Ab 1960 ist Erwin Ringel am Wiederaufbau des „Österreichischen Vereins für Individualpsychologie“ beteiligt. 1981 wurde Erwin Ringel zum Ordentlichen Professor für Medizinische Psychologie berufen. Erwin Ringel veröffentlichte etwa 600 wissenschaftliche Arbeiten, darunter 20 Bücher. Seine wichtigsten Forschungsgebiete waren: Verhütung von Selbstmord, Psychosomatik, Neurosenlehre, Sozialpsychologie, tiefenpsychologische Aspekte von Kunst, Religion und Gesellschaftspolitik. Am 28. Juli 1994 starb Erwin Ringel in Bad Kleinkirchheim an Herzversagen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.