Henning Scherf: Aktive Senioren, vernetzte Generationen

Alt werden, aktiv sein und gebraucht werden, Gesellschaft gestalten, Begegnungen zwischen Alt und Jung fördern – dafür plädiert Henning Scherf.

„Ich bin jetzt seit fünf Jahren raus aus den politischen Ämtern und keiner kann mich mehr ärgern. Mir ist es noch nie so gut gegangen“, sagte Henning Scherf vor einem altersgemischten Publikum im Saal der Seniorenwohnanlage in Eltville im Oktober 2010. Als prominenter Referent hatte die Stadt ihn für das Thema „Grau ist bunt“ gewinnen können. Das ist auch der Titel eines seiner erfolgreichen Bücher. Eigentlich als Lesung angekündigt, verzichtete Henning Scherf jedoch darauf, vorzulesen, da er die Themen seiner Bücher ohnehin in- und auswendig kennt und alles nur so aus ihm heraussprudelt. Seine Zuhörer zeigten sich fasziniert von der lebendigen Berichterstattung über sich selbst, sein Leben, seine Gedanken, Beobachtungen und Anregungen über und für das Alter. Bekannt wurde er als Politiker, insbesondere als Bürgermeister von Bremen, und auch durch die Hausgemeinschaft, in die mit seiner Frau Luise und acht Mitstreitern zog, als er knapp 50 Jahre alt war. Jetzt ist er 72 Jahre alt und scheint auch ohne politische Ämter pausenlos in Aktion zu sein: Lesungen, Vorträge und Recherchen für sein neues Buch. „Auf das Bücherschreiben kam ich nur, weil der Verlag auf mich zu kam“, erklärte er bescheiden.

Henning Scherf ist es wichtig, Struktur in seinen Alltag zu bringen

In eine Wohngemeinschaft ziehen und Bücher schreiben kann eben nicht jeder – mag vielleicht mancher Zuhörer gedacht haben. Doch Henning Scherf konnte auch viele Anregungen aus seinem Leben weitergeben, die fast jeder halbwegs rüstige Mensch umsetzen kann. „Mit 67 Jahren habe ich – nach 50 Jahren Pause – wieder angefangen, im Chor zu singen“, erzählte er. „Und es macht mir Freude. Früher habe ich gedacht, dass man einen alten Sänger mit 72 Jahren rausschmeißen würde, aber Singen kann man bis ins hohe Alter.“ Henning Scherf ist sogar Präsident des Deutschen Chorverbands. Außerdem hat er mit dem Orgelspielen angefangen. „Ich habe mein erstes Orgelkonzert gegeben, ich ganz allein!“, verkündete er stolz.

Ein weiteres Hobby, das sich bis ins hohe Alter pflegen lässt, ist das Malen, und Henning Scherf hat schon als Kind gern gemalt und auch immer, wenn er unterwegs war. „Aber ich habe im Alltag nie die Zeit dafür gehabt. Jetzt male ich mit einer Gruppe von 20 Weißhaarigen im Bremer Bürgerpark und unsere Lehrerin ist 89.“ Nur seinen Hobbys nachgehen reicht dem Energiebündel allerdings nicht. „Um Struktur in meinem Alltag zu bringen, habe ich mir bestimmte Aktivitäten gesucht.“ So geht er beispielsweise als Bremer „Lesebotschafter“ zum Vorlesen in die Grundschule und er kennt viele ältere Menschen, die das tun und dabei richtig aufblühen. „Für diesen einen Termin in der Woche pflegen sie sich wieder und machen sich richtig schick.“ Da kommt er zu einem Thema, das ihm offenbar besonders auf der Seele brennt: „Wir wollen die Generationen nicht trennen, sondern Begegnungen zwischen Alt und Jung fördern. Kinder sind die besten Therapeuten für alte Menschen.“ In der Vernetzung der Generationen sieht er die Zukunft.

Seine Bremer Hausgemeinschaft brachte Henning Scherf in die Medien und Talkshows

Natürlich kam Henning Scherf auch auf seine Form des Wohnens zu sprechen – eine Form, die ihn seit mehr als zwei Jahrzehnten immer wieder in die Medien und Talkshows gebracht hat. Schon sehr früh haben er und seine Frau sich Gedanken gemacht, wie sie im Alter leben wollen. Mit 20 Freunden wurde angefangen, eine Hausgemeinschaft als Wohnform für das Alter zu planen. Als sie dann vier Jahre später umgesetzt wurde, machten zehn Freunde mit. Drei Paare verkauften ihre Häuser, um ein großes Haus in der Bremer Innenstadt für die Wohngemeinschaft umzubauen, so dass auch die übrigen Hausbewohner als Mieter mit einziehen konnten. Jedes Paar, jeder Single hat eine Wohnung für sich, die abgeschlossen werden kann. „Das hat in all den Jahren noch keiner von uns getan“, versicherte Scherf. An etwa vier Tagen pro Woche wird zusammen gekocht und gegessen, samstags wird gemeinsam gefrühstückt und reihum ist jeder dran, das Frühstück vorzubereiten. Am Anfang hatten die Hausbewohner sieben Autos. „Jetzt haben wir nur noch eins. Wenn wir in Bremen unterwegs sind, fahren wir mit dem Rad“, verriet er. „Für Kinder, Enkelkinder und andere Verwandte und für Freunde haben wir ausreichend Gästezimmer vorgesehen.“ Und die scheinen immer wieder gut belegt zu sein. Auch seine Enkelkinder seien oft und gern zu Besuch, erzählte er glücklich und stolz.

Die Kompetenzen, die noch da sind, muss man nutzen – auch bei demenzkranken Menschen

Für die Arbeit an seinem neuen Buch besucht Scherf Wohn- und Pflegegemeinschaften mit Demenzkranken und hat dabei bereits interessante Erfahrungen machen können. „Demenz bedeutet nicht, dass da gar nichts mehr läuft. Die Kompetenzen, die noch da sind, muss man nutzen.“ Auf keinen Fall solle man Demenzkranke wegsperren. Innerhalb des geschützten Raums könnten sie sich einbringen, sei es beim Kartoffelschälen oder bei Gartenarbeiten. Er berichtete von einer 95-jährigen dementen Frau, die noch in der Lage war, bestimmte Spiele zu spielen und andere, zum Teil 20 Jahre jüngere Demenzkranke, anleitete. „Wenn wir in diesen Projekten eine Mischung von professioneller Pflege und der Hilfe der Demenzkranken und der Angehörigen haben, dann ist so ein Projekt finanzierbar“, versicherte er. „Das ergibt einen Mix aus Professionalität, Wärme und Nähe.“ Hilfe zur Selbsthilfe ist für Scherf die bessere Alternative zu einer die Passivität fördernden Rundumbetreuung in Heimen. Den Schreckensbildern von Alter und Siechtum stellt er ein Modell gegenüber, in dem die Alten die Gesellschaft noch aktiv mitgestalten, ihr Wissen, ihre Erfahrungen und ihre Zeit einbringen.

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