Mit Tinnitus leben

Wie man lernen kann, Hörgeräusche zu tolerieren

Mit einem Tinnitus zu leben, ist nicht einfach, aber möglich. Ein Betroffener erzählt, wie er unter dem Ohrgeräusch litt und schließlich lernte, mit ihm umzugehen.

„Ich höre was, was du nicht hörst!“ ist der Titel einer Broschüre der Deutschen Tinnitus-Liga e.V. Und genau das ist das Problem: Ein Tinnitus-Betroffener hört Geräusche im Ohr oder im Kopf, die man nicht einfach abstellen oder vermeiden kann. Sie äußern sich auf sehr unterschiedliche Weise in Form von Pfeifen, tiefem Brummen, Rauschen, Zischen, Summen bis hin zu Pochen oder gar Hämmern und sind dadurch extrem belastend, vor allem, wenn sie ständig anhalten. Manchmal treten auch mehrere Geräusche gleichzeitig auf, oft auch bei einem Hörsturz. Wie quälend sich dieses Symptom auf den Alltag auswirkt und wie man damit umgehen kann, berichtet der Betroffene Arthur J.*

Wann haben Sie Ihren Tinnitus zum ersten Mal gehört?

Eines Nachts bin davon aufgewacht. Ich hatte eine Erkältung und plötzlich war er da: ein hoher Pfeifton, ähnlich wie bei einem Fernsehsignal.

Wie haben Sie darauf reagiert?

Ich war ziemlich erschrocken und konnte natürlich kein Auge mehr zu tun. Ich wollte nur eins: Das Geräusch wieder loswerden!

Was haben Sie dagegen unternommen?

Am nächsten Tag bin ich gleich zu meinem Hausarzt gegangen. Der beruhigte mich und sagte, das Geräusch ginge wieder weg. Das war aber nicht so. Als es nach einer Woche immer noch da war, ging ich zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt. Er veranlasste verschiedene Untersuchungen, die aber keine konkrete Ursache für den Tinnitus ergaben.

Wie haben Sie darauf reagiert?

Ich war bedrückt, verzweifelt und wurde unleidlich. Etliche Monate war ich dienstunfähig und kam schließlich in eine psychosomatische Klinik mit einer Abteilung für Tinnitus. Dort war ich acht Wochen lang. Man erzählte mir, dass ich mit diesem Geräusch leben müsste und damit zufrieden sein sollte, eben weniger leisten zu können.

Hat Ihnen diese Empfehlung geholfen?

Nein, denn wer will sich schon mit so etwas abfinden! Durch die Erholungsphase hatte sich der Tinnitus zwar etwas gebessert, aber kaum nahm ich mein gewohntes Leben wieder auf, fing alles von vorne an. Zudem hatte ich den Eindruck, dass die Geräusche etwa alle drei Monate noch schlimmer wurden. Ich wurde immer nervöser, konnte mich nur schlecht konzentrieren, hatte Durchschlafstörungen und andere vegetative Symptome.

Wie ging es dann weiter?

Nach zwei Jahren ging ich erneut in eine Klinik, die speziell auf Tinnitus ausgerichtet war, und jetzt wurde der Tinnitus zum ersten Mal richtig untersucht. Dort stellte man fest, dass ich einen ziemlich hochfrequenten Ton hörte. Außerdem klärten mich die Ärzte umfassend über die Vorgänge dieser Erkrankung auf und betreuten mich psychologisch sehr kompetent, zumal sie zum Teil selbst unter dem gleichen Symptom litten.

Bekamen Sie auch eine spezielle Therapie?

Zunächst versuchte man die Tinnitus-Retraining-Therapie bei mir anzuwenden. Dabei setzt man Rauschgeräte ein, die wie ein Hörgerät getragen werden. Es soll durch ein entspannendes Rauschen dem Tinnitus entgegenwirken. Allerdings wurde mein Gehör dadurch überreizt und produzierte ein neues Ohrgeräusch, das aber wieder verschwand, nachdem ich das Gerät nicht mehr benutzte.

 Gab es weitere Maßnahmen?

Die wichtigste Hilfe war für mich die Erkenntnis, dass die Lautstärkeempfindung des Tinnitus subjektiv ist, also von meiner psychischen Situation beeinflusst wird. Außerdem musste ich ein Experiment machen: Ich wurde mit verbundenen Augen durch einen Park und durch die Stadt geführt. Danach wurde ich gefragt, wie ich währenddessen meinen Tinnitus erlebt hätte. Tatsächlich hatte ich mich so auf meine Umgebung konzentriert, dass ich das Geräusch gar nicht mehr wahrgenommen hatte! Man kann also lernen, ihn zu überhören. Dieses Erlebnis hat mir am meisten geholfen, mit meinem Tinnitus gelassener umzugehen. Auch heute noch!

Was können Sie anderen Betroffenen raten?

Man darf nicht gleich aufgeben, wenn eine Maßnahme nicht hilft, sondern muss viele verschiedene Dinge ausprobieren, weil bei jedem etwas anderes wirken kann. Vor allem sollte man sich bei der Deutschen Tinnitus-Liga e.V. informieren, um Hinweise auf sinnvolle Therapien zu bekommen. Dort erhält man auch Adressen von Selbsthilfegruppen, in denen man sich mit anderen Betroffenen austauschen kann.

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