Nachtschatten: Gift & Heilwirkung

Nachtschattengewächse in der Historie und dem Jetzt. Heilsame Wirkung versus Vergiftung, die Geschichte der Solanaceen, die als Zauber- und Giftpflanzen verrufen wurden.

Nachtschattengewächse werden heutzutage als Giftpflanzen abgetan, maximal als „psychoaktive Droge“ erwähnt, vor der nur zu warnen ist.

Das Wohl und Wehe dieser Gewächse scheint in Vergessenheit geraten zu sein, ebenso wie die zahlreichen Verwendungsmöglichkeiten, die teils heute noch in der Naturheilkunde angewandt werden, in der Historie Gang und Gäbe waren.

Die heilsame Verwendung in der Historie und im Jetzt

Die erste belegte medizinische Verwendung von Nachtschattengewächsen entstammt der Beschreibung des Dioskurides aus dem ersten Jahrhundert nach Christi: Mit Alraunenwurzel versetzter Wein wurde zur Narkose genutzt. Doch schon zuvor wussten Heiler um Anwendungen; ihre Nachfolger fanden zum Großteil im Rahmen der Inquisition und Hexenverfolgung ihr Ende.

Das Schwarze Bilsenkraut nutzte man unter anderem zur Schmerzbekämpfung, bei Unterleibsgeschwüren und Entzündungen; den Schwarzen Nachtschatten vor allem bei Fieber und Problemen des Verdauungstraktes.

Nachtschattengewächse wurden besonders als allgemeines schmerz- und krampflösendes Mittel eingesetzt: Bei Zahnweh, rheumatischen Schmerzen, Hexenschuss, als Schlaf- und Betäubungsmittel, als Wund- und Hämorrhoidensalbe, als Liebesmittel, bei Gebärmutterbeschwerden, zur Abtreibung und Geburtenkontrolle.

Bei Magen-Darm-Problemen wurde Tollkirsche in Wein eingelegt verabreicht, zur Herstellung von Bier und zur Verstärkung des Weines hatte man Bilsenkraut genutzt und bei Atembeschwerden wurden die Blätter von Bilsenkraut und Datura angewendet. Für Wund- und Narbensalben wurden im mitteleuropäischen Raum meist Bilsenkraut und Tollkirsche genutzt, verschiedene Salben zur Narbenpflege enthalten nach wie vor Bilsenkrautöl. Noch heute gilt die Verwendung von aus Paprika gewonnenen Capsaicin-Extrakten als Mittel zur Durchblutungsförderung, unter anderem bei Rheuma. Atropin wird in der Augenheilkunde zur Pupillenerweiterung, zudem bei Magen-Darmerkrankungen verwendet, Extrakte aus dem Bittersüßen Nachtschatten gegen Ekzeme und Rheuma, Kartoffelstärke als Zusatz zu medizinischen Pudern. Scopolamin wurde darüber hinaus noch bis in das 20. Jahrhundert von der US-Polizei als Wahrheitsdroge bei Verhören eingesetzt.

Fazit

Auch wenn scheinbar niemand wusste, aus welchen Bestandteilen die sogenannten Hexensalben tatsächlich zusammengesetzt waren, wurden jene Kräuter zur Erklärung herbeigezogen, die psychoaktive Wirkung zeigten – somit traditionelle Zauberpflanzen, vornehmlich aus der Familie der Nachtschattengewächse.

Diese gehörten von jeher zum mitteleuropäischen Arzneischatz. Noch heute werden ihre Inhaltsstoffe isoliert, synthetisiert und angewendet: Bei Seekrankheit klebte man sich eine Scopolaminzubereitung hinter das Ohr (Scopoderm TTS; seit ca. sechs Jahren nicht mehr im Handel), das B des ABC-Pflasters stammt immerhin von der Belladonna und mancher Patient wunderte sich im Stillen über die rauschartige Nebenwirkung.

Die Pharmaindustrie versucht seit Ende des 19. Jahrhunderts sämtliche Stoffe so zu isolieren, sodass keine unerwünschten Nebeneffekte im Zentralnervensystem hervorgerufen werden.

Vielerlei Nachtschattengewächse sind verboten worden oder auf dem Wege in die Illegalität. Gleichzeitig sind hochtoxische Gewächse im Umlauf, die keinerlei Kontrolle unterliegen: Zehn Nadeln der Eibe nur sind tödlich, das Maiglöckchen wird fröhlich verkauft, wurde im vergangenen Jahr von einer angeblichen Kräuterfrau mit Bärlauch verwechselt. Sie starb – verboten wurde die Pflanze nicht.

Auch diverse Medikamente und Therapien sind erbgutschädigend, kanzerogen und vieles mehr. „Gefährlich“ aber scheinen nur jene Pflanzen zu sein, die Tod wie Heilung bergen.

Bedenkt man die stete Isolierung und Synthetisierung von Pflanzen und macht sich zudem klar, welche Medikamente mit massiven Nebenwirkungen von den staatlichen Arzneimittelbehörden nicht verboten werden, könnte man zu dem Schluss kommen, dass scheinbar nicht alles nur eine Frage der Dosierung ist, sondern manches auch der Wirtschaftlichkeit und den industriellen Interessen der Arzneimittelindustrie untergeordnet wird.

Welche Medizin man auch immer nutzt, die chemische oder die natürliche, letztlich gilt: Ohne Nebenwirkung keine Wirkung – fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.

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