Prävention als Pflicht, Tugend und Lebenskunst

Beim Symposium „Lebensstil und Verantwortung“  zeigte sich die verengte moderne gegenüber einer traditionellen ganzheitlichen Sicht.

„Modern“ ist nicht unbedingt gleich fortschrittlich. Heute hat der Arzt Pflichten, die Patienten haben Rechte. In der Antike kannte man auch Rechte des Arztes und Pflichten der Patienten – eine umfassendere wie auch realistischere Sicht. Dass Arzt und Patient sich auch von Tugenden leiten lassen können, war in der Antike selbstverständlich, wie Dietrich von Engelhardt, Lübeck, ausführte. Heute ist das kein Thema mehr. Doch wenn es um Prävention, um Vorbeugung geht, kommt man um diesen Begriff nicht herum, wobei die Unbeholfenheit im Umgang mit diesem Thema den heutigen Analphabetismus im menschlichen Bereich bloßstellt. Etwa wenn „Prävention“ sogar von Medizinern mit „Vorsorgeuntersuchung“ und „Früherkennung“ verwechselt wird.

Unbewältigte Komplexität des Lebensstils

Warum ist es so schwer, einen gesunden Lebensstil zu wählen? Die Schäden eines falschen Lebensstils werden erst nach Jahren sichtbar. Ein vorausschauendes Verhalten ist aber in unserer kurzlebigen Zeit nicht wirklich attraktiv. Das heute bestimmende lineare Kausaldenken ist völlig ungeeignet, so etwas wie Lebensstil zu erfassen. Der Mensch ist ein komplexes System, das nur durch Multikausalität erfasst werden kann. Es gibt kaum etwas, das auf eine einzige Ursache zurückgeführt werden könnte. Niemand bekommt einen Herzinfarkt bloß durch Stress, sondern da muss noch einiges andere, und das über längere Zeit, hinzukommen.

Kein Wunder, dass beim Symposium „Lebensstil und persönliche Verantwortung“ des IMABE Instituts, mitveranstaltet vom Hauptverband der Österreichischen Sozialversicherungsträger und der Österreichischen Ärztekammer, Begriffe auftauchten, die im heutigen Sprachgebrauch kaum mehr verwendet werden. Ärztekammerpräsident Walter Dorner stellte die Prävention in den Horizont nicht nur der persönlichen Verantwortung, sondern auch der Rücksichtnahme auf Mitmensch und Gesellschaft. Enrique H. Prat bezeichnete in seinem Vortrag „Prävention als moralische Einstellung“ die Prävention als „Tugend“, die noch dazu mit der Tugend der Weisheit zusammenhänge. Wer könnte auch leugnen, dass ein gesunder Lebensstil aus einer inneren Einstellung kommen muss, die von Weitsicht und – wie man heute sagen würde – von Nachhaltigkeit geprägt ist, andernfalls wird er nicht realisiert werden. Gesundheit kann man nicht verordnen oder wie ein Medikament verschreiben. Es geht nicht ohne die Einsicht, dass Prävention vernünftig und sinnvoll ist und zu einem gelingenden Leben beiträgt – womit eine ethische Dimension angesprochen ist.

Von der Lebenskunst zur künstlichen Simplizität

In der Antike gab es nicht nur Gesundheit und Krankheit, sondern dazwischen einen neutralen Bereich, der sich zwischen absoluter Krankheit (Tod) und absoluter Gesundheit (Unsterblichkeit) aufspannt. Gesundheit war damit kein Zustand, sondern ein Gleichgewicht, das täglich austariert werden muss. Die Medizin umfasste Diätetik, Medikamente und Chirurgie, aber Diätetik war unendlich mehr als platte Diäten, auf die wir heute fixiert sind. So zeigt sich vor allem beim Thema Gesundheit und Prävention, dass sich das moderne Denken auf künstliche Simplizität eingeengt hat – und das bezeichnen wir als Fortschritt… Natürlich ist Fortschritt keineswegs zu verdammen, im Gegenteil. Wir sehen Fortschritt aber nur im Bereich der Naturwissenschaft, Technik und Technologie – der Bereich des Menschlichen ist davon verschont geblieben.

Das so gerne als „finster“ bezeichnete Mittelalter war in mancher Hinsicht doch auch „heller“ als die heutige Zeit. Das Leben wurde aus ganzheitlicher Perspektive gesehen, beschrieben in Bildern und Symbolen. Gesundheit wurde dem Paradies, Krankheit dem irdischen Leben und Heilung der Auferstehung zugeordnet. Hinter dem Arzt stand der Christus Medicus, hinter dem Patienten die Passion Christi. Spirituelle Therapie war in der Lebenskunst des Mittelalters noch selbstverständlich. Man sprach von Lebenskunst, Krankheitskunst und Sterbenskunst, denen v. Engelhardt noch die Beistandskunst hinzufügt.

Vom Leiden zum Sinn

Die mittelalterlichen Begriffen der „verderblichen Gesundheit“ und der „heilsamen Krankheit“ zeigen eine differenzierte und ganzheitliche Sicht. Alles kann in einer Hinsicht schlecht, in einer anderen aber gut sein. Dem linearen Denken der Moderne ist das fremd. Heute geht es um Jugend, Schönheit, Gesundheit, das Leiden wird verdrängt und abgewertet. Daher ergänzt v. Engelhardt die WHO-Definition von Gesundheit (als vollkommenes körperliches, psychisches, soziales und spirituelles Wohlergehen) um eine komplementäre Definition von Gesundheit als der Fähigkeit, mit Krankheit, Behinderung und Tod umgehen zu können.

Das Leben sollte zu einem sinnvollen Ganzen abgerundet werden. Wie schon Romano Guardini gesagt hatte: „Was hilft die ganze Geriatrie, wenn der alte Mensch nicht selbst zu seinem Sinn kommt.“ Ähnliches klingt an in Hermann Hesses „…nimm Abschied und gesunde“. Und Dietrich von Engelhardt wies darauf hin, dass die immanente Solidarität immer auch auf die transzendente Ganzheit zu beziehen ist.

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