Risiken und Chancen für Autisten bei der Arbeitsvermittlung 

Autisten zählen zu den schwer vermittelbaren Langzeitarbeitslosen. Die Arbeitsvermittlung durch Jobcenter birgt neben Chancen aber auch Risiken.

Trotz ihrer Veranlagung und den damit einhergehenden Schwierigkeiten sind Autisten in einem breiten Berufsspektrum beruflich tätig. Nicht selten sind sie hervorragend ausgebildete Spezialisten, Wissenschaftler oder Künstler. Viele müssen jedoch Tätigkeiten ausüben, die nicht ihren Fähigkeiten entsprechen oder werden in Behindertenwerkstätten intellektuell völlig unterfordert. Laut einer Umfrage befand sich im Jahr 2002 die Mehrheit der befragten Autisten weder in Ausbildung noch in Arbeit und war auf Sozialleistungen oder Erwerbsunfähigkeitsrente angewiesen.

Menschen mit autistischem Hintergrund sind also durchaus in der Lage, in den von ihnen ergriffenen Berufen erfolgreich zu sein (Microsoft-Gründer Bill Gates dürfte der prominenteste Vertreter dieser Gruppe sein). Tatsache ist aber auch, dass zahlreiche Autisten in der heutigen Arbeitswelt an den hohen Anforderungen an die soziale Kompetenz, an die Kontakt- und Kommunikationsfähigkeit sowie an das Durchsetzungsvermögen der Arbeitnehmer scheitern und kaum eine geeignete Stelle finden. Für viele stellt bereits das Vorstellungsgespräch eine unüberwindliche Hürde dar. Im Berufsleben sind Autisten mit dem Asperger-Syndrom zudem in besonderem Maße Mobbing ausgesetzt. Dies führt letztlich wiederum in die Arbeitslosigkeit mit den oben genannten Folgen.

Autisten sind somit in der Regel ganz besonders auf die Hilfe der Arbeitsagenturen und anderer Jobvermittler angewiesen. Die Autismus-Forschungs-Kooperation in Berlin (AFK) hat deshalb im Rahmen einer Studie untersucht, ob die spezifischen Stärken und Schwächen von autistischen Menschen bei der Berufsberatung und der Arbeitsvermittlung angemessene Berücksichtigung finden.

AFK-Studie über das Wissen und die Vorurteile über Autismus in Jobcentern

Rund sechzig Mitarbeiter aus Berliner Jobcentern wurden per Fragebogen nach ihrem Wissen über die Stärken und Schwächen von Autisten befragt. Zudem sollten sie über ihre persönliche Einstellung gegenüber autistischen Menschen Auskunft geben. Als Referenzgruppe nahmen zwanzig Psychiater und Psychologen an der Studie Teil. Die Auswertung der Fragebögen ergab:

  • Die Erscheinungsbilder (Syndrome) des Autismus und ihre Symptome sind den Mitarbeitern in Jobcentern nahezu unbekannt. Dazu gehört z.B. die für Autisten typische Schwierigkeit, mit anderen Menschen in soziale Interaktion zu treten bzw. mit ihnen zu kommunizieren (Sozialverhalten), das Vermeiden von Blick- und Körperkontakt mit dem Gesprächspartner sowie die Unfähigkeit zur nonverbalen Kommunikation (Gestik, Mimik).
  • Die Arbeitsvermittler wissen kaum über die besonderen Stärken der autistischen Menschen Bescheid. Es ist ihnen unbekannt, dass Autisten meist über ein gut ausgeprägtes logisches Denkvermögen verfügen und sich auf ihren Spezialgebieten durch eine außergewöhnliche Sachkenntnis, durch eine phänomenale Merkfähigkeit oder andere beeindruckende Begabungen wie Kopfrechnen, Zeichnen, Schreiben oder Musikalität auszeichen (Inselbegabungen).
  • Die meisten Jobcenter-Mitarbeiter begegnen autistischen Menschen mit Vorurteilen. Sie wissen nicht, dass Autisten normale bis überdurchschnittliche kognitive Fähigkeiten besitzen und durchaus Gefühle für andere Menschen entwickeln.
  • Arbeitsvermittler schätzten die Häufigkeit von Autismus in der Bevölkerung mit 1 zu 4000 deutlich zu niedrig ein. Neueste Studien gehen davon aus, dass jeder zweihundertste Mensch von Autismus betroffen ist.
  • Die Mitarbeiter in Jobcentern sind gegenüber autistischen Menschen nicht weniger tolerant und mitfühlend als die ebenfalls befragten Psychologen und Psychiater.

Schlussfolgerung

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass mit zunehmendem Wissensstand über das Phänomen Autismus die Vorurteile gegenüber autistischen Menschen abnehmen. Da bei den Jobcenter-Mitarbeitern nach eigener Einschätzung ein hohes Maß an Toleranz und Veränderungsbereitschaft vorliegt, kann eine verstärkte Aufklärung über Autismus langfristig zu einer positiveren und realistischeren Bewertung von autistischen Menschen führen.

Die AFK, ein Zusammenschluss von autistischen Menschen und Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und der Freien Universität Berlin, hat auch in einer weiteren Studie mit Allgemeinmedizinern und Hausärzten die Zusammenhänge zwischen dem Ausmaß an Wissen und den Vorurteilen über Autisten nachgewiesen.

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