Sind Strumpfhosen modisch am Ende?

Der Blick auf prominente Beine enthüllt: Nylons sind out. In Amerika gelten hautfarbene Feinstrümpfe derzeit als Fauxpas – nicht nur auf dem roten Teppich. Die gute Nachricht für Verfrorene: blickdicht und farbig liegt im Trend.

Es war ein kalter Januartag in Detroit, als Mercedes auf der Autoshow 2008 den neuen GLK vorstellte. Weil der Wagen in der Kinoversion von „Sex and the City“ vorkommt und die Marke mit dem Stern zu Werbezwecken gern auf Stars setzt, hatte der Konzern für die Pressevorführung Kim Cattrall verpflichtet. Die blonde Schauspielerin entstieg dem schicken Vehikel in einem roten asymmetrischen Pulloverkleid und mit goldenen Stöckelschuhen. Und es war ganz offensichtlich, dass sie keine Nylonstrümpfe trug: Ein gut sichtbares Zehen-Dekolleté ließ auch von Weitem keinen Zweifel daran.

Nun ist die Messehalle in der Motor City gut geheizt, und auch mit bloßen Beinen sind die Temperaturen durchaus angenehm. Cattrall, die ein wenig mit Daimler-Chef Dieter Zetsche schäkerte, schien sich ganz behaglich zu fühlen in ihren Stuart-Weitzman-Pumps – sie hatte jedenfalls keine Gänsehaut, wie die Nahaufnahme belegt. Und die Fans der Fernsehserie, in der Cattrall die Rolle der frivolen Samantha Jones verkörpert, dürften sich über den strumpflosen Auftritt wenig gewundert haben, denn die feschen Sex-and-the-City-Ladys schlüpfen grundsätzlich barfüßig in ihre Designerschuhe. Zu Riemchensandaletten passen nun einmal keine beige bestrumpften Beine. Trotzdem: Noch vor wenigen Jahren hätte ein amerikanischer Filmstar bei einem offiziellen Auftritt eine Feinstrumpfhose (oder Strümpfe mit Haltern) getragen. Alles andere wäre unschicklich gewesen.

Damenstrumpfhosen waren früher Teil des Dresscodes

Nun dürfte dem aufmerksamen Beobachter nicht entgangen sein, dass Stars und Sternchen auf dem roten Teppich schon seit längerem keine Laufmasche mehr riskieren – statt hautfarben ist nackte Haut angesagt, was besonders bei den etwas blasseren Schönheiten für eine ganz neue Optik sorgt. Für die Durchschnittsamerikanerin galt indessen bis vor kurzer Zeit noch ein Dresscode, jedenfalls am Arbeitsplatz: Vor allem im Finanzgewerbe waren Strumpfhosen verbindlich vorgeschrieben, bei manchen Banken sogar unter Hosen. Die meisten Frauen, die vor den 90er-Jahren ins Berufsleben traten, fanden das auch ganz normal. Sie hielten Feinstrümpfe für so unentbehrlich wie Unterwäsche.

Diese Einstellung hat sich geändert. Der Markt für Damenstrümpfe ist seit etlichen Jahren rückläufig, in den USA ebenso wie in Europa. Viele junge Frauen kommen überhaupt nicht mehr auf die Idee, Feinstrümpfe zu tragen – manche haben noch nie eine Strumpfhose besessen. Und diese Generation der Strumpf-Gegnerinnen lässt sich auch von einem Dresscode nicht beeindrucken. „Is Pantyhose over?“ war eine Frage, die im vergangenen Sommer in allen möglichen Medien hitzig diskutiert wurde. Sogar im seriösen „Wall Street Journal“ stand ein Artikel über Strumpfhosen. Das endgültige Verdikt, das Fashion-Blogs schon längst gefällt haben: Nylons sind out. Allenfalls Omas beige Stützstrumpfhose ist erlaubt, aber bitte nur mit ärztlichem Attest. Alles andere ist untragbar.

Dabei galt die Feinstrumpfhose einst als modische Errungenschaft. Der Minirock wäre ohne sie undenkbar gewesen – als der Rocksaum immer höher rutschte, durften darunter keine Strapse sichtbar werden. Viele Frauen empfanden die Strumpfhose als Fortschritt; sie war einfach bequemer als Strümpfe und Strumpfhalter, und da konnte nichts mehr verrutschen.

Strümpfe sind Make-up für die Beine, aber nicht warm

Außerdem macht eine feine, zart glänzende Strumpfhose eine gute Figur und besitzt unbestritten kosmetische Wirkung: Sie ist Make-up für die Beine. Im Winter wärmt sie allerdings kaum mehr als Strümpfe, die an Strapsen hängen. Bis heute gilt, was Alfred Döblin in „Berlin Alexanderplatz“ schrieb: „Die Weiber haben dünne Strümpfe und müssen frieren, aber es sieht hübsch aus.“

Frieren will heutzutage jedoch niemand mehr. Und so ziehen viele Frauen nur dann einen Rock oder ein Kleid an, wenn es warm genug ist, um ohne Strümpfe zu gehen. Im Winter tragen sie lieber Hosen und dazu Socken oder Kniestrümpfe aus Wolle. Und wer die Optik seiner winterblassen Beine verbessern möchte, greift heute ohnehin eher zur Bräunungscreme als zu einer kaschierenden Strumpfhose. Wahlweise gibt’s die gleichmäßige Hautfarbe auch aus der Spraydose: Die „Strumpfhose zum Aufsprühen“ hilft dem Feinstrumpf-Absatz auch nicht gerade.

Nachdem nun gar Michelle Obama, Amerikas künftige First Lady, in der Fernsehsendung „The View“ ihre Abneigung gegen Pantyhose kundtat, dürfte das Schicksal dieses Kleidungsstücks endgültig besiegelt sein: Ab damit in den Lumpensack. Damit hat sich die Dresscode-Debatte ein für allemal erledigt. Strumpflos ist okay.

Die neueste Masche: Schwarz, knallbunt oder mit Spitzenmuster

Wie immer, wenn gerade etwas ganz besonders altmodisch erscheint, ist es in Wirklichkeit aber schon wieder im Kommen. Neuerdings werden wieder Schauspielerinnen gesichtet (sogar ganz junge), die zu ihrem kleinen Schwarzen schwarze Nylons tragen. Das heißt nun nicht, dass auch Hautfarbene bald angesagt sind. Dafür liegen blickdichte Strümpfe, die in Amerika „Tights“ heißen, eindeutig im Trend – vor allem solche in Knallfarben oder mit Spitzenmuster. Und mit Schwarz liegt man sowieso nie falsch. Auch nicht bei offiziellen Terminen.

Für alle, die sowieso immer frieren, ist das bestimmt beruhigend zu hören: Die Blickdichten geben erstaunlicherweise richtig warm.

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