Sport und Stammzellentherapie – Wie Stammzellen durch körperliche Aktivität neue Gefäße bilden

Sport schützt nicht nur vor Arteriosklerose, sondern sorgt auch für eine Freisetzung von Stammzellen. Und diese alleskönnenden Zellen lassen neue Blutgefäße entstehen.

Der Gedanke, dass Menschen mit Herzerkrankung möglichst jede Form von Sport scheuen müssten, und den Rest ihrer Tage vorzugsweise im Sitzen verbringen sollten, ist lange überholt. Körperliche Anstrengung wirkt Herz-Kreislauf-Erkrankungen entgegen, dass konnte sogar wissenschaftlich bestätigt werden: So haben Forscher der Universität London im Jahr 2014 herausgefunden, dass sich Ausdauertraining positiv auf eine Herzschwäche –„Herzinsuffizienz“ – auswirkt: 395 Menschen mit diesem Leiden mussten drei bis sieben Mal pro Woche – unter ärztlicher Aufsicht – joggen, schwimmen oder Rad fahren.

Das Ergebnis: die Wahrscheinlichkeit zu sterben sank bei mit Ausdauertraining gegenüber „untrainierten“ Patienten um 35 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit ins Krankenhaus eingeliefert zu werden, wurde um 28 Prozent herabgesetzt. Sport könnte demnächst, genau wie eine medikamentöse Therapie, in individuell angepasster Dosierung ärztlich verschrieben werden, erhoffen sich viele Ärzte. Die körperliche Ertüchtigung soll Gefäße vor einer drohenden Verstopfung schützen. Bisher relativ unbekannt ist allerdings, dass Sport sogar neue Zellen und neue Blutgefäße wachsen lässt – man könnte fast sagen, der Körper legt sich selbst einen Bypass. Denn nach neusten Untersuchungen sollen die alleskönnenden Stammzellen, die aus dem Knochenmark freigesetzt werden, gezielt in nicht mehr durchblutete Winkel des Herzens hineinzuwachsen, um dort völlig neue Blutgefäße zu bilden.

Stammzellen

Stammzellen sind Körperzellen, die noch nicht spezialisiert sind – wie beispielsweise Haut- oder Leberzellen. Ihre Bestimmung ist also noch offen. Sie sind in der Lage, ständig neue, organspezifische Tochterzellen zu erzeugen und sich dabei selbst zu erhalten. Über das Schicksal der Tochterzellen wiederum entscheidet das biologische Milieu, in dem diese sich befinden.

Sport führt zu Ausschüttung von neuen Stammzellen

Wissenschaftler der Universität Leipzig ließen 16 herzkranke Menschen auf einem Laufrad strampeln, einige von ihnen durften das Training ruhig angehen, andere mussten sich so lange abkämpfen, bis ihnen die Brust schmerzte – eine Folge der Sauerstoffunterversorgung im Herzmuskel. Bereits zwei Tage nach der einmaligen körperlichen Anstrengung stellten die Forscher eine erhöhte Freisetzung von Stammzellen fest – allerdings nur bei den Patienten, die sich während des Trainings soweit anstrengt hatten, dass es zu den Brustschmerzen gekommen war – was die Forscher als den „Kick“ für die Stammzellen deuteten.

Stammzellen erneuern ein kaputtes Gefäßsystem

Eine weitere Studie aus dem Jahr 2015 konnte die Ergebnisse bestätigen: 18 Raucher, die bereits erste Anzeichen eines Raucherbeins, also eine Einengung der Beingefäße zeigten, mussten einen Monat lang fünfmal pro Woche ein Lauftraining bis zur Schmerzgrenze – also bis Sie Schmerzen in der Brust verspürten- absolvieren. Die Stammzell-Ausschüttung verfünffachte sich und das kaputte Gefäßsystem fing bereits an, sich an einigen Stellen zu erneuern. Bei Menschen, die unterhalb der Schmerzgrenze trainierten, zeigte sich zunächst keine Veränderung. Allerdings: Nach drei Monaten gab es auch hier ein Anstieg der Stammzellen im Blut. Sport kann also selbst in Maßen genossen, das Voranschreiten einer Herz-Erkrankung bremsen.

Stammzellen in der Herzinfarkt-Therapie

Ob Stammzellen zukünftig auch in der Infarkt-Therapie eingesetzt werden können, sollte eine Studie aus dem Jahr 2006 zeigen, an der unter anderem die Universitätskliniken Mannheim und Frankfurt beteiligt waren.

„Die in dieser Form weltweit erste Studie zeigt, dass die Herzfunktion nach einem Infarkt durch eine Infusion von Stammzellen, die aus dem Knochenmark gewonnen wurden, verbessert werden konnte“, fasst der beteiligte Oberarzt Dr. Tim Süselbeck die Ergebnisse zusammen. „Heute zur Verfügung stehende Medikamente ermöglichen im Grunde nur eine Schadensbegrenzung. Bei der Therapie mit Stammzellen besteht dagegen die begründete Hoffnung auf eine mehr oder weniger ausgeprägte echte Regeneration der Herzfunktion“, so der Experte.

Bei 200 Herzinfarkt-Patienten wurden aus dem körpereigenen Knochenmark Stammzellen gewonnen. Nach drei bis sechs Tagen gelangten die Zellen über einen Herzkatheter zurück in den Körper. Bei den so behandelten Menschen erhöhte sich innerhalb von vier Monaten die Herzleistung um 5,5 Prozent, in der Kontrollgruppe mit herkömmlicher Behandlung waren es hingegen nur 3 Prozent. Am meisten profitierten Patienten, die einen besonders schweren Infarkt erlitten hatten. Das Mannheimer Universitätsklinikum wird diese Therapie künftig in geeigneten Fällen seinen Patienten anbieten.

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