Warum es so große Probleme bereitet, die Polio auszurotten

Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam – doch die Erfolge von Massenimpfungen gegen die Polio lassen noch immer auf sich warten.

Bis zum Jahr 2000 wollte die Weltgesundheitsorganisation die Polio, auch Kinderlähmung genannt, endgültig ausrotten. Die Initiative läuft unter dem Namen „WHO-Projekt der Globalen Polioeradikation (GPEI)“. Das Wort Eradikation kommt aus dem Lateinischen (ex „heraus“ und radix „Wurzel“) und bedeutet soviel wie Keimeliminierung. In diesem Fall wird damit die Absicht ausgedrückt, den Infektionserreger der Polio vollständig aus der Welt zu schaffen. Was ist geworden aus diesen ehrgeizigen Plänen?

Jährlich am 28. Oktober wird der Welt-Poliotag begangen. Dieser Tag soll an die Entwicklung des ersten Polioimpfstoffes erinnern. Dank gemeinsamer Anstrengungen von WHO, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF), Rotary International und vielen anderen Mitstreitern konnte die Zahl der weltweit registrierten Fälle in den letzten Jahren um mehr als 99% gesenkt werden.

Die Welt soll frei von Polio werden

Seitdem die Welt im Mai 1980 von der WHO als pockenfrei deklariert wurde, ist es das erklärte Ziel, auch die Kinderlähmung endgültig zu besiegen. So wurden nach dem Motto: „Was bei den Pocken gelungen ist, wird auch bei der Kinderlähmung funktionieren“ zur Vorbeugung der Polio weltweit Massenimpfungen und spezielle Überwachungsstrategien für eingeschleppte Polioerreger angeordnet, doch der Erfolg lässt weiter auf sich warten. Zwar ist es gelungen, dass von 2002 bis 2010 weder in Europa noch in Amerika Fälle von Kinderlähmung aufgetreten sind – aber ausgerottet ist der Erreger dadurch noch lange nicht. Pakistan und Afghanistan und auch Teile von Indien und Afrika gelten nach wie vor als Krankheitsherde. Für Deutschland ist das nicht unerheblich, denn Reisende können das Virus nach wie vor einschleppen und Nichtgeimpfte anstecken.

Kinderlähmung – eine vergessene Krankheit

Die Kinderlähmung verdankt ihren Namen der Tatsache, dass vor Einführung der Schluckimpfung überwiegend Kinder im Alter von drei bis acht Jahren von Lähmungen betroffen waren.

Mittlerweile gerät die hoch ansteckende Infektionskrankheit hierzulande jedoch mehr oder weniger in Vergessenheit, denn in Deutschland ist seit 20 Jahren niemand mehr an Polio erkrankt. Doch Eltern wiegen sich in falscher Sicherheit. Zwar klingt der Werbespruch der Impfkampagne aus den 1960er-Jahren „Kinderlähmung ist grausam, Schluckimpfung ist süß“ noch vertraut in unseren Ohren, impfen lässt so gut wie niemand mehr sein Kind.

Warum konnten die Pocken ausgerottet werden und die Polio nicht?

Die Ausrottung der Pocken war unter anderem deshalb möglich, weil der Erreger (das Pockenvirus) nur wenig ansteckend ist und die Infizierten deutliche Symptome zeigten. Bei der hochinfektiösen Kinderlähmung hingegen erkrankt statistisch gesehen nur einer von 200 Infizierten, so dass sich der Erreger unbemerkt weiter verbreiten kann.

Die echten Pocken (Variola major) beginnen zwar mit uncharakteristischen, grippeähnlichen Beschwerden, wie Fieber, Kopfschmerzen, Kreuz- und Gliederschmerzen, aber diesen Krankheitserscheinungen folgt nach wenigen Tagen der für die Pocken typische Hautausschlag: Blass-rote, juckende Flecken, die in Knoten übergehen, dann zu flüssigkeitsgefüllten Bläschen werden und sich schließlich in Pusteln umwandeln. Die Pusteln heilen unter Narbenbildung ab.

Die Symptome der Polio dagegen sind viel weniger eindrucksvoll. In 90 bis 95 Prozent der Fälle verläuft die Krankheit völlig symptomlos oder lediglich mit leichtem Durchfall, in 5% der Fälle kommt es zu grippeartigen Symptomen und nur bei 0,1 -1% der Infizierten treten die typischen Lähmungen der Gliedmaßen auf. In sehr wenigen Fällen kommt es schließlich zum Tod.

Erneut Fälle von Polio in Europa

Im letzten Jahr traten nun erstmalig wieder Poliofälle in der WHO-Region Europa auf: Durch aus Indien eingeschleppte Polioviren kam es plötzlich in Tadschikistan zu über 600 Krankheitsfällen, woraufhin im Juni 2010 der Strategische Plan der GPEI für 2010 bis 2012 eingeführt wurde. Dieser beinhaltet unter anderem neue Ansätze für Bekämpfungsstrategien, spezielle Strategien für bislang unterversorgte Bevölkerungsgruppen (wie Nomaden, Wanderarbeiter usw.) und auch den Einsatz neuer Impfstoffe.

Doch zusehends mehren sich die Stimmen derer, die der Überzeugung sind, dass sich die Kinderlähmung nicht ausrotten lassen wird – der Kampf gegen sie aber auch weiterhin Unsummen verschlingt!

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