Wie entsteht eine Panikattacke?

Panikattacken, oder: der Angst den Wind aus den Segeln nehmen. Lebensqualität statt Angstzustände: plötzlich auftretende Panikattacken bekämpfen und heilen, bevor sie zum übermächtigen Feind werden…

Furcht – jeder kennt sie, kaum jemand redet darüber. Von der Angst vor Spinnen über das unheimliche Gefühl, in ein Flugzeug zu steigen bis hin zur Klaustrophobie in beengten Räumen reicht die Bandbreite an unterschiedlichen Angstzuständen. Ein weiteres, öffentlich weitgehend unbehandeltes Phänomen sind die unvermittelt auftretenden Panikattacken, unter denen schätzungsweise zirka 2,5 Millionen Deutsche zu leiden haben. „Die Dunkelziffer ist wesentlich höher“, meint der Therapeut Jürgen Kühn aus Malsch bei Karlsruhe. Allerdings gäbe es einige Möglichkeiten auf Heilung aus der Verhaltenstherapie – die Chancen auf Erfolg würden sogar bei 90 Prozent liegen, so der 46-jährige. Die Bereitschaft, offen über dieses Thema zu reden, sei allerdings die erste Grundvoraussetzung…

Ein furchtbares Märtyrium des Alltags

„Am liebsten wäre ich jedes Mal sofort aus dem Supermarkt gestürzt, als wenn ich nur von weitem die Menschenschlange an der Kasse gesehen habe…“, berichtet eine Patientin, deren Name anonym bleiben soll. Herzrasen, Schweißausbrüche, Blackouts – was zunächst wie eine Ausnahmeerscheinung klingt, ist für nicht wenige Personen ein furchtbares Märtyrium des Alltags. Jürgen Kühn (Psychotherapie, Paartherapeut und psychologischer Berater) meint: „Nicht selten handelt es sich dabei um äußerlich ganz normal wirkende Menschen, die von solchen plötzlich auftretenden Angstzuständen wie von einem bösem Fluch verfolgt werden.“ Völlig unkalkulierbar würden die Schockzustände auftreten, meist von einer Sekunde auf die nächste. Oftmals dann, wenn der Betroffene überhaupt nicht damit rechnet: beim Autofahren, auf Konferenzen, beim Sport, im Schwimmbad… „Menschen, die unter Panikattacken leiden, sind zu keiner Zeit an keinem Ort vor ihnen sicher“, sagt Kühn. Rund 2,5 Millionen Deutsche seien schätzungsweise von diesen Leiden betroffen, nicht selten in Verbindung mit anderen Angsterkrankungen wie zum Beispiel Agoraphobie (Platzangst).

Ein Problem kommt selten allein

„Schlimm genug, wenn jemand unter solchen Erscheinungen leidet“, findet der Therapeut, doch käme, wie so oft, ein Problem selten allein: „Solche Menschen fühlen sich meist sehr allein gelassen, weil man ihnen nicht selten das Gefühlt gibt, das alles nur auf Einbildung beruhen würde.“ Das Schamgefühl, diesen Umständen hilflos ausgeliefert zu sein, wäre ein weiterer Grund, warum etliche Betroffene ihr Leiden verschweigen – und dass, obwohl Symptome wie Herzrasen, Schweißausbrüche oder Schwindelgefühle unverkennbar aufträten. „Geht man nicht rechtzeitig dagegen an, kann es im schlimmsten Fall sogar zum Selbstmord kommen“, meint Kühn, zu dessen Patienten auch Personen gehören, die sich mittlerweile völlig von der Außenwelt isoliert haben, weil sie das Gefühl von Menschenmassen, öffentlichen Plätzen oder räumlicher Enge nicht mehr ertragen können. „Dabei sind diese Leute in keiner reellen Gefahr – es fühlt sich für sie aber so an.“

Panikattacken als Resultat vieler unbewältigter Kleinigkeiten

Wie definieren sich Panikattacken eigentlich? „Neben den bereits erwähnten physischen Symptomen sind es vor allem psychische Erscheinungen wie zum Beispiel die Angst vor Kontrollverlust, das Gefühl, einen Herzinfarkt zu erleiden oder sogar zu sterben.“ Die Ursachen für diese psychische Krankheit sieht Kühn in erster Linie in der Verdrängung von negativen Erlebnissen, wobei es sich nicht einmal um ein einschneidendes Ereignis wie einen Todesfall oder einen Unfall handeln muss, berichtet der Malscher Therapeut weiter. Oftmals reichen viele Kleinigkeiten aus, die in ihrer Gesamtheit dann zu den besagten Panikattacken führen: ein unbewältigter Konflikt hier, ein beruflicher Misserfolg da und irgendwann ist dann das vegetative Nervensystem, welches quasi als Sammelbecken für all diese Impulse dient, völlig überreizt. Kühn stellt an dieser Stelle den bildlichen Vergleich mit einem Dampfkessel an, der solange unter steigenden Druck gesetzt wird, bis er irgendwann aus allen Fugen platzt. Jobverlust, Perspektivlosigkeit, die zunehmende soziale Kälte sowie der immer harscher werdende Umgang der Menschen untereinander wären nur einpaar von vielen Beispielen, die dauerhaft gesehen und in ihrer Gesamtheit zu solchen Zuständen führen können. Kühn: „Das Unterbewusstsein kann nur eine gewisse Zeit lang eine bestimmte Menge an unverarbeiteten Erlebnissen unterdrücken. Dann kommt es zur Entladung wie zum Beispiel durch Schlafstörungen oder eben in Form von Panikattacken“.

Erster Schritt: die richtige Richtung frequentieren…

Doch wie lässt sich der Stau auf der seelischen Datenautobahn wieder lösen? „Zuerst gilt es, den gedanklichen Teufelskreis zu durchbrechen.“ Laut Kühn müsse der Prozess in mehreren Schritten vollzogen werden: als erstes habe der Patient zu lernen, die Symptome realistischer zu betrachten und sie dann nicht mehr negativ zu bewerten. „Wer es schafft, die Symptome ohne Bewertung zuzulassen – sich also sich Schwindelgefühlen oder Unwohlseinnicht nicht mehr verrückt machen lässt – der hat schon mal einen ersten, entscheidenden Schritt in die richtige Richtung getan, nämlich der Angst den Wind aus den Segeln zu nehmen. Somit entsteht in der Regel erst gar nicht eine Attacke, die Anfälle lassen nach und verschwinden mit der Zeit völlig.“

… um neue Lebensqualität zu erlangen

Die Kraft der Gedanken nutzen sei daher ein immens wichtiger Schritt im Heilungsprozess, sagt Kühn. Wer unter Schwindelgefühlen leidet, soll sich beispielsweise eine gemütliche Bank in der Nähe suchen und an etwas Schönes denken, bis die Anfälle wieder nachlassen. Zu fliehen hingegen wäre ein großer Fehler, denn dadurch würde die Angst nur noch verstärkt werden. „Natürlich ist alles eine Frage der Übung und der Einstellung“, so der Therapeut. „Wer aber bereit ist, unter Anleitung konsequent einen Schritt nach dem anderen zu tun, kann sich dadurch auf Dauer selbst heilen.“ Mit Übungen zur Atemtechnik oder Muskelentspannung ließe sich diese Selbstkontrolle weiter trainieren. Im nächsten Schritt müsse dafür gesorgt werden, dass der Patient wieder am normalen Leben teilnimmt und kein Vermeidungs-Verhalten mehr an den Tag legt. Zudem ist Kühn der Ansicht, dass die meisten Krankheiten immer einen psychisch bedingten Bewegrund haben – und Panikattacken würden sich da nicht ausnehmen. Daher gelte es, neben den körperlichen Funktionen auch das seelische Befinden zu erforschen, sprich: die unangenehmen Erlebnisse aufzuarbeiten, die als Verursacher eintreten, bis schließlich eine neue Lebensqualität erlangt ist.

Von der Enge der Wohnung in die Weiten Amerikas

Als Beispiel nennt Jürgen Kühn einen Manager, der jahrelang unter zunehmenden Panikstörungen litt, bis er sich irgendwann nicht einmal mehr traute, das eigene Haus zu verlassen. „Der Mann war in einem derartigen seelischen Zustand der Einengung, so dass er von einem Tag auf den nächsten die eigene Firma nur noch von daheim aus koordinierte, weil er sich nicht mehr auf öffentliche Plätze traute.“ Der Zustand der Verzweiflung wurde dennoch immer größer. In letzter Not beschloss der Manager Hilfe aufzusuchen, wo er schließlich die oben genannten Methoden konsequent anwenden musste, wodurch er sich letztendlich selbst von den Panikattacken befreien konnte. „Jetzt plant er sogar eine Motorradtour durch die Vereinigten Staaten von Amerika“, berichtet Jürgen Kühn, dessen Patient nun endlich wieder die Angstfreiheit und das Gefühl des Losgelöstseins hat, die das Leben so lebenswert machen.

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