Die tückische Schwester der Harnblasenentzündung

Höllische Schmerzen im Unterleib, bis zu 60 Mal am Tag aufs Klo – das könnte eine Interstitielle Cystitis sein. Selbst Ärzte kennen die Krankheit oft nicht.

Häufiger Harndrang, gleichzeitig aber Schwierigkeiten und Schmerzen beim Wasserlassen, manchmal auch Blut im Urin, das kennt fast jede Frau. Ursache ist meist eine entzündete Blase. Die Harnblasenentzündung (Fachwort: Cystitis, auch: Zystitis) ist eine der häufigsten Erkrankungen überhaupt. Sie tritt besonders bei sexuell aktiven Frauen auf. Zwei von drei Frauen sind wenigstens einmal im Leben davon betroffen, jede zehnte von ihnen sogar mehrfach. Männer erkranken seltener, sie machen nur ein Zehntel der Patientin aus, zudem tritt bei ihnen die Krankheit meist erst nach dem 60. Lebensjahr auf. Weibliche Säuglinge können ebenfalls erkranken, dabei spielt die Windel meist eine Rolle.

Schuld sind Bakterien – und bei Frauen zusätzlich die kurze Harnröhre

Grund für die Krankheit ist eine bakterielle Infektion der Schleimhaut der Harnblase, meist mit dem Darmbakterium Escherichia coli (in vier von fünf Fällen), aber auch Hefen, Chlamydien, Viren oder mechanische Reize kommen in Frage. Weil die Harnröhre bei Frauen kürzer ist und in der Nähe von Scheide und Anus liegt, können Bakterien bei ihnen leichter in die Blase gelangen. Besonders häufig kommt die Krankheit bei Schwangeren vor: Bei ihnen fließt der Harn langsamer durch die Harnwege, er staut sich auf, Keime bleiben deshalb länger in der Harnblase. Etwa jede zwanzigste schwangere Frau entwickelt eine Cystitis. Auch zuviel Sex kann zu der Erkrankung beitragen, Mediziner sprechen dann von der „Flitterwochen-Cystitis“. Ältere Männer erkranken, weil sich bei ihnen häufig die Prostata vergrößert. Dadurch verengt sich die Harnröhre, der Harn fließt schlechter ab, Krankheitserreger können sich leichter ansiedeln.

Unangenehm, aber gut behandelbar

Um die Krankheit möglichst erst gar nicht entstehen zu lassen, gibt es ein paar einfache Regeln: Nach dem Stuhlgang immer von vorne nach hinten wischen, nie umgekehrt. Hilfreich ist es auch, möglichst viel zu trinken (anderthalb bis zwei Liter pro Tag), damit Bakterien leichter aus der Blase herausgespült werden können. Eine allzu aufwändige Intimhygiene dagegen ist eher nicht zu empfehlen. Manche Frauen schwören zur Vorbeugung auf Cranberry-Saft. Da bei Frauen jenseits der Wechseljahre die Scheidenwände dünner und trockener werden und sich deshalb dort leichter Bakterien ansiedeln können, können auch Östrogen-Salben helfen, die direkt auf die Scheidenwand aufgetragen werden. Allerdings haben diese Salben oft auch unangenehme Nebenwirkungen, können zu Brennen und Jucken führen.

So unangenehm eine Harnblasenentzündung auch ist – sie ist gut behandelbar. Meist verschreibt der Arzt für einige Tage ein Antibiotikum, und die Entzündung klingt ohne Folgen ab. In sehr seltenen Fällen freilich können die Bakterien über den Harnleiter bis zu den Nieren aufsteigen, dann kann es zu einer Nierenbeckenentzündung kommen, und die muss rasch behandelt werden. Zu erkennen ist dies an Schmerzen in der Nierengegend und Fieber, manchen Menschen wird auch übel und sie müssen sich übergeben.

Die böse Schwester der Harnblasenentzündung – Interstitielle Cystitis

Doch die eher harmlose Harnblasenentzündung hat eine gefährliche, tückische, bösartige Zwillingsschwester – die Interstitielle Cystitis (IC). Die Opfer leiden unter unvorstellbaren Schmerzen, müssen alle 20 Minuten, auch nachts, auf die Toilette, und selbst das Wasserlassen ist eine Qual: der Harnstrahl bleibt dünn, das Brennen lässt kaum nach. Auch Sex ist wegen der heftigen Schmerzen kaum noch möglich. Nicht selten ziehen sich die Betroffenen gänzlich aus ihrer Umwelt zurück, werden gar erwerbsunfähig. Meist beginnt die Krankheit um das 40. Lebensjahr herum. Auch hier sind in neun von zehn Fällen Frauen betroffen, Männer können aber ebenfalls erkranken.

Selbst Ärzte kennen sich mit dem Leiden oft nicht aus

Besonders schlimm: Die Krankheit wird häufig nicht erkannt, selbst Ärzte verwechseln sie oft mit einer normalen Harnblasenentzündung oder ähnlichen Leiden. Die Diagnose ist schwierig, häufig wandern die Patienten mit ihren Problemen über Jahre von Arzt zu Arzt – oft der Beginn eines Leidensweges, an dessen Ende nicht selten die Entfernung der Harnblase steht. „Selbst unter Medizinern ist die Interstitielle Cystitis noch zu wenig bekannt“, räumt sogar Prof. Stefan C. Müller ein, Direktor der urologischen Klinik an der Bonner Uni. In Deutschland leiden rund 25.000 Menschen an der Krankheit, doch steigen die Zahlen seit Jahren an. Weil die Dunkelziffer sehr hoch ist, könnten es aber auch wesentlich mehr sein – einige Quellen sprechen von bis zu 400.000 Betroffenen. Sogar Ärzte, die zumindest schon mal von der IC gehört haben, behaupten jedoch nicht selten: „Die Chance, einem Patienten zu begegnen, ist verschwindend gering“, aber das ist falsch.

Die weitgehende Unkenntnis hängt auch mit dem sperrigen Namen des Leidens selbst zusammen: Jahrelang konnten sich die Mediziner nicht auf eine einheitliche Bezeichnung einigen, mal war von Blasenschmerz-Syndrom die Rede, mal (nach einem amerikanischen Chirurgen) von Hunner-Cystitis, mal von abakterieller Blasenentzündung. Mittlerweile haben sich die Fachärzte für Erkrankungen der Harnwege, die Urologen, zwar mehrheitlich auf Interstitielle Cystitis geeinigt – die Verwechslungsgefahr mit ähnlichen, aber weitaus harmloseren Leiden wird dadurch, besonders für Laien, die gern mal im Internet suchen, jedoch eher noch erhöht.

Die Krankheit gilt als unheilbar

Die Interstitielle Cystitis gilt als unheilbar, man weiß bisher nicht einmal, wie sie überhaupt genau entsteht. Manche Forscher vermuten, dass es sich um eine Autoimmunkrankheit handelt, bei der das Immunsystem die eigene Blase angreift. Charakteristisch für das Leiden ist, dass sich, anders als bei der normalen Harnblasenentzündung, keine Bakterien als Ursache nachweisen lassen, eine Infektion liegt also nicht vor. Eine Behandlung mit Antibiotika ist deshalb sinnlos.

Immerhin hat man inzwischen aber erkannt, dass die schützende innere Schleimhautschicht der Blase, die sogenannte GAG-Schicht (Glycosaminoglycan-Schicht), eine zentrale Rolle beim Ausbruch der Krankheit spielt. Wenn diese Schicht fehlt oder beschädigt ist, wird die Schleimhaut durchlässiger; erst dann kann sich das Gewebe entzünden und eine Interstitielle Cystitis entstehen.

Im Frühstadium lässt sie sich noch aufhalten, doch die Kassen zahlen nicht

Auch wenn eine Heilung nach wie vor nicht in Sicht ist, so lässt sich mittlerweile immerhin das Fortschreiten der Krankheit aufhalten – vorausgesetzt, sie wird so früh wie möglich richtig diagnostiziert. Und diese Diagnose ist aufwändig und teuer: Es ist nötig, alle Krankheitsanzeichen möglichst vollständig zu erfassen, eine Blasenspiegelung ist ebenfalls unumgänglich. Dabei werden auch Gewebeproben entnommen, die anschließend mikroskopisch untersucht werden. Auch eine Molekulardiagnostik ist nicht zu vermeiden: Die verschiedenen Schichten der Harnblasenwand sind meist verändert; in den Zellen dort finden sich deshalb bestimmte Proteine, die auf ihre genaue Zusammensetzung untersucht werden müssen.

Die Behandlung zielt darauf ab, die Schmerzen zu lindern und die Blase mit Medikamenten zu spülen, die die Blasenschutzschicht, den GAG-Layer, wiederherstellen. Doch diese über einen längeren Zeitraum nötigen Spülungen werden von den Kassen meist nicht erstattet – die Patienten müssen in der Regel selbst die Kosten dafür tragen, teilweise über 250 Euro im Monat. Dies erschwert die Situation der Betroffenen noch zusätzlich.

Eine Schwangerschaftshormon verheißt neue Hoffnung

Eine Beobachtung könnte aber jetzt sowohl die Diagnose als auch die Therapie verbessern: Bei Schwangeren nämlich bessert sich das Leiden nachhaltig. Auf der Suche nach dem Grund stellte sich heraus, dass dafür das Schwangerschaftshormon Humanes Choriongonadotropin (hCG) verantwortlich ist – auf dem Nachweis dieses Hormons beruhen auch die meisten Schwangerschaftstests. Das Hormon findet sich in wesentlich geringeren Konzentrationen – nur etwa ein fünfzigtausendstel der Menge bei Schwangeren – auch bei Männern und bei nichtschwangeren Frauen. Bei Patienten jedoch, die an der Interstitiellen Cystitis leiden, ist der Hormonspiegel unabhängig vom Geschlecht stark erhöht. Dies deutet darauf hin, dass hCG sowohl beim Schutz als auch bei der Reparatur der Blasenschleimhaut eine wichtige Rolle spielt.

Wie sich dieser neue Ansatz für die Diagnose und die Therapie der IC nutzen lässt, das untersucht zur Zeit der IC-Forscher und Leitende Oberarzt Dr. Thilo Schwalenberg von den Leipziger Universitätskliniken. Erste Ergebnisse wird er in dieser Woche auf dem Urologenkongress in Leipzig vorstellen.

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