Was tun, wenn der Partner Angst vor (zu viel) Nähe hat?

Ein Partner, der häufig auf Distanz geht, kann viel Kummer verursachen.

Umso wichtiger ist es, dass Partner eines Bindungsphobikers gut für sich selbst sorgen.

Angst vor Nähe hat viele Namen: Bindungsangst, Beziehungangst, Bindungsunfähigkeit … Und sie hat viele Gesichter: Flucht, Rückzug, emotionale Kälte, Abwehr, Widerstand. Kann das trotz allem Liebe sein? Und wie geht man damit um, wenn man immer wieder damit konfrontiert wird?

Warum haben Sie sich für einen bindungsängstlichen Partner entschieden?

Wahrscheinlich, weil Sie sich der Problematik nicht bewusst waren. Selten deutet gleich zu Beginn einer Beziehung etwas auf eine Bindungsangst hin. Und wenn, ist man verliebt genug, es zu ignorieren oder zu hoffen, dass sich alles zum Guten wenden wird. So gleitet man unbemerkt immer tiefer in eine Beziehung, in der man emotional immer ein bisschen hungrig bleibt.

Tatsache ist, dass Sie immer die Wahl haben, ob Sie eine Beziehung führen wollen oder nicht. Vielleicht ist die Angst vor einer Trennung furchterregend, aber sie ist eine Option. Letztendlich muss jeder für sich entscheiden, wie weit er sich mit der Bindungsangst des Partners arrangieren kann. Wenn Sie sich für die Beziehung entscheiden, dann können Sie einiges tun, damit es Ihnen dabei gut geht.

Was Sie tun können, wenn Sie eine Beziehung mit einem bindungsängstlichen Partner führen

• Gut mit sich selbst umgehen: Rausgehen in die Natur, in die Sauna gehen, sich eine Massage gönnen, einen ausgedehnten Stadtbummel machen, sich eine Ausstellung ansehen, es sich mit einem Roman im Bett gemütlich machen … kurz: den Wert des Alleinseins wieder entdecken.

• Eigene Freundschaften pflegen: Eine Beziehung ist nicht die einzige Quelle emotionaler Zuwendung. Freundschaften tragen das Leben und halten in der Regel länger als Beziehungen. Deshalb ist es auch so wichtig, Kontakt zu Freunden aufrechtzuerhalten. Freunde erweisen sich als wahre Felsen in einer Beziehungskrise.

• Eigene Hobbys pflegen: Werden Sie aktiv. Gehen Sie Ihren eigenen Interessen nach. Kochkurs, Literaturzirkel, Tangotanzen … Sicher gibt es Dinge, die Sie eigentlich längst mal ausprobieren wollten, bei denen Ihr Partner aber nicht mitgezogen hat. Tun Sie es. Entdecken Sie, wie viel Spaß es macht, etwas Neues auszuprobieren.

• Raus aus der Schuld-Falle: Gehören Sie zu denen, die sich für die Distanziertheit ihres Partners selbst die Schuld geben? Denken Sie, wenn Sie witziger, schlanker, jünger oder klüger wären, würde sich Ihr Partner liebevoller und aufmerksamer verhalten? Stehen Sie zu sich selbst und machen Sie sich klar, dass Selbstvorwürfe nur Minderwertigkeitskomplexe hervorbringen, aber sicher nicht die Beziehung retten werden.

• Stellen Sie sich Ihrer Wut: Ärgern Sie sich über sich selbst? Wie Sie sich immer wieder den Wünschen Ihres Partners anpassen, damit es in der Beziehung „stimmt“? Und empfinden Sie nicht eigentlich Wut, wenn Sie versuchen Verständnis aufzubringen, dass er mal wieder eine Verabredung nicht einhält oder ohne es mit Ihnen abzusprechen, seine eigenen Wochenendpläne gemacht hat? Sagen Sie Ihrem Partner, dass Sie wütend und enttäuscht sind und verdrängen Sie dieses legitime Gefühl nicht.

• Die Verlustangst relativieren: Sie lieben Ihren Partner und Sie wollen ihn keinesfalls verlieren? Ohne Frage ist Liebeskummer ein emotionaler Abgrund, den sich jeder gerne ersparen möchte. Trotzdem sollten Sie sich bewusst machen, dass Sie auch ohne Ihren Partner überlebensfähig wären, dass das Ende einer Liebe nicht das Ende der Welt ist, auch wenn es sich im Moment so anfühlt.

• Auf gesunde Distanz gehen: Gerade dann, wenn die Beziehung in einer Krise steckt, kreisen die Gedanken nur noch darum: Was kann man tun? Wie kann man die Liebe retten? Die Welt reduziert sich nur noch auf die Beziehung, sie wird zum Mittelpunkt des Lebens. Verlagern Sie diese Gewichtung: Konzentrieren Sie sich auf sich selbst. Fragen Sie sich ehrlich fragen, was Sie gerade selbst tun möchten und tun Sie das, auch wenn Ihr Partner kurzfristig andere Pläne hat oder nicht mitkommen möchte. Je mehr Sie Ihre eigene Lebensfreude kultivieren, desto positiver wird sich das auf die Beziehung auswirken.

Was Sie für Ihren bindungsängstlichen Partner tun können

Kann man einen Bindungsängstlichen „heilen“? Die ernüchternde Antwort lautet: Nein. So lange der Bindungsängstliche sein Problem nicht selbst erkannt hat, können Sie nur die Gegebenheiten akzeptieren wie sie sind oder die Konsequenzen ziehen und sich trennen. Menschen kann man nicht ändern. Menschen können sich nur selbst ändern. Die traurige Erfahrung zeigt allerdings, dass Bindungsängstliche, solange sie sich in einer Beziehung befinden, selten so großen Leidensdruck verspüren, dass sie sich Hilfe zu suchen.

Ein bindungsängstlicher Mensch braucht mehr Freiheit als andere. Er will sich möglichst nicht festlegen, spontan entscheiden, selbst entscheiden. Akzeptieren Sie das, solange Sie sich dabei selbst nicht verbiegen müssen. Wenn es Ihnen allerdings wichtig ist, Ihre Wochenenden minutiös durchzuplanen, dann tun Sie auch das, aber rechnen Sie mit Widerstand, Ausreden oder Streit – und beziehen Sie es nicht auf sich selbst. Je mehr Sie die Beziehung wollen, je mehr Sie sich daran klammern, desto weiter wird sich der Bindungsängstliche, der sowieso viel Raum für sich braucht, entfernen.

In keiner Beziehung kann der Partner all die Bedürfnisse erfüllen, die man hat. Eine Partnerschaft ist eine Bindung zweier Individuen und keine Symbiose. Jeder ist für seine Zufriedenheit und Ausgeglichenheit (auch) selbst verantwortlich: Ein Abend mit Freunden, eine Joggingrunde durch den Park, eine Stunde im Pferdestall, ein Instrument lernen … gut für sich selbst sorgen! Dann bleibt man auch stark in einer Beziehung mit einem Partner, der sich manchmal distanzieren muss.

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