Arteriosklerose schon vor Tausenden von Jahren

Nach Mumien-Test damit als Zivilisationskrankheit höchst umstritten. Ägyptische Mumien, jetzt mit neuester Siemens-Technologie durchleuchtet, liefern den Beweis: Arterienverkalkung ist nicht allein auf unser modernes Leben zurückzuführen.

Arteriosklerose, vor allem in den Industriestaaten westlicher Prägung Todesursache Nummer Eins, wird von der heutigen Medizin als Zivilisationskrankheit umschrieben. Und sie wird zurückgeführt auf Rauchen, zu fettes Essen, Stress und zu wenig Sport. Zivilisationskrankheit? Um den Duden, Fremdwörterbuch, zu zitieren: sie ist bedingt durch die von „Fortschritt der Wissenschaft und Technik geschaffenen verbesserten materiellen und sozialen Lebensbedingungen“. Zvilisationserkrankung? An dieser Art „Moderne“ sind jetzt wohl einige wesentliche Korrekturen nötig. Denn vor Tausenden von Jahren bereits starben die Menschen an Arteriosklerose – so fanden Wissenschaftler jetzt bei der Untersuchung entsprechend alter ägyptischer Mumien heraus.

Kindermädchen unter den Mumien

20 mumifizierte, also einbalsamierte Leichen, die zwischen 1981 vor und 334 nach Christi am Nil lebten, sind von einem Team erfahrener Kardiologen mittels modernster Computertomographie (CT) durchleuchtet worden. Sechzehn der 20 Mumien gehörten zum Hofstaat eines Pharao. Darunter waren zwei Priester, ein Minister und dessen Frau sowie ein Kindermädchen. Fünf dieser Mumien hatten nachweislich verkalkte Adern, also Arteriosklerose, und bei weiteren vier darf das vermutet werden. Die Arterienverkalkungen, also Ablagerungen von Fett, Cholesterin, Kalzium und anderen Substanzen an der Innenseite der Gefäße, wurden in den Beinarterien und der Aorta der Mumien festgestellt. Das sind immerhin Risikofaktoren für Schlaganfall und Herzattacke. „Zivilisationserkrankungen“ also vor ein paar tausend Jahren?

Alterungsprozess wie Falten bekommen

Darüber wundert sich nicht nur der amerikanische Kardiologe Dr. Gregory S. Thomas: „Damals gab es keinen Tabak, die Menschen ernährten sich sehr natürlich, und sie hatten vermutlich sehr viel Bewegung. Wir müssen deshalb über die Gefahren unserer modernen Lebensweise hinaus nach weiteren Risikofaktoren suchen“. Der US-Kardiologe Dr. Randall C. Thompson, der an den CT-Untersuchungen in Kairo beteiligt war, wird noch deutlicher: „Bei der Suche nach den Ursachen und dem Fortschreiten von Arteriosklerose müssen wir weit mehr berücksichtigen als Lebensstil und Ernährung. Diese Krankheit ist Bestandteil des Lebens“. Mit anderen Worten: Rauchen und Übergewicht sind zweifellos sehr schädigend, aber im Grunde genommen ist Arteriosklerose ein natürlicher Alterungsprozess – „wie man mit fortschreitendem Alter eben Falten bekommt“, sagt Dr. Thomas auch.

Siemens unter den Sponsoren

Die Untersuchung Jahrtausende alter Mumien mittels modernster Technologien war durch höchste ägyptische Dienststellen genehmigt worden. Zum Team der beteiligten Kardiologen gehörten vier Amerikaner und ein Ägypter. Zu den Sponsoren, die das Unterfangen finanziell unterstützten, gehörten die Ägyptische Nationalbank, das amerikanische Herzinstitut St. Luke’s und Siemens. Die deutsche Firma hatte auch den verwendeten Computertomographen – ein sehr spezielles Röntgengerät – zur Verfügung gestellt. Die Ergebnisse der Mumien-Analysen wurden im „Journal of the American Medical Association“ veröffentlicht.

Die Folgen der Verkalkung

Arteriosklerose wird kurz und bündig auch „Verkalkung“ genannt. „Durch die Ablagerungen“, erläutert der deutsche Herzchirurg Dr. Christian Pauzenberger vom Landeskrankenhaus Kirchdorf , „verlieren die Blutgefäße ihre Elastizität, der Gefäßdurchmesser verringert sich zudem, so dass das Blut nicht mehr ungehindert fließen kann“. Die Folgen können Thrombosen und Embolien sein, lebensbedrohliche Zustände also. Im Gehirn kann die Arterienverkalkung Schlaganfälle auslösen, am Herzen zeigt sich die Erkrankung in Form einer Herzenge, schlimmstenfalls erfolgt ein Herzinfarkt. Arterienverkalkung in den Nieren hat einen erhöhten Blutdruck zur Folge, was auch zum totalen Nierenversagen führen kann.

Die älteste Mumie übrigens, die jetzt per CT unter die Röntgenlupe genommen wurde, war die des Kindermädchens. Sie starb 1530 vor Christi und war damals höchsten 40 Jahre alt. „Ihre Aortaverkalkung“, sagt der an den Analysen beteiligte US-Kardiologe Dr. Thomas, „sah absolut so aus wie die einiger meiner Patienten in Kansas City“.

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