Bulimie – Ess-Brech-Süchtige brauchen professionelle Hilfe

Familie, Freunde und Bekannte erkennen oft erst sehr spät, dass der Hunger nach Liebe und Zuwendung durch Fress-Brech-Orgien gesättigt werden soll.

Tortenstücke, Butterbrote, mit fettem Käse belegt, eine Packung Kekse, eine Handvoll Chips und zum Abschluss noch ein paar Erdnüsse, so kann der Speiseplan einer an Bulimie erkrankten Frau aussehen. Sie verschlingt das Essen in Blitzgeschwindigkeit, danach geht’s auf die Toilette. Kopf über die Muschel, Finger in den Hals, die Kalorienbomben und das schlechte Gewissen werden herausgewürgt. Bis die bittere Magensäure signalisiert: Der Magen ist wieder leer. Genauso ist es die Seele.

Bulimie als Zivilisationskrankheit

Erst 1980 wurde die Bulimia nervosa – kurz Bulimie – als Krankheit diagnostiziert. Es handelt sich dabei um eine psychogene Erkrankung, die gerne mit dem Wort „Zivilisationskrankheit“ verbunden wird. 2003 ergab eine Studie des Max-Planck-Instituts in München, dass jedes zweite Mädchen und jeder dritte Junge im Alter von 9 -13 Jahren bereits mit seiner Figur unzufrieden ist: Anorexia nervosa – die Magersucht -, Anorexia athletica – die Sportsucht -, das Binge-Eating-Syndrom – immer wiederkehrende Fressattacken ohne Erbrechen – und die Bulimie sind die Folge.

Wie auch bei der Magersucht definieren Bulimie-Kranke ihr Selbstwertgefühl über ihren Körper, ihr kleinster gemeinsamer Nenner könnte lauten: Bist du schlank, dann wirst du geliebt.

Versteckte Krankheit

Heute leiden in Europa und Nordamerika schätzungsweise 2-4 Prozent aller Frauen zwischen 15 und 35 an Bulimie. 90–95% von ihnen sind Frauen und Mädchen auf dem Weg zum Frau-Werden – es ist also naheliegend, bei Bulimie die weibliche Form zu verwenden. Während der ausgemergelte Körper einer an Magersucht Erkrankten früher oder später signalisiert „ich bin krank, hilf mir“, spricht der Körper einer Bulimikerin eine versteckte Sprache, zumindest anfangs. Denn Bulimikerinnen sind in der Regel normalgewichtig, sie können sogar leicht übergewichtig sein.

Zeichen von Bulimie

Ess-Brechsüchtige sind schwer als solche zu erkennen, sie entwickeln sich zu wahren Meisterinnen im Verbergen der seelischen Schmerzen. Eine gewisse Sensibilität ist notwendig um zu unterscheiden: Interessiert sich jemand einfach für Ernährung oder überschreitet die Beschäftigung mit Kalorien, einem schlanken Körper und Essen im Allgemeinen, bereits das „gesunde“ Maß? Sind Konzentrationsstörungen, Wutausbrüche und zunehmender sozialer Rückzug Symptome einer Essstörung?

Erst über die Jahre manifestieren sich körperliche Schäden wie:

  • trockene Haut, brüchige Haare und spröde Fingernägel, ausgelöst durch den Mangel an Kalium und einem gestörten Körperwasserhaushalt
  • geschwollene Speicheldrüsen und aufgedunsenes Gesicht
  • das Ausbleiben der Monatsblutung
  • Karies und Zahnfleischschwund
  • Sodbrennen, da der oberste Verschluss des Magens geschädigt ist.

Die Behandlung

Stationäre und ambulante Behandlungen sind möglich. Ob eine stationäre Behandlungen ratsam ist, das bestimmt der Grad der Erkrankung: Wie weit sind die psychosomatischen Folgen fortgeschritten und ist die Erkrankte noch ins soziale Umfeld integriert? Wenn das Essen bereits den Tagesrhythmus diktiert, empfielt sich eine stationäre Behandlung. Sind die ersten Wochen überstanden, dann folgt eine ambulante Betreuung: das neu Erlernte muss gefestigt werden.

Immer mehr speziell geschulte Psychotherapeuten bieten ambulante Behandlungen an. Die Patientin entscheidet, welche Therapieform für sie am geeignesten ist, und ob sie lieber eine Einzel- oder eine Gruppentherapie beginnen möchte. Bulimie ist eine hartnäckige Krankheit, die einer langfristigen Therapie bedarf: Ein paar Stunden Gesprächstherapie, sind in der Regel nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. In Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es spezielle Therapiezentren, umfangreich ist die Literatur zu Bulimie und den anderen Formen von Essstörungen.

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