Damenmode im späten Kaiserreich

Humpelrock und Korsett bestimmten die Mode der wilhelminischen Zeit. Bodenlange Röcke in schmalen Schnitten, gewaltige Hüte und eine im wahrsten Sinne atemberaubende Silhouette bestimmten die Damenmode in den Jahren 1910 bis 1914.

Ein Schönheitsideal, das krank machte

Eine Dame, die um 1910 dem gängigen Schönheitsideal entsprechen wollte, musste einige Torturen über sich ergehen lassen: Das Tragen eines Korsetts war für die modebewusste Dame unverzichtbar. Aus Fischbein gefertigt, konnte damit der Oberkörper durch festes Schnüren geformt werden. So wurde die ersehnte schmale Taille und vor allem die S-Linie erreicht: Damit wurde die bevorzugte Körperhaltung bezeichnet, die von der Seite gesehen einem S glich. Das bedeutete nichts anderes, als dass der Körper durch die Schnürung in ein künstliches Hohlkreuz gebracht wurde.

Die gesundheitlichen Folgen dieser Mode waren fatal: Neben Haltungsschäden wurden oft auch innere Organe deformiert, da man durch besonders intensives Schnüren eine sehr schmale Taille erzeugen wollte. Hinzu kamen Kurzatmigkeit und Ohnmachtsanfälle, da diese S-Linie dem normalen Atmen hinderlich war.

Schlank, feminin und kaum tragbar: der Humpelrock

Eine weitere Anforderung an die Frau die en vogue sein wollte, war eine möglichst schmale Silhouette. Die stets bodenlangen Röcke, die bis zur Jahrhundertwende noch eine bequeme Breite hatten, wurden immer schmaler: 1911 stellte der französische Modeschöpfer Paul Poiret dann den Humpelrock – auch Bleistiftrock genannt vor. Der Name ist Programm: Schmal wie ein Bleistift sollte die Dame von Welt erscheinen, mit dem Erfolg, dass sie sich nur in sehr kleinen Schritten fortbewegen konnte – also praktisch humpelte. Denn auch der Humpelrock wurde praktisch bodenlang getragen: Bein zu zeigen, schickte sich höchstens am Strand. Selbst beim Tennis, das damals als Sport sehr populär wurde, trug die Dame bodenlange Röcke.

Der Humpelrock musste viel Kritik und Spott über sich ergehen lassen: Zeitgenössische Karikaturen zeigen Damen im Humpelrock, die auf Rollschuhen von Hunden gezogen werden, damit sie sich überhaupt fortbewegen können. Aber trotz seiner Unbequemlichkeit prägte der Humpelrock bis zum Ersten Weltkrieg die Mode. Die logische Fortsetzung, der Hosenrock, konnte sich hingegen nicht durchsetzen.

Der Kontrast auf dem Kopf – das Wagenrad

Ein unverzichtbarer Bestandteil der Garderobe war der Hut: Keine anständige Dame konnte sich außerhalb des Hauses ohne Kopfbedeckung sehen lassen. Die Vielfalt an Hüten war immens, und die Putzmacherinnen verwendeten viel Fantasie auf die Dekoration ihrer Hut-Kreationen. Besonderer Beliebtheit erfreute sich das so genannte Wagenrad: Hierbei handelt es sich um einen ziemlich flachen runden Hut mit einem sehr großen Durchmesser. Die Hutkrempe ragte dabei oft weit über die Schultern der Trägerin hinaus. Spötter waren der Ansicht, dass diese Hüte den Umfang eines Familien-Esstisches hätten.

Beim Dekor war der Fantasie keine Grenzen gesetzt: Früchte, künstliche Vögel und vor allem Federn schmückten diese Hüte, die für solche Extravaganzen ja genügend Platz boten. Besonders beliebt waren Straußenfedern, die wegen ihrer trauerweidenähnlichen Anmutung auch „Pleureusen“ genannt wurden. Auch Schleier, die das Gesicht der Trägerin verhüllten, wurden sehr gern verwendet.

Der breite, üppig geschmückte Hut bildete dabei einen effektvollen Kontrast zur sehr schmalen Silhouette der damaligen Mode. Trotz aller Fragwürdigkeiten war die Mode raffiniert und unterstrich die feminine Eleganz ihrer Trägerin.

Reformbewegungen – kaum erfolgreich

Die Kritiker der damaligen Mode begnügten sich mit Spott: Es gab konstruktive Gegenvorschläge, die eine gesündere und natürlichere Mode bezweckten. Besonders rührig war hier der 1896 gegründete „Verein zur Verbesserung der Frauenkleidung“, der Hersteller einlud, Reformvorschläge zu machen. Die Reformkleider verzichteten auf die unnatürliche Schnürung des Körpers und ließen stattdessen den Stoff von den Schultern ohne Taillierung fallen. Die Folge dadurch war eine gewisse Plumpheit, so dass schnell vom „Reformsack“ die Rede war. Nur in künstlerischen und intellektuellen Kreisen konnte sich das Reformkleid durchsetzen: Eleganz ohne Korsett war für die Frau des Kaiserreiches praktisch undenkbar. Aber mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs stellten sich dann ohnehin bald dringendere Fragen als die für oder gegen das Korsett.

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