Das missbrauchte Kind – Die psychischen Folgen darf man nicht unterschätzen

Das Opfer kennt meist den Täter. Er stammt oft aus der Familie oder dem engeren Umfeld, weshalb das Kind ihm vertraut. Umso größer ist die Verwirrung der Geschädigten

Der Missbrauch von Kindern ist kein Tabu-Thema mehr. Es werden sogar Vorwürfe der Überpräsenz in den Medien erhoben. Trotzdem bleibt das Thema immer noch nicht ausreichend erforscht. Nicht einmal das Ausmaß dieses Verbrechens lässt sich eingrenzen. Zwar nennt die polizeiliche Kriminalstatistik genaue Zahlen von derartigen Delikten. Es wird aber eine sehr große Dunkelziffer vermutet. Darüber sind sich Experten einig. Ein Konsens erstreckt sich auch auf das Profil des Täters: Er ist in allen sozialen Schichten vertreten, von der Oberschicht bis zu den Mittellosen. Überwiegend handelt es sich um die männlichen Täter. Meist ist es ein Verwandter – Vater, Stiefvater, Onkel – oder Freund des Opfers und seiner Familie.

Begriffe

Die betreffende Literatur benutzt den Begriff „sexueller Missbrauch’“, „obwohl zu Recht eingewandt wird, dass Missbrauch vom Sprachlichen her impliziert, es gäbe so etwas wie einen legitimen Gebrauch von Kindern oder Frauen.“ 1)

Häufig spricht man über „sexuelle Ausnutzung“: „diese Kinder werden ‚ausgenutzt’, denn sexueller Missbrauch beraubt sie ihrer entwicklungsmäßig bestimmten Kotrolle über den eigenen Körper und der Möglichkeit, sich mit zunehmender Reife auf einer Basis der Gleichberechtigung für Geschlechtspartner nach ihrer Wahl zu entscheiden.“2)

Ursula Wirtz, eine in der Schweiz lebende deutsche Psychologin, verwendet einen anderen Terminus: Seelenmord. Damit will sie betonen, dass das missbrauchte Kind „nicht länger so denken und fühlen kann wie andere Kinder, dass alles Verhalten eine andere Färbung bekommen hat. Die Identität ist zentral verletzt worden und zwar gerade auch die sexuelle Identität.“ 1)

Der Täter

Er gehört in meisten Fällen der Familie an; er sieht unauffällig aus und verhält sich normal. Häufig wurden Täter in ihrer Kindheit selbst missbraucht. Eine Übertragungsrate von Generation zu Generation soll bis zu 30 Prozent erreichen. 3)

Selten ist er durch den Typus des Tyrannen vertreten (ca. 15 Prozent). Mehrheitlich handelt sich um einen passiven, emotional abhängigen Mann, der sich nach außen um ein gutes Ansehen bemüht. In der Familie findet er sich aber als Partner und Vater nicht zurecht. 3)

Auf der Oberfläche unterscheidet sich solch eine Familie nicht von den anderen und gilt als gut angepasst. „Die in der Missbrauchssituation vorherrschende Gewalt wird als geschwächte Impulskontrolle in der Regel nicht außerhalb der Familie ausgeübt.“ 3) Charakteristisch ist jedoch der Mangel an echten Außenkontakten.

Oft wird der Täter als narzisstisch beschrieben. Er kann sich mit dem Opfer nicht emotional identifizieren und die verheerenden Folgen des Inzests sind für ihn nicht einleuchtend.

„Milde Traumata“?

Einige Wissenschaftler bezweifeln beim nicht aggressiv verlaufenden Missbrauch eines Kindes seine zersetzende Wirkung. Wie Martin Dannecker, ein deutscher Sexualwissenschaftler, sprechen sie dann über die „milde Traumata“. 4)

Aber auch „bei gewaltlosen sexuellen Kontakten unterliegt das Kind den Manipulationen des Erwachsenen, dem vielschichtige psychische Druckmittel zur Verfügung stehen wie Verführung, Bestechung, Täuschung, Erpressung, Angstmachen, Ausbeuten emotionaler Bedürftigkeit, anschließender Drohung von Liebesentzug und des Verlustes von Zuwendung und Aufmerksamkeit und so weiter“. 4)

Ein mildes Trauma gibt es einfach nicht. Im Gegenteil, jede Traumatisierung durch sexuellen Missbrauch muss behandelt werden. Auch wenn die offensichtlichen körperlichen Anzeichen, wie Verletzungen an den Geschlechtsorganen, nicht zu erkennen sind, muss man über beträchtliche Schäden und Folgen sprechen.

Ein missbrauchtes Kind signalisiert das Verbrechen auf unterschiedliche Weise. Dazu zählen Einnässen, Unterleibs- und Kopfschmerzen, Schwindelattacken, Ohnmachtzustände, Essstörungen, Lähmungen, Sprachverlust. Das Kind kann sehr beängstigt wirken und nicht allein bleiben wollen. Es zieht sich von den Gleichaltrigen zurück, verliert Selbstvertrauen, seine Leistung und Konzentration lassen nach. Es neigt zu selbstzerstörerischen Handlungen. Seine Sprache fällt durch Gebrauch von sexuellen Ausdrücken auf. Es erwacht vorzeitig sexuell und masturbiert übermäßig.

Der Missbrauch macht sprachlos in dem Sinne, dass die Kinder das Unfassbare nicht in die Worte fassen können. „Was sie wirklich erleben, dringt nicht nach außen. Sie haben das Geheimnis tief in sich vergraben, tragen es überall mit sich herum.“ 5)

Das missbrauchte Kind erleidet einen erschütternden Vertrauensbruch. Es fühlt sich verraten und wertlos. „Da das Kind machtlos und von dieser Person (die sie missbraucht, Anm. GG) abhängig ist, hat es nicht die Möglichkeit, seine Wut auf diese zuzulassen, und so richtet es die Wut gegen sich selbst“. 5)

Rechte der Kinder

Im Artikel 34 der UN-Kinderrechtskonvention haben sich die Vetragsstaaten verpflichtet „das Kind vor allen Formen sexueller Ausbeutung und sexuellen Missbrauchs zu schützen. Zu diesem Zweck treffen die Vertragsstaaten insbesondere alle geeigneten innerstaatlichen, zweiseitigen und mehrseitigen Maßnahmen, um zu verhindern, dass Kinder

zur Beteiligung an rechtswidrigen sexuellen Handlungen verleitet oder gezwungen werden;

für die Prostitution oder andere rechtswidrige Praktiken ausgebeutet werden;

für pornographische Darbietungen und Darstellungen ausgebeutet werden.“

In Deutschland trat dieses Übereinkommen am 5. April 1992 in Kraft. Vielleicht ist es an der Zeit die Kinderrechte in das Grundgesetz aufzunehmen.

Zitaten und Quellen:

1) Ursula Wirtz, Seelenmord. Inzest und Therapie. 1989.

2) Ruth S. Kempe und C. Henry Kempe, Kindesmisshandlung. 1980

3) Peter Joraschky, Sexueller Missbrauch und Vernachlässigung in Familien, in: Egle, Hoffmann, Joraschky, Sexueller Missbrauch, Misshandlung und Vernachlässigung. 2000

4) Gerd Klemmer, Das Monster – die Ausnahme oder die Regel?, in: K.-J. Bruder, S. Richter-Unger, Monster oder liebe Eltern? 1997

5) Ariane Ehinger, Das Gespenst, in: K.-J. Bruder, S. Richter-Unger, Monster oder liebe Eltern? 1997

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