Die Signaturenlehre

Die Wirkung von Heilpflanzen wurde einst am Erscheinungsbild erkannt.

Welche Pflanze hilft gegen welche Krankheit? Unsere Ahnen sahen das Äußerliche als Ansatz, Paracelsus systematisierte. Hintergründe und Beispiele der Signaturenlehre.

Wie konnten unsere Vorfahren erkennen, welches Kraut das jeweils richtige war, um gewisse Krankheiten zu heilen? Zum einen war es sicher die Intuition, der Instinkt, der damals bei den naturverbundenen Menschen noch vorhanden war. Dazu aber kam das Zeichen der Pflanze selbst: Die Signatur des Krautes. Genauso wie jeder Mensch in seinem Ausdruck gewisse Dinge und Verhaltensweisen, Charaktereigenschaften zeigt, so findet man diese Prägung auch bei Pflanzen und Bäumen.

Die Signaturenlehre

Die Signaturlehre besagt, dass Heilpflanzen Zeichen, also Signaturen tragen, die aufzeigen, welche Krankheiten damit geheilt werden können. Schon die Ägypter in der Antike benutzten dieses Wissen zur Bestimmung von Heilmitteln, doch erst Paracelsus schrieb seine Erfahrungen sorgfältig auf. Einerseits machte er die Signaturenlehre damit bekannt, andererseits aber systematisierte er sie und nahm ihr damit einen Teil ihres Geistes und ihrer intuitiven Herkunft.

Heutzutage wird die Signaturenlehre oftmals als Unfug bezeichnet. Jedoch ist es interessant, einen Blick auf diese alte Lehre zu werfen und sie nicht nur als Aberglaube abzutun.

Traditionelles Denken

Bei den traditionellen Völkern der gesamten Erde wird immer auf die Signatur geachtet. Die Indianer suchen wurmförmige Wurzeln als Wurmmittel, behaarte Pflanzen gegen Haarausfall, milchige zur Milchbildung und rötliche bei Blutungen. Kräuter mit gelbem Saft oder gelben Blüten gelten als hilfreich bei Gelbsucht und Lebererkrankung; bitteres Kraut bei Beschwerden von Verdauung und Galle. Die Chinesen sehen in der Ginsengwurzel die Verkörperung des ganzen Menschen. Man mag es skeptisch sehen, doch die meisten Indikationen treffen zu: Schöllkraut hilft tatsächlich gegen Gelbsucht, das Scharbockskraut gegen Hämorrhoiden – angesichts geschwollener Wurzelknoten gar nicht so erstaunlich.

Signaturen einheimischer Pflanzen

Die hier aufgeführten Pflanzen wachsen nicht nur alle im westeuropäischen Raum, sondern auch in jenem, in denen einst die Kelten lebten. Auch ihre Heiler, die Druiden und Wissenden, haben nach der Signaturenlehre und Intuition jene Kräuter gewählt, die sie anwendeten. Dabei wurden auch astronomische Aspekte miteinbezogen, wie wir heute wissen, wenngleich diese in anderer Konstellation betrachtet worden sind, als in der Antike.

Ackerschachtelhalm

Die Stängel dieser blütenlosen Gefäß-Sporenpflanze tragen eindeutig die Signatur der Wirbelsäule und wurden bei Beschwerden dieser, bei Rückgratproblemen und Bandscheibenschaden als Tee oder Kompresse eingesetzt. Tatsächlich hilft die vorhandene wasserlösliche Kieselsäure bei beschädigtem Knochengewebe, Rheuma, Leiden der urogenitalen Organe und unterstützt Knorpel sowie Bindegewebe. Hier findet sich die Signatur des Saturn, eines alten, greisen und langsamen Planeten, der oft als Knochenmann dargestellt wird und auf diesem Gebiet hilfreich sein soll.

Artischocke und Mariendistel

Artischocken und Disteln, vor allem die Mariendistel helfen nach Paracelsus bei Seitenstechen und Brustschmerzen. Auch Hieronymus Bock bemerkte dieses. Festzustellen ist, dass Seitenstechen oft aufgrund einer erkrankten Leber entsteht. Die stacheligen, meist rötlich blühenden und bitter schmeckenden Disteln sind Pflanzen des roten, kriegerischen Mars, der somit Stechen verursachen kann. Auch Jupiter, als Regent der Leber, hat hier seine Abdrücke hinterlassen.

Augentrost

Paracelsus war nicht der Erste, der in der Blüte des Kräutleins das Auge erkannte, das triefende, gereizte Auge. Die Volksheilkunde machte bereits Augenwasser daraus, tröpfelte den Saft in die Pupillen. Hier gilt die Sonne als Planet, verantwortlich für das Augenlicht.

Beinwell, auch Wallwurz genannt

Die Blätter des Beinwells sind derart mit dem Stängel verwachsen, dass sie kaum abzureißen sind. So bezeichnete bereits Dioskurides diese Pflanze als „Symphytum“, was „zusammenwachsen, zusammenfügen“ bedeutet. Tatsächlich wirkt Beinwell hier Wunder, ob bei Sehnenverletzung, Stauchung oder gar Knochenbruch. Auch Prellungen und Wunden werden rascher geheilt. Wallwurz kommt von wallender Kraft. Zur Signatur gehört auch die lebenskräftige, strotzende Wurzel. Eine Kraft, die auch dem Menschen dienen kann, die laut Paracelsus „wie ein Magnet“ angezogen wird, wenn man sie braucht: Durch Sympathie. Aufgrund der schwarzen Rinde der Wurzel, der rauen Blätter und der Fähigkeit, Knochen zu heilen, wird Beinwell dem Saturn zugeordnet.

Bitterkräuter

Kräuter wie Enzian, Bitterklee, Wermut, Tausendgüldenkraut etc. werden Amara genannt. Ihre Bitterkeit ist Signatur der Galle und sie stimulieren reflektorisch die Magensaft- und Gallesekretion. Bitterkräuter gehören zum Mars, der im Körper die Gallenblase regiert.

Wermut war übrigens schon bei den Galliern eine wichtige Heilpflanze, half gegen Parasiten der Gedärme. Der Absinth, der den französischen Künstlern der Belle Epoque das Hirn vergiftete, war schon um 60 nach Christi eine gallische Spezialität.

Die Geschichte der Signaturenlehre

Kelten gaben den Ursprung, Paracelsus die Lehre, Steiner nutzte sie. Die Signaturen von Pflanzen wurden bereits von unseren Ahnen erkannt: Die Kelten sahen den Tod des Wissens, Paracelsus fand es wieder, die Medizin nutzte es für sich.

Mikrokosmos und Makrokosmos – nicht allein Goethe wollte im Faust beide verstehen, auch die Kabbala sprach davon und Salomon nicht minder; ihre Vereinigung ist eine der Grundlagen der Signaturenlehre.

Jede Pflanze hat ihre Wirkung und äußerliche Zeichen, die auf diese hinweisen. Hinzu kommen planetare Einwirkungen, da alles zusammenhängt, die „große“ wie auch die „kleine Welt“ miteinander vernetzt sind.

Signaturenlehre und Fehldeutungen

Pflanzen zeigen Signaturen, die darauf hinweisen, inwiefern sie hilfreich sein können. Sie zu erkennen ist nicht unbedingt einfach, wie die Geschichte erzählt: Die Versuche von Renaissancegelehrten wie Giambattista della Porta (1536 – 1615) oder Oswald Crollius (1580 – 1609), aus der Signaturenlehre eine objektive, rationale Wissenschaft zu kreieren, schlugen fehl.

Sie betrachteten beispielsweise die Walnuss, schlussfolgerten eine Ähnlichkeit mit dem menschlichen Schädel. Die spitze Samenkapsel des Bockshornklees deuteten sie als Zeichen, dass dieses Kraut Skorpionstiche heilen könne; Hundezungenkraut sollte gegen Hundebisse helfen, die herzförmigen Veilchenblätter gegen Herzbeschwerden, die aufrechen Kolben des Aaronstabes war für sie ein Stärkungsmittel für die männliche Potenz.

Ganz so einfach und platt aber lassen sich Pflanzen nicht durchschauen. Diese Vergleiche der Gelehrten waren schlicht zu oberflächlich und seither wird die Signaturenlehre in der Wissenschaftsgeschichte gern als Episode oder Unsinn angesehen. Bestenfalls, so der Botaniker Jean-Marie Pelt, „als System der Gedächtnisstützen“. Ungeachtet dessen gibt es eine „echte“ Signaturenlehre, für die es eines „hellen Sehens“, einer klaren Sichtweise, eines „Äthersehens“, wie Rudolf Steiner es bezeichnete, bedarf.

Eine keltische Sage und der Tod der Signaturenlehre

Unsere Vorfahren nutzten ihre Intuition zugunsten der Heilkräfte vom Pflanze, doch schon die Kelten wussten, dass Signaturen schwer zu erkennen waren, wie sich beispielsweise in der überlieferten Sage von Diancecht, dem irischen Heilergott, zeigt:

In der Schlacht gegen die finsteren Fir Bolg wurde dem König des Volkes der Göttin Ana (Tuatha De Dannan) der das Schwert führende Arm abgetrennt. Bei den Kelten durfte nur herrschen, wer unversehrt war. So behandelte ihn der Heiler der Götter, der weise Diancecht, legte ihm eine prunkvolle Prothese an. Der König blieb dennoch untauglich. Da wickelte Miach, Sohn des Heilers, den Arm des Königs in Kräuterwickel und Wurzeln und sprach einen Zauberspruch: „Bein zu Bein, Sehne zu Sehne“.* Nach drei mal neun Tagen war der König geheilt. Diancecht missgönnte seinem Sohn diesen Erfolg, schlug ihm zweimal den Schädel ab, doch Miach konnte sich heilen. Beim dritten mal verletzte Diancecht auch das Gehirn des jungen Mannes. Dieser verstarb und aus seinem Grabe wuchsen 365 Kräuter hervor, für jedes Organ, jedes Gelenk und jeden Nerv des menschlichen Leibes. Airmed, die heilkundige Schwester des Verstorbenen sammelte diese ein, doch der eifersüchtige Diancecht mischte sie erneut: Seither kann niemand mehr die Heilkraft der Pflanzen oder ihre Signaturen erkennen, es sei denn, der Große Geist offenbart sie ihm.

Die anthroposophische Medizin und das Geschenk der Götter

Eine aufschlussreiche Geschichte, zeigt sie doch, dass vermutlich gegen jede Krankheit eine Heilpflanze existiert, die sich durch ihre Signatur zu erkennen gibt. Dieser Gedanke wurde im 19. Jahrhundert vom Außenseiterarzt Johann Gottfried Rademacher (1772-1850) wieder neu belebt, diesem Ansatz folgten auch Rudolf Steiner (1861-1925) und die von ihm inspirierte anthroposophische Medizin.

Desweiteren zeigt diese Geschichte, dass Heilpflanzen als Geschenk von göttlichen Wesen entstanden sind, sie wuchsen auf des Heilers Grab. Ein alter, universaler Mythos: Heilpflanzen als verwandelte, in das materielle Dasein hineingeopferte übersinnliche Wesenheiten. Götter und Geister, so die keltische Überzeugung, gehören der „Anderswelt“ an und können gar nicht sterben, sich lediglich verwandeln. Somit ist es auch möglich, mit diesen Geistwesen Kontakt aufzunehmen, sie zu verehren, um Hilfe zu bitten, wenn Not ist.

Paracelsus und die Signaturen

Vor leichtfertiger Deutung der Signaturen warnten alle Kräuterkundigen. So etwa Paracelsus, der nicht nur an den Universitäten, sondern auch bei den einfachen Bauern, Hirten und Kräuterfrauen lernte: „Die Natur zeichnet ein jegliches Gewächs, das von ihr ausgeht, zu dem, dazu es gut ist; darum wenn man erfahren will, was die Natur gezeichnet hat, so muss man es an den Zeichen erkennen, was Tugenden in ihm sind“ (De rerum naturae).

Aber, so warnt er, nicht durch das oberflächliche Anschauen, die gegenständliche Analyse und den alltäglichen Verstand erkenne der Mensch die Siegel und Signaturen, sondern durch das „Licht der Natur“. Dabei handelt es sich um so etwas wie die Ausstrahlung der Pflanzen; so erkennen auch die Tiere, welches Kräutlein es zu fressen gilt.

Paracelsus selbst erklärte es: „Der Heilige Geist und die Natur sind eins: Täglich ist die Natur ein Licht aus dem Heiligen Geist und lernt von ihm, also kommt es im Menschen während der Tiefe der Nacht (im Klartraum somit). Das Wissen der kalten Vernunft hat verblendet das Licht der Weisheit und das Licht der Natur; so herrscht eine fremde Doktrin und hat beider Erkenntnis zwischen Stühle und Bänke gesetzt. (…) In der Natur ist ein Licht, das heller scheint als das Licht der Sonne; in diesem Licht werden die unsichtbaren Dinge sichtbar“.

Die Signaturen, die den Charakter der Pflanze zum Ausdruck bringen, sind somit zugleich mit den formgebenden Bildekräften des Kosmos verbunden. „Nicht allein, dass die Kraft der Kräuter aus der Erden sei, sondern vom Gestirn, das Corpus aber von der Erde“ (Paracelsus, Philosophia Sagax, Lib. I, 6). Und weiter: „Die Sterne sind die Model, Patronen, Formen, matrices aller Kräuter. Durch attraktivistische Kraft zeugt jeder Stern seinesgleichen Kraut auf Erden“ (Paracelsus, De Pestilitate, Traktat I).

Durch Märchen und andere Überlieferung wissen wir, dass die Kelten sehr auf die Sterne achteten und die Planeten somit quasi mit in den Heilkessel gaben…

* In diesem Zusammenhang sei eine Ähnlichkeit genannt: Der in einer Klosterbibliothek gefundene Merseburger Zauberspruch lässt den germanischen Gott Wotan das Pferd Baldurs, dessen Bein gebrochen war, ebenfalls mit einem ähnlichen Zauberspruch besingen: „Sei es Beinrenkung, sei es Blutrenkung, sei es Gliederrenkung: Bein zu Bein, Blut zu Blut, Glied zu Gliedern, so seien sie fest gefügt.“

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