Durchbruch in der Krebstherapie

Neue Operation steigert Heilungschancen bei Gebärmutterhalskrebs. Der Gynäkologe Professor Michael Höckel erhöht die Heilungschancen von 75 auf 96 Prozent. Nun muss sich die neue Operationsmethode bei Gebärmutterhalskrebs bewähren.

Seit über 100 Jahren wird Gebärmutterhalskrebs nach der Wertheim-Methode operiert. Dabei wird nicht nur der Tumor, sondern auch Gewebe, das den Tumor umgibt, großzügig herausgeschnitten. Trotz dieser radikalen Operation wächst nicht selten erneut ein Tumor im Becken. „Mich hat es sehr irritiert, dass es nach den Operationen immer wieder zu Rückfällen kam, obwohl die Operationen sorgfältig durchgeführt worden sind“, erklärt Professor Michael Höckel, Leipziger Gynäkologe und Direktor der Frauenklinik der Universität Leipzig.

Mit den ersten Bildern von Kernspintomographen erkannte Höckel, dass sich Tumore anders ausbreiten, als bisher vermutet. Sie wachsen nicht völlig ungerichtet in die angrenzenden Gewebe, sondern bleiben zunächst auf bestimmte Gewebeanteile beschränkt. Dabei sind ihm Parallelen zu den Organanlagen im Embryo aufgefallen. „Die Arbeit von Professor Helga Fritsch aus Innsbruck über die embryonale Entwicklung der Organe hat mich auf die richtige Spur gebracht. Ich konnte erkennen, dass sich das Gewebe der Organanlage mit der lokalen Tumorausbreitung weitgehend deckt. Und das war der springende Punkt.“

Tumore wuchern nicht wild im Körper

Nach den Erkenntnissen von Michael Höckel bleibt der Tumor vorerst auf embryonal verwandtes Gewebe beschränkt. „Diese Gewebeeinheit nennt man Kompartiment“, erklärt er. „Wenn wir den Tumor mit seinem gesamten Kompartiment entfernen, kommt er nicht wieder.“ Mit jedem weiteren Fall, den Michael Höckel behandelt, bestätige sich sein Konzept, so der Direktor der Frauenklinik.

Zehn Jahre lang haben Professor Höckel und sein Team an der Leipziger Frauenklinik die neue Methode erforscht und über 250 Frauen nach ihr operiert. Keine erhielt eine Nachbestrahlung und nur bei vier von ihnen wuchs erneut ein Tumor im Becken. Die Tumore konnten erfolgreich nachbehandelt werden, so dass auch diese Frauen überlebten. „Nach der konventionellen Operation hätten über die Hälfte der Patientinnen nachbestrahlt werden müssen und dennoch hätten 25 bis 30 Frauen einen Rückfall im Becken bekommen. Und das ist ein großer Unterschied“, so Höckel. Diese neue Operation heißt totale mesometriale Resektion (TMMR), mit ihr konnte Höckel sowohl die Heilungschancen der Patientinnen auf 96 Prozent erhöhen als auch die Nebenwirkungen deutlich reduzieren. Die TMMR wird mit einer therapeutischen Lymphknotenentfernung kombiniert, so dass auch Metastasen in den Lymphknoten vollständig entfernt werden können.

Deutlich weniger Nebenwirkungen, aber eine längere Operation

Hauptursache für die wesentlich geringeren Nebenwirkungen ist die Tatsache, dass die umliegenden Nerven und die Blutversorgung von Harnblase, Enddarm und dem Rest der Scheide bei der Operation nicht verletzt werden. Wurden diese Strukturen nach der alten Wertheim-Operation mindestens teilweise entfernt, können sie nun im Körper der Frau bleiben, auch wenn sie nur Millimeter vom Tumor entfernt liegen. Denn „von diesen Geweben geht der Krebs nicht aus, weil sie nicht zum gleichen Kompartiment wie die Gebärmutter gehören. Sie können also ohne Risiko zurückgelassen werden“, erklärt Höckel. „Dagegen ist das Mesogewebe, das sich wie eine Brücke über den Enddarm legt, Teil des Kompartiments der Gebärmutter. Nach der alten Operationsmethode blieben Anteile davon zurück, weil man diesem Gewebe keine Bedeutung beimaß, wir dagegen entfernen es vollständig, um so einen Rückfall zu verhindern.“

Höckel geht davon aus, dass sich sowohl seine Theorie über die Ausbreitung der Tumore innerhalb der Kompartimente als auch seiner Operationsmethode auch auf andere Krebsarten übertragen lässt. Dies muss jedoch noch bewiesen werden und deshalb erforscht Michael Höckel dies zur Zeit beim Vulvakrebs. Enddarmkrebs wird bereits seit einigen Jahren nach ähnlichen Methoden behandelt und die Erfolge dabei lassen sich darauf zurückführen, dass sich auch im Enddarm die Tumore innerhalb embryonalen Kompartimenten ausbreiten. „Man kann prinzipiell davon ausgehen, dass bei der Umsetzung dieses Konzepts die Nebenwirkungen deutlich weniger werden und die Hauptwirkung der Behandlung verbessert wird.“

TMMR-Operationen bereits in Leipzig, Berlin und Essen

Zusammen mit seinem Team gibt der Leipziger Gynäkologe seine Erfahrungen und seine Methode zur Operation von Gebärmutterhalskrebs im Rahmen der Leipzig School of Radical Pelvic Surgery an Ärzte aus der ganzen Welt weiter. In Deutschland wird bereits in Essen und Berlin nach der TMMR-Methode operiert. Die totale mesometriale Resektion hat längst den Charakter des Experimentellen hinter sich gelassen und sich international etabliert. Nun müssen andere Ärzte beweisen, ob sie damit ähnlich gute Resultate wie das Leipziger Team erzielen können.

Wertheim-Methode

Man geht davon aus, dass sich der Tumor ausgehend vom Gebärmutterhals ungerichtet in das angrenzende Gewebe ausbreitet. Der Tumor wird deshalb allseits mit einem breiten Rand benachbarten Gewebes entfernt. Anliegende Nerven und Blutgefäße, die die Harnblase, den Enddarm und den Rest der Scheide versorgen, können dabei verletzt werden. Jeder zweiten Frau wird zusätzlich eine Strahlentherapie empfohlen.

Totale mesometriale Resektion (TMMR)

Nach Michael Höckel bleibt der Tumor lange im sogenannten utero-vaginalen Kompartiment. Ein Kompartiment ist eine Gewebeeinheit, die aus einer gemeinsamen Anlage im Embryo entstanden ist. Der Krebs kann erfolgreich behandelt werden, wenn das Kompartiment komplett entfernt wird. Dabei bleibt das umliegende Gewebe unbeschädigt, eine zusätzliche Strahlentherapie ist nicht notwendig. Deshalb gibt es bei der TMMR deutlich weniger Rückfälle und Nebenwirkungen.

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