Elemente magischer Heilkunst der Ròm

Für Ròm (Volksgruppe der Roma und Sinti) besitzt eine Krankheit immer auch magische Ursachen und ist das Werk dämonischer Kräfte.

Die traditionelle Einstellung der Ròm zur Krankheit ähnelt den Sichtweisen von Eingeborenenstämmen der Südsee oder Äquatorialafrikas. Das Wesen von Krankheiten wird anders begriffen als in der Schulmedizin. Nicht nur aus dem Zusammenspiel von organischen und psychischen Ursachen heraus, sondern als Werk von Dämonen.

Die Krankheitsdämonologie der Ròm

Nach mythischer Vorstellung sind Himmel und Erde in enger Liebesumarmung verschlungen. Es herrschten Chaos und Finsternis. Dann befruchtet der Himmel die Erde, welche Menschen, Tiere und Dämonen gebiert. Die Dämonen versuchen nun, sich mit den Menschen zu vereinigen. Wobei sie ihnen wechselnd feindlich oder freundlich gesinnt sind. Aufgrund dieser Vorstellung ist das Ziel der Heilkunde der Ròm nicht allein die Beseitigung der Krankheitsursache und ihrer Symptome. Auch der krankheitsverursachende Dämon muss vertrieben und an einer Rückkehr gehindert werden.

Obwohl die zivilisatorischen Einflüsse im Verlauf der Nomadenwanderungen diese Dämonologie abschwächten, blieben Grundstrukturen erhalten. So benennt zwar jeder Stamm die krankheitsbedingten Feen, Geister und Dämonen anders. Doch der Glaube daran ist tief verwurzelt. So sind viele Heilmittel mit einem Ritual verknüpft, das den für die Krankheit verantwortlichen Dämon freundlich stimmen oder ihn vertreiben soll. Für jede Lebensphase sind den Ròm Rituale und Mittel bekannt, um böse Geister zu beschwichtigen.

Rituale der Ròm gegen den Bösen Blick

Ròm glauben an den sogenannten Bösen Blick. Man kann es als einen Vorgang des Verhexens durch das Anstarren begreifen. Die Angst davor, durch Blicke bestimmter Menschen oder Tiere eine Art Schadenszauber zu erleiden, ist in vielen Kulturen weltweit verbreitet. Dieser schadende Blick wird charakteristisch als neidisch, hasserfüllt, stechend oder bohrend beschrieben. Als besonders gefährdet werden Kinder, junge Frauen und Pferde empfunden. Doch prinzipiell kann alles von diesen “bösen Strahlen” betroffen sein.

Dadurch verursachte Krankheiten können mit einem Badewasserritual bekämpft werden. So wird das Badewasser des Erkrankten über ein Sensenblatt gegossen, da böse Dämonen über blanken Stahl nicht hinweg können. Bei chronischen Kopfschmerzen, die ebenfalls als Folge des Bösen Blicks interpretiert werden, sammelt man Wasser aus neun Quellen und wirft glühende Kohlen hinein. Dabei muss man Gesticktes mit symbolischer Bedeutung am Körper tragen. Als zauberkräftige Motive gelten Rose, Sonne, Schlange, Eichel und Hahn.

Mittel magischer Heilkunst der Ròm

Bestimmte Pflanzen, Mineralien und Tiere besitzen in der Magie der Ròm eine große Bedeutung. Der menschenähnliche Wurzelstock der Mandragora (Alraunwurzel) wird schon in der Bibel erwähnt. Stechäpfel sind für Ròm die heiligen Pflanzen und mit ihren Abstammungstheorien verbunden. Wiesel, Kröte, Schlange, Hahn, Pfau, Taube, Elster und Fledermaus sind die wichtigsten Tiere aus ritueller Sicht. Die Vorliebe für den Igel erklärt sich aus dem Glauben, dass die Elternmutter der Ròm von einem Stechapfel in einen Igel verzaubert wurde.

Für magische Rituale sind Unheil abwendende Amulette und glücksbringende Talismane wichtig. Amulette können aus jedem Material bestehen. Talismane sind zumeist aus Metall oder Stein. Bevorzugt ist auch das Knüpfen, Knoten, Binden oder Abbinden. Das Binden und Lösen der Fesseln von Kranken symbolisiert die Befreiung von auferlegtem Leid. Die von den Ròm verwendeten Heilmittel sind durchaus ernst zu nehmen. Sie enthalten Stoffe, die von der pharmazeutischen Industrie anerkannt und verarbeitet werden. Was auf den ersten Blick als pure Zaubermedizin erscheint, wird bei Analyse der Zutaten oft als wirksames Naturheilmittel erkannt. Neben eindeutig magischen Ritualen sind viele Rezepte und empfohlene Vorgehensweisen wissenschaftlich nachvollziehbar zur Heilung und Linderung von Krankheitsbeschwerden geeignet.

Musik, Speichel und Blut in der Heilkunst der Ròm

Musik spielt im Leben und der Heilkunst der Ròm eine wichtige Rolle. Ròm besitzen den Ruf musikalischer Begabung. Diese Fähigkeiten nutzen sie nicht nur zum Gelderwerb, sondern auch, um Krankheitsdämonen zu beeinflussen. So musizieren Musikanten stundenlang bei Kranken, um verursachende Dämone zu vertreiben. Die als Dank für ihre Bemühungen erhaltenen Geldscheine werden in der Funktion eines Schutzamuletts an die Stirn geklebt.

Speichel gilt mit besonderer Heilkraft und Magie versehen. Er kann befruchtend, heilend, einschläfernd, verzaubernd und schützend wirken. Die Beliebtheit von Blut als Heilmittel wird ursprünglich in ihrer indischen Herkunft vermutet. Die Abnahme für Blutrezepte erfolgt vom Goldfinger (Ringfinger) oder der Elster (kleiner Finger). Auch den Dämonen werden Blutstropfen gespendet. So beispielsweise bei dem Brauch, einige Tropfen Blut aus dem linken Goldfinger in fließendes Wasser fallen zu lassen, um Ausschlag zu heilen. Wenn der Wassergeist das Blut verschlingt, verlässt die Krankheit den Körper.

Die magische Heilkunde der Ròm ist alt und beeindruckend. Sie entwickelte sich aufgrund ihrer Herkunft und ihres Schicksals. Das naturkundliche und magische Wissen wurde oft nur mündlich überliefert. Es besitzt komplexe Zusammenhänge zwischen scheinbarer Magie und funktionierender Volksmedizin. Rezepte und verwendete Wirkstoffe besitzen viel Potential für Anwendungsmöglichkeiten in der Naturheilkunde.

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