Was haben wir den Kindern angetan?

Interview mit Prof. Klaus Hurrelmann zum Thema „Schulverweigerer“ Die steigende Zahl von Schulverweigerern ist vor allem ein Indiz für ein reformbedürftiges Bildungssystem – und weniger eine Frage der sozialen Herkunft.

Herr Prof. Hurrelmann, würden sie heute gern noch einmal zur Schule gehen?

Ich hoffe, dass die Schule heute noch einigermaßen so arbeitet, wie das zu meiner Kinderzeit war. Eigentlich müsste sie heute sogar viel besser sein und pädagogische Erkenntnisse aufgenommen haben. Aber es ist natürlich so, dass man in die Schule seine eigene Persönlichkeit und seine eigene familiäre Hintergrundsituation mit einbringt. Da müsste meine Familie mitspielen, dann könnte ich auch vielleicht eine nicht ganz so hervorragende Schule besuchen.

Schätzungen zufolge gehen etwa 300.000 bis 500.000 Jugendliche überhaupt nicht gern zur Schule. Und zwar so ungern, dass sie als Schulverweigerer gelten, 85.000 verlassen jährlich die Schule ohne Abschluss. Was ist darauf die richtige Frage: Was ist das Problem? Oder: Was hat man diesen Kindern und Jugendlichen angetan?

Ich denke, der zweite Teil ist der richtige Ansatz: was haben wir diesen Kindern und Jugendlichen angetan? Alle Studien, alle Erfahrungen zeigen, die Kinder sind lernbegierig, sie wollen etwas leisten. Dieses Bewusstsein ist bei den Kindern und Jugendlichen heute noch stärker als vielleicht früher, weil alle spüren – auch die bildungsärmsten Familien – dies ist eine Gesellschaft, in der zählt deine individuelle Leistung, die bestimmt, wie es dir geht und wo du hinkommst. Diese Philosophie haben alle verinnerlicht. Wenn es unserem Erziehungs-, Bildungs-, Schulsystem nicht gelingt, möglichst alle mitzunehmen, dann macht dieses System einen Fehler. Die Frage richtet sich eindeutig an das System, es ist eine Systemfrage!

Was sind aus Ihrer Sicht die Hauptursachen von Schulverweigerung?

Bleiben wir auf dieser Systemebene, dann ist der Ausgangspunkt sehr klar. Unser Schulsystem hat eine ganz bestimmte pädagogische Grundkonzeption. In den Grundschulen lautet sie „Wir müssen uns auf die Kinder zu bewegen und ihnen ein Angebot machen“. Diese erste traditionelle Runde von Schule war bei uns vielleicht bis in die 1970er Jahre noch ganz anders, da entschied das System, wie die Schülerin und der Schüler sein mussten. Das hat sich in der Grundschule geändert – eine sehr positive Entwicklung und vermutlich auch der Schlüssel dafür, weshalb wir im internationalen Vergleich ganz gut abschneiden.

Das Problem beginnt bei den weiterführenden Schulen. Sie gehen von der pädagogischen Philosophie aus „Wir sind ein fixes System mit festen Erwartungen an unsere Schülerschaft. Wer diese Erwartungen nicht erfüllt, der kommt in unser System nicht hinein“. Für diejenigen, die nicht die Erwartungen der Gymnasien und Realschulen erfüllen, haben wir dann eine Auffangschule, entweder die Hauptschule oder gleich die Sonder- bzw. Förderschule. Die pädagogische Philosophie der erfolgreichen Länder (z. B. Finnland, Kanada) ist genau umgekehrt: Sie schauen, welche Schüler haben wir heute, mit welchen Profilen, mit welchen Stärken, mit welchen Defiziten. Sie passen das Schulsystem, die pädagogische Arbeit, die Didaktik und das Lehrerverhalten den Schülern an und sagen: Wir müssen unser System so gestalten, dass es den Schüler mit seinen Fähigkeiten aufnimmt und ihn dann in geeigneter Weise so weiter entwickelt, dass er/sie bis an die Möglichkeiten der eigenen Bildungskompetenzen herangeführt wird.

Welche Folgen haben die stetig ansteigenden Zahlen von Schulverweigerern?

Auf Dauer ist es unerträglich für ein leistungsfähiges Land, ein Schulsystem zu haben, das einen so hohen Anteil von Schülern durch die eben genannten Prozesse zu Versagern abstempelt, ihnen damit Leid zufügt, sie aus der Gesellschaft auch herausdefiniert. Das hat weitreichende Konsequenzen für das Selbstwertgefühl, für die soziale Definition, für das Verhalten dieser jungen Leute. Sie werden destruktiv, sie richten ihre Aggressionen aus Enttäuschung selbstverständlich gegen die Gesellschaft und gegen sich selbst. Sie werden in bestimmter Weise krank, sind nicht leistungsfähig, nicht sozial handlungs- und integrationsfähig. Die Gesellschaft bekommt ihre Quittung dafür, dass sie so fahrlässig mit einer so großen Zahl von jungen Leuten umgeht.

Schulverweigerung ist in der breiten Diskussion vor allem als Thema angekommen, das die Haupt- und Förderschulen sowie Kinder aus sozial benachteiligten Familien bzw. Familien mit Migrationshintergrund betrifft. Ist es tatsächlich nur ein Problem dieser Schultypen und Bevölkerungsgruppen?

Nein, Schulverweigerung zieht sich durch alle Schulformen, aber wir haben natürlich eine Häufung an bestimmten Schultypen. Wir haben in den weiterführenden Schulen eine Rangordnung, das Gymnasium ist das Oberhaus, jeder möchte in diese Schule hinein. Dort haben wir einen Anteil von drei bis fünf Prozent Schulverweigerern, der fällt aber nicht ganz stark auf, weil man an dieser Schulform sehr schnell zurückgestuft werden kann in andere Schulformen. Die Realschulen machen das gleiche. Es ist deswegen nicht verwunderlich, dass der höchste Anteil von sog. Schulverweigerern von den Hauptschulen, den Sonder- und den Förderschulen kommt. Es wäre völlig verkehrt jetzt zu sagen, dass liegt an diesen Schulformen. Nein, es liegt daran, welche Schülerinnen und Schüler diesen Schulformen zugewiesen werden in unserem sehr ausleseorientierten weiterführenden Schulsystem. Es ist nicht so, dass bestimmte Schulformen mehr Verweigerer haben als andere, sondern unser System dirigiert die Verweigerer schon im Laufe ihrer Schullaufbahn in bestimmte Schulformen hinein.

Schulverweigerer berichten immer wieder von ihren Schwierigkeiten mit Lehrern. Sehen Sie in dem von Ihnen vorgeschlagenen Reformprozess die Notwendigkeit für eine zusätzliche Lehrer-Qualifizierung?

Theoretisch ja, aber ich rate auch aufzupassen, dass wir keine Lehrerschelte betreiben. Wir müssen sehen, was können Lehrer nicht können, wo sind die Grenzen? Lehrer sind keine Sozialarbeiter, keine Psychotherapeuten, sie sind keine Gesundheitspfleger und keine Mediziner. Wir müssen aufpassen, dass wir sie nicht mit Aufgaben überfordern, die nichts mehr mit Unterrichtsorganisation und Persönlichkeitsentwicklung im überwiegend kognitiven und intellektuellen Bereich zu tun haben. Richtig ist, Lehrer sollten schon in der Ausbildung auch soziale Förderkompetenzen stärker mit auf den Weg bekommen, und sie auch in der Praxis lernen müssen. Das ist heute, wie schon immer, Voraussetzung für einen Pädagogik-Beruf. Lehrer brauchen Assistenzen, Unterstützungen, um mit den schwierigen und schwierigsten Schülerinnen und Schülern zurechtzukommen – es sind ja meist junge Männer – sie müssen auch mit der Männlichkeitsproblematik umgehen.

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