Keine Aufgabe der Diplomaten – sie verkaufen trotzdem Flugzeuge

Der Wettbewerb zwischen Boeing und Airbus ist hart. Dem US-Konzern helfen dabei amerikanische Diplomaten. Das enthüllte WikiLeaks.

Boeing und Airbus, die Amerikaner und die Europäer, sind weltweit die einzigen wirklich großen Konkurrenten der Flugzeugindustrie. Verständlich deshalb, dass sie mit allen erlaubten Mitteln ihre Maschinen regelrecht an den Mann bringen wollen. Aber sie beschäftigen dabei auch Lobbyisten oder Verkäufer, die derartige Geschäfte nicht tätigen sollten – Diplomaten. Das geht aus WikiLeaks-Enthüllungen hervor, die von der „New York Times“ auszugsweise veröffentlicht wurden. Seltsames, geradezu Unglaubliches kommt dabei zutage – auch die Diplomaten eines Königs betreffend.

Saudi-König wollte Technologie von Air Force One

Es handelt sich dabei um den Monarchen von Saudi Arabien. Der wollte 43 neue Jetliner für seine Fluggesellschaft – Saudi Arabian Airlines – plus 13 Maschinen für seinen königlichen Flugpark anschaffen. Natürlich bewarben sich sowohl Boeing als auch Airbus um dieses Milliardengeschäft. Über diplomatische Kanäle ließ der Saudi-König die Amerikaner wissen, dass er sich dann unverzüglich für Boeing entscheiden würde, statteten die USA seinen Privatjet mit den gleichen HighTech-Geräten aus, wie sie des US-Präsidenten Air Force One besitzt.

Ob dieser abenteuerliche Wunsch im Weißen Haus und bei Boeing ungläubiges Kopfschütteln auslöste, ist unbekannt – aber fest steht laut WikiLeaks dies: Die Maschine des Königs wurde technologisch „upgradet“, sicherlich nicht mit den modernsten Kommunikations- und Verteidigungsmöglichkeiten der Air Force One – aber immerhin! Und die Saudis bestellten prompt Boeing-Maschinen einschließlich Optionen für 3,3 Milliarden Dollar. Bei den entsprechenden Verhandlungen spielten US-Diplomaten die herausragende Rolle Airbus hatte das Nachsehen. Es gibt einen weiteren solchen „königlichen Fall“.

Trotz besserer Preise blieb Airbus im Nachteil

Gulf Air, die Fluggesellschaft des ölreichen Bahrain, hatte sich für ein großes Geschäft mit Airbus entschlossen. Nachdem das bekannt geworden war, schaltete Boeing das US-Außenministerium ein, und der damalige US-Botschafter in Bahrain, Adam Ereli, wurde zum Lobbyisten und Verkäufer. Obwohl Airbus die gewünschten Maschinen 400 Millionen Dollar preiswerter angeboten hatte, wurde Boeing bevorzugt. Auch das eine eigene Art von Diplomatie. Womit ja nicht behauptet werden soll, dass Airbus und die EU nicht gleichermaßen verfahren – nur: WikiLeaks veröffentlicht überwiegend US-Geheimnisse. Und noch ein König! Der von Jordanien ließ den US-Botschafter wissen, dass er „eine politische Entscheidung“ treffen werde, so dass „Royal Jordanian“ Boeing-Maschinen kaufen werde, „obwohl das jüngste Airbus-Angebot besser war“ – so das WikiLeaks-Dokument.

Ankara wünschte sich einen türkischen Astronauten

Ein weiterer Fall betrifft die Türkei. Deren Verkehrsminister Binali Yildirem ließ den US-Botschafter in Ankara wissen, so die „New York Times“ aufgrund von WikiLeaks, dass Präsident Obama doch bitte für einen türkischen Astronauten einen Platz für einen Weltraumflug reservieren möge. In einem Telegramm nach Washington nannte US-Botschafter James F. Jeffrey diesen Wunsch „nicht willkommen, aber auch nicht überraschend“ und fügte hinzu, „wir können wahrscheinlich keinen türkischen Astronauten in den Weltraum entsenden, aber die türkische Luftsicherheit und das türkische Raumfahrtprogramm zu verbessern, könnte beiden Nationen Vorteile bringen“. Kurze Zeit später bestellte Turkish Airlines 20 Boeing-Maschinen.

Eingeständnis des US-Außenministeriums

Boeing verkauft rund 70 Prozent seiner Maschinen ins Ausland. Das Unternehmens zählt damit zu den größten Exporteuren der USA. Jeweils eine Milliarde Dollar Umsatz bedeuten 11.000 Arbeitsplätze in den USA. „Das ist die Realität des 21. Jahrhunderts, in dem Regierungen eine größere Rolle bei der Unterstützung ihrer Unternehmen spielen, und genau so müssen wir verfahren“, sagte kürzlich Robert D. Hormats, Unterstaatssekretär im US-Außenministerium.

Airbus stellt 3.000 neue Beschäftigte ein

Trotz dieser massiven diplomatischen Unterstützung Boeings hat Europas Airbus Industries die Nase vorn: Die Europäer lieferten 2010 insgesamt 510 Maschinen aus, 48 mehr als Boeing. „Wir werden auch 2011 vorn liegen“, urteilte optimistisch Airbus-Chef Tom Enders. Der Grund: Die Billig-Fluglinie Virgin America hatte um die Jahreswende 2010/2011 60 Mittelstreckenmaschinen des Typs Airbus 320 im Wert von 5,1 Milliarden Dollar bestellt, und im Januar 2011 orderte die indische Billig-Airline Indigo sage und schreibe 180 Flugzeuge der 320er-Typen für rund 16 Milliarden Dollar. Dieser großen Erfolge wegen will Airbus demnächst 3.000 neue Mitarbeiter einstellen, um gleich mehrere Programme ausweiten zu können. Für das laufende Jahr will Airbus 520 bis 530 Maschinen ausliefern. Es gab aber auch einen Erfolg für Boeing: China will 200 Boeing-Maschinen bestellen. Wert: 19 Milliarden Dollar. Der Wettbewerb also geht weiter, und Diplomaten dürften auch in Zukunft in die entsprechenden Geschäfte verwickelt sein.

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