Kinderträume – Spiegel der seelisch-geistigen Entwicklung

In Kinderträumen spiegelt sich ihre seelisch-geistige Entwicklung. Achtsames Zuhören und kreative Methoden helfen Kindern im Umgang mit ihren Träumen.

Die Fähigkeit des Menschen zu träumen scheint angeboren zu sein. Aus der wissenschaftlichen Traumforschung weiß man, aufgrund der messbaren Augenbewegungen in den REM-Phasen des Schlafs, dass bereits Säuglinge träumen, vermutlich aber auch schon Ungeborene im Mutterleib. Von daher ist es immer wieder eine Frage, wie sich die Traumtätigkeit bei Kindern mit zunehmendem Alter verändert und welche Bedeutung das Träumen für die Entwicklung eines Kindes hat.

Besonderheiten der Traumforschung bei Kindern

Die REM-Phasen lassen sich während des Schlafs schon bei sehr kleinen Kindern und sogar im Mutterleib messen. Um aber die Träume von Kindern inhaltlich erfassen zu können, muss ein Kind in der Lage sein, einen Traum als solchen zu erkennen und ihn nicht mit Wacherinnerungen oder Phantasien zu verwechseln. Weiterhin muss es sprachlich in der Lage sein, ein Traumgeschehen zu erzählen. Von daher liegen Ergebnisse zu den Inhalten von Kinderträumen erst ab einem Alter von 3 – 4 Jahren vor.

Weiterhin fällt auf, dass Mädchen bis zu 10 % mehr von ihren Träumen erzählen als Jungen. Die Ursache dafür liegt vermutlich in dem besseren Zugang der Mädchen zu ihren Träumen. Diskutiert wird auch der Aspekt der frühen Sozialisation, nach der Jungen es „unmännlich“ finden, sich mit ihren Träumen zu befassen.

Die Träume von Mädchen und Jungen im Laufe ihrer Entwicklung

Die umfassendsten Ergebnisse zu den Inhalten von Kinderträumen erzielten bisher die Traumforscher David Foulkes, Günter Harnisch und Inge Strauch. Folgendes wurde in Langzeitstudien herausgefunden:

  • Mit 3-5 Jahren träumen 33-45 % der Kinder von Tieren. Außerdem träumen sie eher von Geschwistern als von Eltern. Szenische Handlungen kommen wenig vor.
  • Mit 5-7 Jahren zeigen sich szenische Ansätze und einfache Aktivitäten des Traum-Ich. Jetzt sind erste Geschlechtsunterschiede bei den Trauminhalten erkennbar. Mädchen träumen danach eher von positiven sozialen Ereignisse. Jungen erleben im Traum mehr negative Gefühle, fremde Figuren und wilde Tiere.
  • Mit 7-9 Jahren tauchen deutlich weniger Tiere im Traum auf. Dagegen träumen die Kinder nun mehr von bekannten oder fremden Personen oder auch von Eltern und Geschwistern.
  • Mit 9-11 Jahren sind die Kinder noch mehr als Traumperson in das Traumgeschehen integriert. Tiere im Traum zeigen menschliche Fähigkeiten.
  • Mit 11-13 wird in den Träumen die zunehmende Sozialisierung deutlich: Mädchen träumen häufig von Freundinnen und positiven Beziehungen, Jungen von Freunden und aggressiven, konfliktreichen Themen.

Angstträume überwiegen im Kindesalter

Im Alter von 6-10 Jahre überwiegen bei Kinder Angstträume (66%) gegenüber anderen Träumen. 36 % der Angstträume nehmen eine positive Wendung, was man als Entwicklung zur Angstbewältigung ansehen kann. Inhaltlich stehen bei Angstträumen Verfolgung, Bedrohung oder die Vernichtung durch Gespenster, Monster, dunkle Gestalten und gefährliche Tiere im Vordergrund. Die Bedrohung richtet sich dabei gleichermaßen auch gegen Geschwister und Eltern.

Entwicklung des Traumerlebens auf mehreren Ebenen

Die Veränderung des Traumerlebens mit zunehmendem Alter des Kindes macht die Ausformung seiner seelisch-geistigen Fähigkeiten deutlich:

  • Die Dynamik des Traumgeschehens verändert sich von kurzen Traumfragmenten im frühen Kindesalter bis hin zu handlungsreichen Traumgeschichten bei Jugendlichen.
  • Sinneseindrücke im Traum werden immer stärker von Gefühlen begleitet und schließlich mit Denkvorgängen verbunden.
  • Das Traum-Ich entwickelt sich vom passiven Beobachter, über die Traumrolle des Mitläufers, bis zur aktiv handelnden Person im Traum.

Der Umgang mit Träumen und Alpträumen bei Kindern

Kinder selbst sind mit der Frage, was ein Traum für sie bedeutet, noch überfordert. Dennoch lösen Träume bei Kindern Gefühle aus und setzen Phantasievorstellungen in Gang. Daher ist es besonders bei konfliktreichen und angstauslösenden Träumen wichtig, die Kinder ihre Träume erzählen zu lassen, ihnen dabei zuzuhören und konstruktive Konfliktlösungen zu phantasieren. Weiterhin kann man Kindern mit spielerischen und kreativen Methoden helfen, ihre Träume zu verarbeiten: die Träume zu malen oder mit Puppen oder Tierfiguren nachzuspielen, ist meistens ausreichend. Bei Alpträumen sollte man die Kinder ermutigen, sich ein positives Ende für den Traum auszudenken. Der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt.

Der Nachtschreck – pavor nocturnus- bei kleinen Kindern

Im Alter zwischen zwei und sechs Jahren tritt bei ca. 12% der Kinder der so genannte Nachtschreck oder pavor nocturnus auf, eine durch Angst ausgelöste Schlafstörung, die einen anderen Umgang erfordert als Alpträume. Experten geben übereinstimmend den Rat, dem Kind beruhigend zuzureden, ohne es wecken zu müssen. Vielmehr führen übermäßige Versuche, das Kind zu wecken, eher zu einer Verstärkung der Angst. Der Psychologe und Traumforscher Michael Schredl empfiehlt für anfällige Kinder zusätzlich Entspannungsverfahren vor dem Einschlafen und sie im Alltag bei der Bewältigung von emotionalen Stresssituationen vermehrt zu unterstützen.

Schredl verweist in diesem Zusammenhang außerdem auf die aktuelle Fragestellung, inwieweit TV- Bilder die Träume der Kinder negativ beeinflussen. In der modernen Traumforschung sei diese Frage bisher allerdings noch ungeklärt.

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