Krankenpflege im Nationalsozialismus

Die Beteiligung des Krankenpflegepersonals an Massentötungen und anderen Verbrechen gehört zu den dunkelsten Kapiteln der deutschen Krankenpflege.

Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler vom Reichspräsidenten Hindenburg zum Reichskanzler ernannt. Am 24. März 1933 konnte Hitler mit dem Ermächtigungsgesetz Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich seine Diktatur begründen und seine Macht mit der NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) festigen.

Die darauf folgenden politischen Ereignisse und die Verbrechen gegen die Menschlichkeit hatten Auswirkungen auf die Geschichte der Pflege.

Gleichschaltung in der Krankenpflege

Zur Kriegsführung und zur Umsetzung seiner rassenideologischen Vorstellungen benötigte Hitler die Hilfe des medizinischen Personals. Die Hilfe der Ärzte, die aufgrund ihrer Bildung „intellektuellen Zugang“ zur Rassenideologie hatten und die des Pflegepersonals, das als Untergebene den Ärzten ausführend zur Seite stand.

Es bedurfte zunächst einer Umstrukturierung der Pflegeorganisationen. Hitler brauchte die Sicherheit, dass alle Pflegenden ein einheitliches Gedankengut und Wissen besaßen, politisch und menschlich zuverlässig waren und einer zentralen Kontrolle unterstanden. Einzelne Pflegeverbände wurden aufgelöst oder umbenannt und Dachverbänden unterstellt, so auch die von Agnes Karll gegründete Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands (BOKD, der heutige DBfK e.V.), die 1938 zur Auflösung gezwungen worden war.

Eine absolute Gleichschaltung der Verbände war wegen der unterschiedlichen Auffassungen von Pflege nicht möglich. Gerade die konfessionellen Verbände wären von den Nationalsozialisten gern aufgelöst worden. Sie blieben bestehen, weil hoher Bedarf an ausgebildetem Pflegepersonal bestand und zudem einige kirchliche Verbände der Ideologie Hitlers nahe standen.

Blinder Stolz: die Krankenschwester im Nationalsozialismus

Die nationalsozialistische Regierung gab sich größte Mühe, die Anerkennung der Frau und der Krankenschwester zu verbessern.

Durch die zunehmende Wertschätzung und die große Verantwortung, die sie bei der “Auslese” und den Massentötungen übernahmen, waren viele Krankenschwestern stolz darauf, an der Seite des Arztes stehen zu dürfen. Hinzu kamen die engen Kontakte zur NSDAP und, damit verbunden, ihre Aufgabe für Volk und Vaterland.

Tätigkeitsbereiche und Aufgaben des Krankenpflegepersonals

Im Nationalsozialismus wurden die traditionellen Werte, die bis etwa zur Mitte des 19. Jahrhunderts für die Pflegenden galten, wieder aufgenommen. Das schlichte, selbstlose Dienen galt im Nationalsozialismus dem Volk und dessen „Reinhaltung“ bezüglich „Rasse“ und Erbgut.

Im einheitlichen „Hand- und Lehrbuch der Krankenpflege“ ist daher auch von einem “neuen Schwesterntyp” die Rede, weil “nicht die Krankenpflege die Hauptaufgabe” der Schwestern sein sollte, sondern die “Gesundheitsführung des deutschen Volkes”. Davon ausgehend gab es, neben der Krankenpflege im Krankenhaus, weitere Aufgabenschwerpunkte für das Pflegepersonal:

  • Pflegerische Versorgung nationalsozialistischer Organisationen

Dieser ausschließlich von den NS-Schwestern betreute Bereich umfasste pflegerische Tätigkeiten in der Hitlerjugend (HJ), im Bund Deutscher Mädel (BDM), in den Lebensborn-Einrichtungen und in der Sturmstaffel (SS). Die politische Bedeutung des Pflegepersonals wurde aufgrund dieses engen Kontaktes zur Partei hervorgehoben.

  • Kriegskrankenpflege

Aufgrund seiner Zielsetzungen hatte das Deutsche Rote Kreuz, trotz Herrschaft der NSDAP, das Monopol bei der Ausbildung von Schwesternhelferinnen für den Kriegsfall und bei der Organisation der Kriegskrankenpflege. Die Partei nahm dies bereitwillig hin, zumal das Deutsche Rote Kreuz sich mit der nationalsozialistischen Ideologie identifizierte. Mit fortschreitender Ausweitung des Zweiten Weltkrieges wurde das Monopol aus personellen Gründen gelockert. Der Pflegepersonalmangel wurde mit freiwilligen Helferinnen und “Mischlingen zweiten Grades” aufgefangen.

  • Volksgesundheitspflege

Die Volksgesundheitspflege bezog sich nicht nur auf die Beratung und Gesundheitserziehung in der Bevölkerung. Die Tätigkeit der Fürsorge- und Gemeindeschwestern war insbesondere ein für das politische System wertvoller Beitrag für die „Reinhaltung der Rasse“. Die in der Ausbildung des Pflegepersonals vermittelten Grundlagen der Erb- und „Rassenlehre“ und der Bevölkerungseinteilung diente den Krankenschwestern im häuslichen Bereich als Richtlinie für die Entscheidung, wem Pflege zuteil werden durfte oder wer zur “Sonderbehandlung” (Ermordung) gemeldet wurde.

Neben der Pflege und der hauswirtschaftlichen Betätigung oder Beratung war die Gemeindeschwester auch ein Propagandamittel, die das nationalsozialistische Gedankengut direkt in die Familien trug. Diese für das System verantwortungsvolle Tätigkeit der Volksgesundheitspflege war deshalb den politisch zuverlässigen NS-Schwestern vorbehalten.

  • Beteiligung an Massentötungen, Zwangssterilisationen und -abtreibungen

Die extensive Mitwirkung des Krankenpflegepersonals an den Verbrechen der nationalsozialistischen Regierung, insbesondere an den Krankenmorden („Aktion T4“) gehört zu den dunkelsten Kapiteln der deutschen Krankenpflege. In Anlehnung an Steppe (1985) war das Pflegepersonal unter anderem direkt an folgenden Verbrechen beteiligt:

  • Folterung und Ermordung so genannter Randgruppen (Juden, Obdachlose, Sinti, Roma, Homosexuelle, Kommunisten und andere).
  • Zwangsweise Sterilisation von über 400.000 Männern und Frauen ab 1933.
  • Ermordung psychisch kranker Menschen, nachdem 1933 die Pflegesätze für die Psychiatrie drastisch gesenkt wurden.
  • Schwangerschaftsabbrüche ab 1935.
  • Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ durch die Führervollmacht zur Durchführung der Massentötungen von Kindern ab 1939. Tausende Kinder verstarben in „Kinderfachabteilungen“ durch Nahrungsentzug oder Medikamentenvergiftung.
  • Ausweitung der Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ auf erwachsenen kranke, behinderte und arbeitsunfähige Menschen in Heimen und Konzentrationslagern.
  • Beteiligung an Menschenversuchen (Brandbomben- und Giftversuche, Infektionsversuche und andere).

Widerstand pflegender Frauen

Nicht alle Pflegekräfte gingen mit den nationalsozialistischen Ideen zur „Rassen“- und Erbpolitik konform. Bedroht durch harte Auflagen, Versetzungen, Strafen oder Mordankündigungen hielten sie sich jedoch, bis auf einige Ausnahmen, im Hintergrund.

Mutige Frauen, die im Rahmen ihrer Berufsausübung als Ordensschwester oder Krankenschwester Widerstand gegen den Nationalsozialismus leisteten, waren zum Beispiel:

  • Schwester Anna Bertha Königsegg, Visitatorin der barmherzigen Schwestern des Vincenz von Paul.

Schwester Anna erhob öffentlich Protest gegen den Nationalsozialismus. Sie verbot etwa 100 Barmherzigen Schwestern per Dienstanweisung die Assistenz bei Sterilisationen und die Unterstützung der “Verlegung” (und anschließenden Ermordung) geistig behinderter und psychisch kranker Kinder. Schwester Anna wurde zweimal verhaftet.

  • Schwester Maria Restituta (Helene Kafka), österreichische Ordensschwester des Heiligen Franziskus.

Schwester Maria Restituta verweigerte zunächst die Zusammenarbeit mit einem SS-Arzt. Während ihrer Tätigkeit in einem Lazarett diktierte sie ein österreich-nationales Soldatenlied, das kriegerische Handlungen als nutzlos darstellte und zur Desertion aufrief. Nach ihrer Verhaftung deckte Schwester Maria alle Mitschuldigen. Schwester Maria Restituta wurde 1943 hingerichtet und 1998 selig gesprochen.

  • DRK-Schwester Sara Nußbaum

Sara Nußbaum, selbst Jüdin, bewahrte Juden vor der Deportation, indem sie sie als Typhus-Kranke deklarierte.

  • Krankenschwester Gertrud Seele

Gertrud Seele äußerte sich offen gegen den Nationalsozialismus und gewährte jüdischen Verfolgten Unterkunft. Sie wurde im Januar 1945 hingerichtet.

  • Diakonissin Ehrengard Frank-Schultz

Schwester Ehrengard bedauerte das Misslingen des Attentats auf Hitler und wurde im Dezember 1944 hingerichtet.

  • Krankenschwester Helene Knothe

Helene Kothe äußerte sich Patienten gegenüber negativ über Faschismus und Krieg. Sie wurde denunziert und im Dezember 1944 hingerichtet.

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