Kriminalität und Verhör: Warum gestehen Menschen, wenn sie nichts verbrochen haben?

Es gibt eine Vielzahl von Gründen, ein Verbrechen zu gestehen, welches man gar nicht begangen hat – auch wenn sie sich einem nicht sofort erschließen.

Der englische Jurist Sir William Blackstone sagte einst: „It is better that ten guilty escape than one innocent suffer.“ Dies bedeutet soviel wie: Es ist besser, wenn zehn Schuldige entkommen, als dass ein Unschuldiger verfolgt wird. In der Realität grenzt dies jedoch an Utopie. In den USA ergab beispielsweise eine Neuaufrollung von Fällen eine Fehlverurteilung in 157 Fällen – bis zum Jahre 2005. In den meisten Fällen führt ein falsches Geständnis zu einem solchen Fehlurteil. Aber wieso sollte jemand etwas gestehen, was er nicht verbrochen hat? Gründe hierfür gibt es viele.

Verzicht auf eigene Rechte

Saul Kassin und Rebecca Norwick führten ein Experiment einer fiktiven Vernehmung durch, um das Verhalten in derartigen Situationen studieren zu können. Hierbei wurden die Probanden instruiert, ob sie des Diebstahls schuldig oder unschuldig sein sollen. Hierbei wurde deutlich, dass unschuldige Personen eher bereit waren, auf ihre Rechte auf Schweigen und einen Anwalt zu verzichten. Diese Bereitschaft sank erst dann, wenn die Vernehmung feindselig wurde. Außerdem waren 81% der Unschuldigen zu einer spontanen Aussage bereit, wozu hingegen von den Schuldigen nur 36% bereit waren.

Vorurteile und falsch erkannte Lügen

Der Verhörstil wird stark durch die Haltung beeinflusst, die der Vernehmer dem Verdächtigen gegenüber einnimmt. Hält er ihn für schuldig, oder ist er ihm aus persönlichen Gründen gegenüber negativ eingestellt, führt er das Verhör anders, als würde er ihn für unschuldig halten. Und der Verhörstil beeinflusst nachweislich das Verhalten des Verdächtigen. Problematisch sind in diesem Zusammenhang vor allem Schulungen, welche die Fähigkeit, Lügen erkennen zu können, verbessern sollen. Aber auch Menschen, die solche Schulungen nicht besucht haben und dennoch denken, dass sie gut in der Lage sind, Lügen zu erkennen, sind besonders schnell voreingenommen. Tatsächlich haben aber Untersuchungen ergeben, dass die Trefferquote bei keiner Gruppe wesentlich über der Zufallstrefferquote von 50% lag. Die besten Ergebnisse erzielten Vertreter des Sicherheitsdienstes mit 64%. Wenn derjenige, der das Verhör führt, jedoch der Meinung ist, er habe bereits die Lüge entdeckt, drängt er den Verdächtigen besonders in ein Geständnis.

Falsche Beweise

Besonders häufig gestehen Personen aufgrund einer stark erdrückenden Beweislage. Der Verdächtige denkt, er käme aus der Situation eh nicht mehr heraus. Im Besonderen weniger intelligente, müde oder kranke Menschen neigen in solchen Situationen dazu, etwas zuzugeben, was sie in Wahrheit nicht gemacht haben. Besonders wenn in der Vernehmung von Beweisen und Zeugen gesprochen wird, wird so häufig ein falsches Geständnis erzielt. Das nennen falscher Beweise und Zeugen ist in Deutschland verboten, jedoch ist eine geschickte „kriminalistische List“ in bestimmten Grenzen zulässig. Zumal das Vernehmungsprotokoll in der Regel schriftlich angefertigt wird, so dass im Nachhinein der genaue Wortlaut (auch der vernehmenden Beamten) kaum nachvollziehbar ist.

Fliehen aus der Situation

Für viele Geständige ist das Zugeben einer nicht begonnenen Tat in ihren Augen der einzige Weg, einer bedrohlichen Situation zu entkommen. Besonders das Verhör von feindselig gesonnenen Beamten wird als so bedrohlich empfunden, dass der Verdächtige gesteht und denkt, es wird sich im Nachhinein schon aufklären, immerhin ist er ja unschuldig. Besonders deutlich wird dies beim Internationalen Vergleich. In Ländern, in denen die Dauer ununterbrochener polizeilicher Vernehmungen begrenzt ist und in denen die Bürgerrechte hoch eingestuft werden, werden weniger Geständnisse abgelegt, als in weniger freien (z.B. kommunistischen) Ländern. So gestehen in den USA im Durchschnitt etwa 42% aller Überführten die Tat – hier gibt es wieder gravierende Unterschiede innerhalb der einzelnen Staaten. In England gestehen etwa 60% und in Japan sind es dann schon gute 90%. Für Deutschland liegt leider eine derartige Statistik nicht vor.

Weitere Gründe für falsche Geständnisse

Ebenfalls nicht selten gestehen Menschen aufgrund eines Geltungsdranges oder des Wunsches, berühmt zu werden. Einige möchten auch schlicht und ergreifend ins Gefängnis – weil sie denken, dass sie es verdienen oder dass sie dort ein besseres und leichteres Leben hätten. Nicht zuletzt gibt es nicht wenige Menschen, die unfähig sind, die Realität von der eigenen Fantasie zu unterscheiden. Aus welchem Grund man aber auch gesteht: Eine Verurteilung ist danach fast sicher und ein Wiederaufnahmeverfahren ein schwieriger Weg.

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