Motorrad-Tour USA: Mit einer Indian durch North Carolina

Wer den Blue Ridge Parkway, eine 755 Kilometer lange touristische Route befahren will, der miete sich ein schweres amerikanisches Bike, etwa die neue Chief.

Shenandoah, Tochter der Sterne, nannten die Shawnee-Indianer das Tal zwischen den amerikanischen Blue Ridge Mountains im Osten und den Allegheny Mountains im Westen North Carolinas. Doch der bläuliche Hochnebel, der häufig morgens und abends über den Bergwäldern hängt, sollte dem Gebirgszug seinen endgültigen Namen geben: Blue Ridge. Mitten hindurch führt der gleichnamige Parkway, seiner Länge von 755 Kilometern, seiner sanften Kurven und seinen faszinierenden Aussichten auf eine grandiose intakte Natur wegen unter Motorradfahrern in Übersee längst kein Geheimtipp mehr.

„Der Parkway wurde vor 75 Jahren in den kargen Zeiten der Großen Depression als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme in Auftrag gegeben. Er beginnt am nördlichen Ende am Rockfish Gap in Virginia und schließt dort an den Skyline Drive an, der durch den Shenandoah-Nationalpark führt, bevor er 469 Meilen in südlicher Richtung im Gebiet des Great Smoky Mountains National Park und der Indianer-Reservation der Cherokee endet“, erklärt Motorrad-Guide Bill Kniegge von Bluestradatours. Am 11.September 1935 sei Baubeginn gewesen, und am 30. Juni 1936 habe der Kongress der Vereinigten Staaten das formale Gesetz zur Widmung des Parkways, der in 45 einzelnen Bauabschnitten geplant und verwirklicht worden sei, beschlossen.

Der Parkway entlang der Appalachen ist 755 Kilometer lang

Was liegt näher, als den für den gewerblichen Kraftverkehr komplett gesperrten Parkway entlang des alten Indianer-Territoriums ab Asheville mit einer nagelneuen Indian abzufahren? Seit 2009 liefert das vor vier Jahren in Kings Mountain, North Carolina, neugegründete Motorradunternehmen wieder Bikes aus mit Namen wie Chief Dark Horse, Bomber oder Vintage. „Allen gemein ist das selbst entwickelte, neue Powerplus-Triebwerk mit 1.720 Kubikzentimetern Hubraum“, erklärt Manager Chris Bernauer, der mit nur 39 weiteren Kollegen die gesamte Produktion in einer umgebauten Lagerhalle in der Nähe von Charlotte stemmt.

Indian, 1901 in Springfield gegründet, galt einst als der härteste Konkurrent von Harley-Davidson, die erst seit 1903 Motorräder bauten. Als die Army Anfang der 1950er Jahre allerdings einen Riesenauftrag für Kradmelder-Dienstfahrzeuge nicht an Indian, sondern an die konkurrierende Bikeschmiede in Milwaukee vergab, begann das Ende der Marke mit dem stilisierten Indianerkopf auf dem Tank. Der erste Versuch, die Marke mit den typischen geschwungenen Fendern und der großen Frontlampe wieder zu beleben scheiterte 2003 grandios: „In Gilroy wurden Motoren von S & S aus dem Zubehörmarkt verbaut – das musste schiefgehen“, erklärt Mark Moses, einer der Eigentümer und Manager der neuen Firma.

In den Zeiten der großen Depression war der Bau der Touristenstraße als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme gedacht

Der neue, luftgekühlte und leicht langhubige Motor leistet nun zwar vergleichsweise magere 70 PS, hat aber mit 135 Nm Drehmoment ordentlich Dampf im Keller. Der wird auch benötigt im Tale of the Dragon am südwestlichen Ende des Blue Ridge Parkway, wohin jährlich tausende Biker aus allen Teilen der Welt pilgern: „318 teils enge Kurven auf 11 Meilen (20 Kilometer) entlang atemberaubender Natur – wo gibt es das sonst schon?“, fragt Bill Kniegge.

Dass im Drachental nicht alle Motorradfahrer ihr Bike auch wirklich beherrschen, davon legt der Tree of Shame – Baum der Schande – in Deals Gap an der Kurvenstrecke beredtes Zeugnis ab. An ihm sind hunderte von aufgesammelten Teilen verunfallter Zweiräder, zerrissene Jacken, Hosen und Schuhe mahnend aufgehängt. Wer das korrekte Kurvenfahren mit schweren Motorrädern noch nicht beherrscht, der erlernt es spätestens hier: „beim Einlenken in eine Linkskurve sollte der Biker den Lenker mit der linken Hand nach vorn drücken“, rät Bill, in einer Rechtskurve mit der Rechten, das gebe eine bessere Straßenlage, und: „immer an der markierten Innenlinie orientieren“. So ziehe das Bike – eine angepasste Geschwindigkeit vorausgesetzt – quasi von ganz allein sicher aus der Kurve heraus.

Indian galt einst als der schärfste Konkurrent von Harley-Davidson

Mit der neuen Chief Vintage, dem Indian-Vorzeigemodell der neuen Generation aus Kings Mountain, sind schnelle Kurvenfahrten jedoch ohnehin nicht möglich: sprühende Funken von auf dem Asphalt schleifendem Metall erinnern mehrmals schmerzlich daran, dass die Bodenfreiheit bei diesem über 300 Kilogramm schweren Big Twin durch die nach vorn verlegten Trittbretter stark eingeschränkt ist. Macht nichts, wer zum Rasen hierher kommt, ist selber Schuld. Nur wer etwas Zeit mitbringt, hat Gelegenheit, etwas von der atemberaubenden Natur an der Wegstrecke zu genießen. Schließlich sind im Parkway selbst ohnehin nur 45 Meilen pro Stunde (etwa 85 km/h) erlaubt. Cruisen ist angesagt. Perfektes Terrain für das Indianer-Eisen. 38.145 Euro muss ein Interessent zurzeit noch locker machen, um das Topmodell zu besitzen. So sind es zurzeit vor allem zahlungskräftige Russen und Sammler, die die exlusive neue Marke ordern. Doch die Preise sollen spätestens zum nächsten Modelljahr fallen, verspricht Manager Bernauer.

Wie alles begann mit der Indianerkopf-Marke, kann auf der US-Road 19 am südlichen Parkway im Motorradmuseum Wheels throught the Time besichtigt werden: „28 amerikanische Motorradmarken sind hier vertreten, insgesamt sind das 320 Bikes aus den letzten hundert Jahren, darunter viele Raritäten, Unikate und erste Seriennummern, unter anderem von Indian und Harley Davidson“, erklärt Matt Walksler bei einem Rundgang durch die liebevoll arrangierte Ausstellung. In der Luft schwebt der Duft von Benzin, Farbe, Reinigungsmitteln – und ein Hauch von Freiheit. Das beste aber sei, so der passionierte Bastler und Sammler: „Neunundneunzig Prozent aller hier ausgestellten Maschinen laufen“.

Walksler benutzt als Arbeitsmaschine eine alte Flathead aus dem Jahr 1948

Gesagt, getan: schon tritt Matt, der zum Transport seiner Teile ein Flathead-Trike aus dem Jahre 1948 benutzt, eine alte Harley an. Die stammt aus dem Jahr 1915 und knattert, dass es eine wahre Freude ist. Spätestens jetzt wird auch die Bedeutung des Namens der in Maggie Valley ansässigen Sammlung klar: The Museum that rolls! Zurück auf dem Parkway lockt nach einem Abstecher ins Indianer-Reservat der Cherokees in nördlicher Richtung die direkt am Parkway liegende, Diamondback genannte Straße nach Little Switzerland, einer einhundert Jahre alten Siedlung ehemaliger Auswanderer aus der Schweiz. Auch sie zieht viele Motorradfahrer aus aller Welt an: schlangengleich windet sich der sauber asphaltierte Weg durch dichten, grünen, sonnendurchfluteten Wald. Und: überall zieht die neue, auf alt getrimmte Indian mit der cremefarbenen Lackierung, dem Sitz und den Satteltaschen aus Naturleder und dem vielen Chrom die Blicke vieler auf sich: wie alt denn das Bike sei, lautet eine Standardfrage. Ungläubiges Staunen jedesmal bei der Antwort, es sei „brandnew“.

Orte mit alten Indianer-Namen erinnern an die Geschichte des Parkways

Kurze Rast an einer der Aussichtsplattformen am Parkway. Tief durchatmen. Die Weite der tatsächlich bläulich schimmernden, nebelverhangenen Wälder, die teppichgleich das umliegende Riesengebirge bedecken genießen. Dann wird wieder die Zündung eingeschaltet, die Benzinpumpe angestellt und der Startknopf gedrückt. Grummelnd erwacht der V-Twin zu neuem Leben, schüttelt sich kurz heftig, dann macht es krachend klack, der erste Gang ist eingelegt. Kupplung schleifen lassen. Gas. Weiter geht es den s-förmig geschwungenen Linn Cove Viaduct am Grand Father Mountain entlang.

Meilen fressen mit einer neuen Indian auf dem Blue Ridge Parkway – dem Pfad, den einst die letzten der hier ansässigen Indianer in Richtung Reservat gehen mussten auf ihrem sogenannten Treck der Tränen. Auch das sollte bedenken, wer heute den Komfort des motorisierten Reisens auf diesem Weg genießt: denn vor nicht allzu langer Zeit waren die Blue Ridge Mountains noch reines Indianerland, wovon heute lediglich Namen wie Nantahala, Swannanoa und Shenandoah zeugen.

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