Natur der Angst

Ein übermächtiges Gefühl hält Menschen fest im Griff. Die Angst durchdringt seit eh und je den Menschen und die Gesellschaft. Weil sie kein angenehmes Gefühl ist, lernte der homo sapiens ihr auszuweichen und sie abzuwehren.

In der Natur herrscht Angst. Je mehr Natur, desto mehr Angst, könnte man sagen. Für ein Tier bildet sie Schutzmechanismen und entscheidet übers Überleben. Es ist die Angst, die es sowohl vorm Feuer wie auch vorm stärkeren Feind flüchten lässt.

Mit wachsender Intelligenz verliert sie weitgehend diese Schutzfunktion. Man könnte also vermuten, dass die Angst für uns, den homo sapiens, eine ganz geringe Rolle spielen sollte. Dass dem nicht so ist, muss man erst gar nicht beweisen. Die Macht der Angst ist unangefochten. Sie scheint sich stets auszubreiten. Der moderne Mensch addiert zusätzlich zu den Überbleibseln der ursprünglichen, sozusagen tierischen, auch die Gegenwarts- und Zukunftsängste.

Rot oder blass

Die Angst lässt sich schwer verbergen und macht sich meist leicht bemerkbar. Sie bemächtigt sich verschiedener Symptome und schlägt sich unangenehm aufs Gemüt nieder. Der von Angst befallene Delinquent wir blass oder rot, fängt an zu zittern wie vor Kälte oder schwitzt wie in der Sauna. Sein Blutdruck steigt, seine Atmung schnellt in die Höhe. Er bewegt sich entweder hektisch oder erstarrt wie eine Salzsäule.

Dieses Repertoire steht uns in Angstzuständen in vielen Varianten zur Verfügung. Aber nicht wir selbst wählen aus dieser Palette aus, sondern das übermächtige Gefühl. Da es so mächtig ist, mögen wir es übermütig herauszukitzeln. Auf einer Achterbahn oder vor der Leinwand mit einem Horror schauen wir der Angst in die Augen und spielen sie herunter.

Typen und Formen

Sigmund Freud hat die Bedeutung der Angst erkannt und sie für das zentrale Problem der Neurose erklärt. Er unterscheidet drei Typen von Angst.

Die Realangst solle demnach aus einem guten Grunde entstehen und eine Ursache in der Außenwelt – einem Objekt, einer Situation – haben. Es ist vernünftig, sie zu verspüren.

Über die anderen zwei Arten – die neurotische und die moralische Angst – lässt sich dies nicht sagen. Sie beziehen sich auf keine Sache oder Lage. Vielmehr sind sie als Preis für das Menschsein zu verstehen; sie werden im Rahmen der Sozialisation erzeugt.

Der amerikanische Persönlichkeitstheoretiker, Henry A. Murray, sprach von zwei Formen: Angst vor Schmerzen und Angst vorm Versagen.

Abwehrmechanismen

Den Begriff Abwehrmechanismus gegen die Angst hat Freud eingeführt. Dieser Mechanismus wirkt meist unterhalb der bewussten Wahrnehmung. Sein Ziel ist es, das seelische Gleichgewicht aufrechtzuerhalten. Freud nannte neun, seine Nachfolger ergänzten die Liste um viele weitere.

Einige Beispiele

Am einfachsten ist die Vermeidung. Es erscheint einleuchtend, auf das zu verzichten, was Angst macht. So reist einer mit dem Zug, wenn er vorm Fliegen Angst hat. Derartige Entscheidungen werden auch unbewusst getroffen.

Wenn die Angst aus dem Inneren als ein Gedanke oder ein Gefühl kommt, lässt sie sich nicht vermeiden, sehr wohl aber kann man sie verleugnen. Dieser Mechanismus lässt auch glauben, dass die Gefahren nicht einen selbst, sondern immer die anderen treffen werden.

Die Verdrängung bedeutet ein aktives, dennoch unbewusstes, Vergessen. Das Verdrängte wurde dabei nicht gelöscht, nur verschoben unter die Ebene des Bewusstseins, und es will in irgendeiner Form zurück an die Oberfläche.

Künstlich kann die Verdrängung durch die Hypnose herbeigerufen werden und in der Form der posthypnotischen Amnesie erscheinen.

Die Angst kann man auch durch eine Projektion abwehren. Darunter wird die Übertragung von den eigenen Gedanken, Gefühlen und Meinungen auf die anderen verstanden. Das, was Angst macht, wird den anderen zugeschrieben. Das eigene Selbst wird dabei idealisiert.

Das Wesen der Angst

Der amerikanische Psychologe Eugen E. Levitt beschreibt das Phänomen mit gebührender Erfurcht: „Die Angst ist so etwas wie ein hinterlistiger, bösartiger Golem, der uns eine Zeitlang gute Dienste zu leisten scheint, der sich jedoch schließlich gegen seinen Schöpfer wendet und ihn zu zerstören droht.“

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