Phobische Störung: Der „kleine Hans“ und der „kleine Albert“

Der wohl bekannteste Fall von S. Freud und das bekannteste Experiment von J. W. Watson. Beide verbindet das gleiche Thema: die Phobie.

Das Klassifikationssystem ICD-10 beschreibt die phobischen Störungen als „eine Gruppe von Störungen, bei der Angst ausschließlich oder überwiegend durch eindeutig definierte, eigentlich ungefährliche Situationen hervorgerufen wird. In der Folge werden diese Situationen typischerweise vermieden oder mit Furcht ertragen. […] Allein die Vorstellung, dass die phobische Situation eintreten könnte, erzeugt meist schon Erwartungsangst.“

Die Frage nach der Ursache einer Phobie ist bis heute nicht endgültig geklärt. Es gibt mehrere konkurrierende Theorien. Die lerntheoretischen Erklärungsmodelle gehen davon aus, dass die Angstreaktion von eigentlich nicht zwingend gefährlichen Situationen oder Objekten durch klassische Konditionierung erlernt wird. Laut der psychoanalytischen Theorie haben Phobien die Aufgabe, nicht akzeptable Gedanken in Angst vor einem Gegenstand oder einer Situation zu kanalisieren. Diese beiden Ansätze werden hier anhand zweier Beispiele vorgestellt, die als der „kleine Hans“ und der „kleine Albert“ bekannt wurden.

Der „kleine Hans“

Der kleine Hans hatte eine Pferdephobie entwickelt und konnte deshalb das Haus nicht mehr verlassen. Sein Vater Max Graf – ein begeisterter Anhänger der Psychoanalyse – führte die Analyse seines Sohnes selbst durch. Angeleitet wurde er dabei durch seinen Lehrer Sigmund Freud. Phobien hatten nach Freud immer die Aufgabe, nicht akzeptable Gedanken zu vermeiden und in akzeptablere Bereiche zu kanalisieren. In diesem Fall wurde als Ursache ein ödipaler Konflikt gesehen.

Freud schreibt hierzu in „Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben“: „Details, wie ich sie jetzt erfuhr, daß ihn besonders geniere, was die Pferde vor den Augen haben, und das Schwarze um deren Mund, ließen sich von dem aus, was wir wußten, gewiß nicht erklären. Aber als ich die beiden so vor mir sitzen sah und dabei die Schilderung seiner Angstpferde hörte, schoß mir ein weiteres Stück der Auflösung durch den Sinn, von dem ich verstand, daß es gerade dem Vater entgehen konnte. Ich fragte Hans […] ob er mit dem Schwarzen um den »Mund« den Schnurrbart meine, und eröffnete ihm dann, er fürchte sich vor seinem Vater, eben weil er die Mutter so lieb habe. Er müsse ja glauben, daß ihm der Vater darob böse sei, aber das sei nicht wahr.“

Hinzu kommt ein Kastrationskomplex: als die Mutter den kleinen Jungen bei der Masturbation erwischt hatte, drohte sie ihm, den „Wiwimacher“ von einem Arzt abschneiden zu lassen. Auch die Aggressionen gegen die neugeborene Schwester spielten eine Rolle. Nach dem der kleine Hans die Quellen der Phobie kennengelernt hatte, verbesserte sich sein Zustand sehr schnell.

Der „kleine Albert“

Mit Freuds Darstellung der Phobie des „kleinen Hans“ setzte sich auch J. W. Watson auseinander. Er suchte nach einer behavioristischen Alternative für die psychoanalytische Phobieerklärung. Das bekannteste (und heute umstrittenste) Experiment von Watson und seiner Doktorandin R. Rayner wurde mit einem 11 Monate alten Kleinkind namens Albert B. durchgeführt (Watson & Rayner, 1920). Albert wurde als gesund, aber phlegmatisch beschrieben. Ziel des Experimentes war die Erzeugung einer Phobie in diesem Kind, wobei die Pawlowsche Konditionierungstechnik eingesetzt werden sollte.

Als unkonditionierter Reiz (UCS) wählten Watson und Rayner ein lautes Geräusch, indem sie unmittelbar hinter Alberts Kopf mit einem Hammer auf eine ca. 90 cm lange Eisenstange schlugen. Als konditionierter Reiz (CS) wurde eine weiße Versuchsratte gewählt. Vor den Versuchen hatte Albert keine Furcht vor der Ratte, sondern nur vor dem Geräusch. Nun begann die Konditionierungsphase, in der Albert mehrmals die Ratte gezeigt wurde und immer kurz darauf das laute Geräusch ertönte. Einige Tage später zeigte man Albert die Ratte. Nun hatte Albert offensichtlich Angst, die Ratte zu berühren. Nach weiteren Konditionierungsphasen genügte es Albert die Ratte nur zu zeigen. Er fing dadurch an zu schreien, fiel vornüber und krabbelte schnell davon.

Watsons Hypothese konnte also bestätigt werden: Albert hatte gelernt, sich vor der Ratte zu fürchten. Die Phobie war jedoch nicht auf Ratten beschränkt, da bei Albert eine Reizgeneralisierung stattfand. Nach wenigen Tagen lösten auch ein Hase, ein Hund, ein Pelzmantel und die bärtige Maske eines Weihnachtsmannes Angstreaktionen aus. Die Furcht war sogar nach 31 Tagen noch beobachtbar. Watson und Rayner sahen ihre Untersuchung als Beleg für das Entstehen von Phobien an. Sie waren überzeugt, in dem experimentellen Befund eine Erklärung in der Hand zu haben, die als Alternative für die psychoanalytische Phobieerklärung gelten könne.

Kritik und Einschätzung aus heutiger Sicht

Kritisch ist vor allem anzumerken, dass die Konditionierung grausam und ethisch nicht vertretbar war, zumal Albert mit dieser „Phobie“ wieder nach hause geschickt wurde. Darüber hinaus war das Experiment nicht repräsentativ, es gab keine Kontrollbedingung und es wurde keine Phobie im klinisch-psychologischen Sinne erzeugt. Bei der geschilderten Konditionierungsmethode handelte es sich nicht um rein klassisches Konditionieren: Watson erzeugte immer dann das laute Geräusch, wenn Albert die Ratte berührte. Der UCS wurde damit nicht nur an einen CS gekoppelt, sondern auch an ein bestimmtes Verhalten (Berührung). Es liegt also eine Mischung aus klassischer und operanter Konditionierung vor.

Trotz aller Kritik gilt dieser Versuch als klassische Studie. Lange Zeit galt er wohl auch als experimenteller Beleg für die Bedeutung des Konditionierens. Inzwischen wird die Kritik an diesem Experiment gern exemplarisch betrieben, um damit die Schwächen des Behaviorismus vor Augen zu führen.

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