Psychisch Kranke – Ausgrenzung statt Integration

Psychisch Kranke sind am stärksten von sozialer Ausgrenzung bedroht. Vor allem die Ergotherapie hat das Potenzial, Unterstützung zur Integration zu bieten.

Mozart, da Vinci und Beethoven – ihnen ist gemeinsam, dass sie zu den heute bekanntesten und meist verehrten Künstlern zählen und (vermutlich) manisch-depressiv oder schizophren waren. Sie spiegeln den Mythos einer Verwandtschaft von Genialität und Wahnsinn wider. Doch das ist nur die eine Seite. Auf der anderen zählen psychisch kranke Menschen zu den sozialen Gruppen in unserer Gesellschaft, die am stärksten von sozialer Ausgrenzung bedroht sind.

Soziale Integration – ein Ziel der Sozialpsychiatrie

Teilhabe am sozialen Leben, Wiedereingliederung, soziale und gesellschaftliche Partizipation – diese oder ähnliche Formulierungen lassen sich in den meisten Leitbildern sozialpsychiatrischer Institutionen wiederfinden. Die Arbeit der Sozialpsychiatrie wird letztlich daran gemessen, denn eine verbesserte soziale Integration psychisch kranker Menschen ist seit nunmehr vier Jahrzehnten eine ihrer Hauptaufgaben.

Die soziale Lage psychisch Kranker

Forscher der Westfälischen Klinik Münster, des Instituts für Soziologie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Karlsruhe kamen in einer 2006 veröffentlichten Studie zu einem ernüchternden Ergebnis. Im Vergleich zu körperlich Kranken zeigten psychisch kranke Menschen:

  • eine deutlich geringere Lebensarbeitszeit,
  • sie verfügten über ein geringeres Einkommen und
  • wurden früher berentet.

Besonders auffallend war dabei die Lage der Menschen mit schizophrenen Störungen und Abhängigkeitserkrankungen. Diese Patientengruppen trugen das größte Risiko, aus dem Arbeitsleben ausgegrenzt zu werden. Menschen mit schizophrenen Störungen wurden beispielsweise im Mittel acht Jahre früher berentet als Patienten mit anderen psychischen Erkrankungen und die ersten 10% der Betroffenen waren zum Zeitpunkt des Renten-Eintritts keine 30 Jahre alt [2].

Auch die 2004 veröffentlichte Studie »Mental Health and Social Exclusion« kam zu ähnlichen Ergebnissen. Hier konnte für Großbritannien gezeigt werden, dass Erwachsene mit psychischen Störungen:

  • nur zu 24% erwerbstätig sind
  • ein doppelt so hohes Risiko haben, ihre Arbeit zu verlieren,
  • ein dreifach so hohes Risiko haben, erheblich verschuldet zu sein,
  • ein dreifach erhöhtes Risiko haben, geschieden zu werden,
  • häufiger Mietrückstände haben und Gefahr laufen, die Wohnung zu verlieren,
  • 40% derer, die gemeindepsychiatrische Hilfen in Anspruch nehmen, ausschließlich Kontakt zu anderen Patienten und Betreuern haben,
  • 80% sich isoliert fühlen [3].

Beide Studien verweisen auf deutlich geminderte Einflussmöglichkeiten und Zukunftsperspektiven psychisch Kranker gegenüber vergleichbaren sozialen Gruppen und sie zeigen, dass Menschen mit chronisch psychischen Erkrankungen zu den am meisten ausgegrenzten sozialen Gruppen zählen.

Was ist passiert?

In der Praxis gibt es in Deutschland kaum theoriegeleitete und konzeptionell ausgearbeitete Behandlungsansätze, mit denen systematisch auf eine soziale Integration hingearbeitet wird. Vielmehr gleicht die Gemeinde-Psychiatrie, die auf eine wohnortnahe Betreuung und auf ein Verbleiben im gewohnten sozialen Kontext abzielt, einer Psychiatrie-Gemeinde. Statt eine Rückkehr in ein normales Leben zu ermöglichen, bindet die Gemeindepsychiatrie mit ihren Wohn-, Arbeits- und Freizeitstätten Patienten an eine Pseudonormalität in Form eines betreuten Lebens.

Therapie in den Alltag des Patienten bringen

Therapie muss stärker im Alltag des Patienten stattfinden, sie muss raus aus den Therapiezimmern und rein in die Lebenswirklichkeit. Hier sind vor allem Ergotherapeut/innen gefragt, deren erklärtes Ziel die Alltagsorientierung und Teilhabe des Patienten am gesellschaftlichen Leben ist.

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