Pubertät – neue Nerven-Verschaltungen im Gehirn der Jugendlichen

Während der Pubertät baut sich das Gehirn komplett um. Kontrolle der Emotionen und Verantwortung entwickeln sich erst spät.

In der Pubertät verändern sich die Kinder, das haben jede Mutter und jeder Vater bereits erfahren oder werden es erleben, wenn die süßen Kleinen das richtige Alter erreicht haben. Bei den Jungen beginnen erste Barthaare zu sprießen, sie werden muskulöser, Penis und Hoden wachsen. Mädchen bekommen weiblichere Formen, die erste Regelblutung setzt ein.

Eltern und Kind in der Pubertät – Gegeneinander statt Miteinander

Doch die äußeren Zeichen der beginnenden Pubertät sind nur das eine.Viel nervenaufreibender für Eltern – und auch Kind – sind die psychischen Veränderungen. Häufiger Streit um eigentlich banale Dinge, , „Zickenkrieg“ oder „Cool um jeden Preis“, die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Viele Eltern zweifeln an sich, an ihrer Erziehung und befürchten, die Werte, die für ein menschliches Miteinander wichtig sind, nicht vermittelt zu haben.

Während der Pubertät herrscht Durcheinander im Kopf

Dabei gibt es Erklärungen für das schwer nachzuvollziehende Verhalten pubertierender Kinder.

Denn während dieser Zeit baut sich ihr Gehirn regelrecht um. Nachdem Forscher jahrelang glaubten,, dass schon im Mutterleib die Hirnfunktionen weitgehend ausgereift seien und nur Fähigkeiten wie Lernen, soziales Miteinander, Sprache und räumliches und zeitliches Denken noch in späteren Lebensphasen erlernt werden müssten, stellt sich die Situation nach heutigen Erkenntnissen ganz anders da.

Durch die massive Produktion von Sexualhormonen, mit denen das Gehirn regelrecht überschwemmt wird, kommt es zu einer zweiten Wachstumsphase in der Pubertät.

Nervenzellen – zuviel des Guten

Im kindlichen Gehirn haben sich bislang zahlreiche Nervenzellen gebildet, diese sind miteinander verbunden und verschaltet, so dass das Kind in der Lage ist, viele Informationen zu verarbeiten oder zu speichern. Daher haben die Kleinen eine so rasche Auffassungsgabe und lernen spielerisch. Je mehr die Verästelungen des Gehirns miteinander verbunden sind, umso mehr Entscheidungen kann das Kind treffen, umso mehr Wahlmöglichkeiten hat es: „Möchte ich ein Eis oder lieber einen Lolli oder ein Stück Kuchen? Spiele ich heute mit Dennis, Lukas oder Merle?“ – Oftmals ist das Kind -selbst bei einfach erscheinenden Situationen – gar nicht in der Lage, eine Entscheidung zu treffen, eben weil seine Verschaltungen im Gehirn zum einen noch nicht ausgereift, zum anderen aber viel zu viele an der Zahl sind.

Pubertät – Gehirn als Großbaustelle

In der Pubertät kann man sich das Gehirn wie eine große Baustelle vorstellen. Verbindungen, die sich in der Kindheit als nützlich erwiesen haben, werden weiter ausgebaut, diejenigen Verschaltungen aber, die eigentlich gar nicht gebraucht wurden, bleiben erst als Müll liegen und werden dann weggeschaufelt. Das ist notwendig, damit verantwortungsvolles Denken möglich wird und nicht bei jeder Entscheidung „Eis, Lolli oder Kuchen“ gleichwertig nebeneinander stehen.

Zeichen der Pubertät – Emotionen siegen über Vernunft

Problematisch für die pubertierenden Jugendlichen ist, dass das Gehirn nicht in allen Bereichen gleichermaßen reift.

Gefühle wie Neugier, Wut, Ärger, aber auch Freude entstehen in Zentren tief im Inneren des Gehirns. Diese Bereiche reifen schnell heran. Die Kontrolle der Motorik sowie Sprache und räumliche Wahrnehmung entwickeln sich danach.

Der Stirnlappen im Frontalhirn jedoch reift nur langsam, die Ausbildung von Verbindungen und Verschaltungen der Nervenzellen kann bis ins dritte Lebensjahrzehnt reichen. Genau in diesem Hirnabschnitt liegen aber die Kontrolle von Emotionen, das rationale Denken, das Abwägen von Für und Wider, das Erkennen von Konsequenzen und die Prioritätensetzung.

Pubertierende Jugendliche können nicht anders

Wenn also ein Teenager nach einem Streit um Hilfe im Haushalt, um die Zeit, zu der er abends nach Hause kommen soll oder um seine schulischen Leistungen nach Elternmaßstäben völlig uneinsichtig reagiert und Türen knallend oder Schimpfwörter – ausstoßend in seinem Zimmer verschwindet, sollten sich Vater oder Mutter klar machen, dass die puren Emotionen des Jugendlichen ausgereift sind, die Kontrolle über seine Impulse oder das Abschätzen seiner Handlungen jedoch noch lange nicht!

Gehirn – Belohnung ist wichtig

Im menschlichen Gehirn findet man dort, wo auch die Emotionen entstehen, ein Areal, das auf Belohnungen mit Glücksgefühlen antwortet. Auch dieser Bereich ist bei Pubertierenden früh ausgebildet und verschaltet. Da die Entscheidungsfindung im jugendlichen Gehirn jedoch noch nicht präsent ist, kommt es bei den Teens zu für den Erwachsenen unverständlichen Handlungen. Denn ihr Tun ist nicht auf Vernunft, sondern auf schnelle Belohnung ausgerichtet.

Pubertät – Gefahr von Drogen und Depressionen

Manchmal ist gerade bei Mädchen diese Belohnungssystem unterentwickelt. Forscher meinen hierin einen Grund für das depressive Verhalten mancher Mädchen während der Pubertät zu sehen. Auch die Empfänglichkeit für stimmungsaufhellende Drogen hängt mit der Entwicklung des Belohnungszentrums zusammen. Denn genau dort greifen viele Halluzinogene an, und ihr Gebrauch „verspricht“ den Jugendlichen Glücksgefühle.

Was solche Drogen im heranreifenden Gehirn anrichten, ist den meisten nicht klar. Neben der drohenden Abhängigkeit können diese Stoffe das Gehirn derart beeinflussen, dass die Konsumenten auch Jahre nach dem Absetzen noch unter Antriebsschwäche, chronischer Müdigkeit oder Depressionen leiden.

Mädchen-Gehirne reifen in der Pubertät schneller

Bei Mädchen und Jungen verläuft die Reifung unterschiedlich, Jungen entwickeln sich langsamer. Ihre Hirnreifung ist ca. ein Jahr später abgeschlossen als die der Mädchen. Das erklärt, warum männlich Jugendliche ihre Impulse meist weniger im Griff haben und risikobereiter sind als gleichaltrige Mädchen.

Pubertät: bitte Verständnis für Jugendliche

Eltern kann nur geraten werden bei Schwierigkeiten mit ihren pubertierenden Sprösslingen diese Veränderungen, die im Gehirn der Heranwachsenden ablaufen, im Blickfeld zu haben. Dann fällt es leichter, das widersprüchliche, von Emotionen gesteuerte Verhalten Jugendlicher zu verstehen. Und vielleicht fühlt sich mancher Elternteil auch erleichtert, weil er die Schuld nicht nur in seiner Erziehung suchen muss.

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