Wandern auf den Kanarischen Inseln – El Hierro 

Das kleinste Eiland der Kanaren setzt auf sanften Tourismus. Auf El Hierro können Wanderfreunde geruhsam über immergrüne Hochflächen laufen, abenteuerliche Touren an Steilwänden unternehmen und mit sich und der Natur allein sein.

Tagelang wandern und kaum einer Menschenseele begegnen. Eintauchen in die Einsamkeit inmitten grüner Hochebenen oder gewaltiger Felswände. Wer ein wenig Abstand zur Hektik des Alltags sucht und einfach nur die Seele baumeln lassen möchte, der ist hier genau richtig. Auf gewisse Annehmlichkeiten und eine funktionierende Infrastruktur wie Läden, Bars, Restaurants und Unterkünfte muss dennoch nicht verzichtet werden. Es ist der Tourismus der sanften Art, der auf El Hierro praktiziert wird. Die gut 10.000 Bewohner setzen sich mit Stolz für die naturgerechte Nutzung ihrer Insel ein. Seit dem Jahr 2000 haben sie den Rang eines UNESCO Weltbiosphärenreservates.

Von El Hierro nach Greenwich

El Hierro wird auch ‚Insel des Meridians’ genannt. Diese Bezeichnung stammt aus dem zweiten Jahrhundert unserer Zeit, einer Ära, in der die antike Welt im Westen bei El Hierro endete. Der sogenannte Ferro-Meridian wurde von Claudius Ptolemaeus festgelegt und erst Anfang des 20. Jahrhunderts endgültig durch den Greenwich Nullmeridian abgelöst. La isla del Meridiano ist so klein, dass sie mit ein wenig Ausdauer an zwei bis drei Tagen durchwandert werden kann.

Ein heiliger Lorbeerbaum spendet Wasser

In ihrem Erscheinungsbild weicht El Hierro stark von allen Nachbarinseln ab. Einzigartig auf dem kanarischen Archipel sind die weiten, fruchtbaren Hochflächen, die mit ihren Steinmäuerchen und Weideflächen an Irland erinnern. Diese werden fast überall durch hohe Steilwände zum Meer hin begrenzt. Die für La Gomera, Teneriffa und La Palma so charakteristischen Barrancos ‚Schluchten’ finden sich hier kaum. Da die Insel wasserarm ist, nutzten schon die Ureinwohner das Wasser, das an den Bäumen kondensiert. Das beste Beispiel dafür ist der sagenumwobene Árbol Santo ‚Heiliger Baum’, ein Lorbeerbaum um den herum ein verzweigtes Wasserauffangsystem aus Erdlöchern erschaffen wurde.

Der bekannteste Pilgerweg auf dem kanarischen Archipel

El Hierro lässt sich am besten auf dem berühmten Pilgerweg Camino de la Virgen durchqueren. Alle vier Jahre im Juli wird die Schutzpatronin der Insel Nuestra Senora de los Reyes, die Jungfrau der Heiligen drei Könige, in einer feierlichen Prozession in die Inselhauptstadt Valverde im Nordosten getragen. Musiker und Tänzer sowie viele Einheimische und Besucher begleiten diese beliebte Prozession, die in den frühen Morgenstunden in der Ermita de los Reyes im Westen der Insel aufbricht und bei Einbruch der Nacht nach knapp 29 Kilometern ihr Ziel erreicht.

Die Strecke berührt die beiden großen Hochebenen La Dehesa mit dem weithin bekannten vom Wind verformten Wacholderwald El Sabinar und die Meseta de Nisdafe Sie führt an erloschenen Vulkanen und Vulkankratern vorbei und bietet in einer Höhe von 1500 Metern auf der höchsten Erhebung der Insel, dem Malpaso, einen fantastischen Rundblick.

Steilwände auf königlichen Wegen erobern

Gewaltige Felswände stürzen sich vom Hauptkamm in das relativ stark besiedelte, weite Tal von El Golfo. Kaum zu glauben, dass sich an diesen Steilhängen gut begehbare Wanderwege hinaufwinden. Meist handelt es dabei um alte gepflasterte Verbindungswege, die sogenannten caminos reales ‚Königswege’. Diese Wege wurden ursprünglich von den Ureinwohnern in die Landschaft getreten und später von den spanischen Eroberern ausgebaut.

Lohnendes Ziel dieser steilen Anstiege sind die gut angelegten miradores ‚Aussichtspunkte’ mit grandioser Fernsicht. Diese lässt sich besonders von dem in die Steilwand gebauten Aussichtsrestaurant am Mirador de la Peña genießen. Es ist ein Werk des berühmten Architekten César Manrique von Lanzarote. Dorthin führt einer der spektakulärsten Wanderwege der Insel. Innerhalb von zwei Stunden erklimmt der Wanderer 900 Höhenmeter durch die Steilwand des Risco de Tibataje. Bis zur Eröffnung der Schnellstraße im Jahre 2003 mit ihrem durch den Fels getriebenen Tunnel war dieser Weg die kürzeste Verbindung zwischen dem Golfotal und dem Inselhafen Puerto de la Estaca im Nordosten der Insel.

Teufelshöhle und Bimbaches

Ein anspruchsvolleres Tourenrevier findet sich an der Ostküste in den Steilhängen rund um den am Meer gelegenen Parador Nacional, dem luxuriösesten Hotel auf der Insel. Dort sind die Wege häufig steiler und nicht so gut ausgebaut, so dass mitunter geröllige Abschnitte am Hang überwunden werden müssen.

Etwas abseits liegen zwei spannende Wandertouren an der Südküste. In der Nähe von Tacorón bietet sich ein kurzer aufregender Abstecher zur Cueva del Diablo der Teufelshöhle an. Aufmerksamkeit, Trittsicherheit und die Zuhilfenahme der Hände sind gefordert, da das tosende Meer den Weg bereits an zahlreichen Stellen weggespült hat.

Nichts deutet daraufhin, dass die Bimbaches, wie die Ureinwohner auf El Hierro genannt werden, in der kargen Lavalandschaft von el Julán ihre deutlichsten Spuren hinterlassen haben. Da bereits beträchtliche Teile der Lavazunge mit den Ritzungen der Altkanarier gestohlen wurden, wird dieses Gebiet bewacht. Der lange Weg ist nur unter Aufsicht möglich, belohnt den Wanderer aber einmal mehr mit dem sanften Naturschauspiel dieser reizvollen Insel.

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