Die erste gemeinsame Wohnung

Eine Kolummne über die idealisierten Vorstellungen vom gemeinsamen Leben.

Es ist der große Traum, der tief in uns Menschen steckt. Der Traum nach Liebe, Geborgenheit, Familie und Sicherheit, der uns ständig auf der Suche sein lässt nach dem einen Richtigen. Wenn wir ihn gefunden haben, wird schnell klar, den lassen wir so schnell nicht wieder von der Angel. Wir erträumen uns ein gemeinsames Leben, eine gemeinsame Zukunft und der erste Schritt ist die erste gemeinsame Wohnung.

Zusammenziehen?

Der Gedanke nimmt von Tag zu Tag mehr Gestalt an. Wie schön wäre es, jeden Tag gemeinsam aufzuwachen, gemeinsam zu kochen, spazieren zu gehen, einzukaufen, ja sogar gemeinsam zu putzen. Ein kleines Teufelchen sitzt zwar auf unserer Schulter und warnt uns, alles nicht so zu idealisieren, doch wir wollen ihm nicht zuhören. Selbst wenn wir an seine, alles andere als ordentliche Junggesellen-Bude denken, haben wir keine Bedenken, denn wenn er erst mit uns zusammen wohnt, dann wird alles anders. Wir werden es so schön machen, dass er gar nicht anders kann, als Ordnung zu halten. Also lassen wir die zauberhaften Worte „gemeinsame Wohnung“ immer mal wieder und ganz dezent in die abendlichen Gespräche einfließen, wir wollen ja schließlich, dass er von selbst darauf kommt, denn das haben wir von unseren Müttern gelernt, es ist immer am besten, wenn die Männer glauben, alles wäre ihre eigene Idee. Und endlich haben wir ihn dann soweit, er ist bereit mit uns in ein kuscheliges Liebesnest zu ziehen, hat sich an die Vorstellung gewöhnt, in Zukunft mit seinen Kumpels sein Bier im gemeinsamen Wohnzimmer zu trinken und er liebt uns so, dass er uns nicht verlieren will.

Geschafft, die erste gemeinsame Wohnung

Schon werden Wohnungsannoncen durchgesehen, Möbelkataloge gewälzt, Farbproben im Baumarkt geprüft und schließlich die Kisten gepackt. Der Tag des Umzugs ist gekommen und beide sind aufgeregt über den Schritt ins Unbekannte, den sie da wagen und der sie ins lang ersehnte gemeinsame Glück führen soll. Natürlich geht der Umzug nicht ohne die ersten Kompromisse vonstatten, aber auch da kommt Mamas Stimme aus dem off, die sagt: „Beziehungen sind immer ein Kompromiss“.

Und dann haben wir es geschafft. Wir sitzen mit dem Mann unserer Träume auf den Sofa, im frisch gestrichenen Wohnzimmer und stoßen mit Sekt auf die gemeinsame Wohnung an. Die ersten Wochen und Monate fühlen wir uns nun ganz in unserer Aktion bestätigt. Wir genießen das Gefühl, von der Arbeit zu kommen und er ist schon da, oder auf ihn zu warten, wenn er Abends noch einen Termin hat. Gut, die Hausarbeit haben wir vom ersten Tag an fast allein übernommen, aber das würden wir schließlich in unserer eigenen Wohnung auch machen – eigentlich war das also vollkommen in Ordnung. Außerdem hat er ja soviel zu tun. Die Anfangs getroffenen Kompromisse festigen sich und werden nicht mehr in Frage gestellt. Das gemeinsame Leben nimmt seinen Lauf.

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