Gewaltbereite Jugendliche

Immer mehr, immer brutaler? Verstärkt als Wahlkampfthema genutzt, entsteht in der Öffentlichkeit der Eindruck, die Gewalt junger Menschen nähme zu. Ist dem tatsächlich so?

Fast täglich ist derzeit zu hören und zu sehen, dass Jugendliche in Deutschland extrem gewalttätig sind. Das hat Berufspolitiker auf den Plan gerufen, die dieses Thema zu ihren populistischen Zwecken nutzen wollen. Allen voran Hessens Ministerpräsident Roland Koch. Dieser hat durch seine markigen Sprüche, vor allem gegen „kriminelle Migranten“ erreicht, dass 100 Ausländer-Organisationen ihm und Angela Merkel „wahltaktischen Populismus und sogar Rassismus“ vorwerfen.

Peinlicherweise scheint Herrn Koch lange nicht bekannt gewesen zu sein, dass gerade das von ihm regierte Bundesland Hessen von allen Bundesländern mit am längsten braucht, um Verfahren gegen angeklagte Jugendliche bzw. Verurteilungen zu erreichen. Es ist allgemein bekannt, dass gerade die Zeitspanne zwischen Verübung eines Deliktes und Bestrafung entscheidend dafür ist, ein Unrechtsbewusstsein zu entwickeln. Für eine schnellere „Aburteilung“ jugendlicher Dekinquenten sprach sich CSU-Generalsekretärin Christine Haderthauer aus. „Manchem würde es sicher helfen, wenn man ihm möglichst schnell deutlich zeigen würde, wo der Hammer hängt“, sagte sie.

Diese Vorgehensweise wird übrigens, anders als der Ruf nach Strafverschärfung, von Kriminologen unterstützt.

Steigende Zahlen in der Gewaltstatistik?

Es besteht der Eindruck, dass „Jugendgewalt“ immer „schlimmer“ wird, immer „entgrenzter“ auftritt und von einer wachsenden Zahl Jugendlicher verübt wird.Auslöser für die allgemeine Beunruhigung sind meist konkrete Ereignisse. Im vereinigten Deutschland waren es vor allem ausländerfeindlich motivierte Überfälle sowie Brandanschläge. Amokläufe wie in Erfurt und Bad Reichenhall rückten das Thema Jugendgewalt wieder in das Bewußtsein der Bevölkerung. In Niedersachsen zum Beispiel hat sich die Zahl der Rohheitsdelikte (Raub, schwere Nötigung, Körperverletzung) binnen eines Jahrzehnts fast verdoppelt. Viele machen hierfür eine gesunkene Hemmschwelle verantwortlich. „Wenn früher jemand bei der Schulhofprügelei am Boden lag, wurde nicht mehr nachgetreten. Das ist heute anders“, so Innenminister Uwe Schünemann (CDU).

Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) kommt zu einem anderen Ergebnis. So ist die Zahl der tatverdächtigen Kinder und Jugendlichen von 1998 – 2006 gesunken. Bei der Heranwachsenden (18-21 Jahre) gab es kaum Veränderungen. Trotz dieser rückläufigen Tendenz wird die Kriminalität Jugendlicher (14 – 18 Jahre) von Politik und Gesellschaft weiterhin als problematisch empfunden. Dies vor allem, weil Jugendliche überproportional häufig Straftaten begehen. So liegt ihr Anteil in der Bevölkerung bei circa 5 %, jedoch begehen sie circa 12 % aller Straftaten.

Was die Öffentlichkeit besonders alarmiert, ist die Tatsache, dass die Kriminalität in den letzten 10 Jahren insgesamt um 4,3 % zurückgegangen ist, es bei der Gewaltkriminalität jedoch einen Anstieg um 15, 6 % gab – und 43 % der Verdächtigen jünger als 21 Jahre sind!

Statistik der Straftaten ausländischer Jugendlicher

Entgegen der allgemeinen Wahrnehmung ist diese Tendenz beachtlich: Während die Zahl der deutschen Tatverdächtigen im Alter von 14 bis 21 Jahren von 389 000 im Jahr 1997 auf 429 000 Ende 2006 stieg, sank die Zahl der tatverdächtigen ausländischen Jugendlichen im gleichen Zeitraum von 129 000 auf 91 000. Außerdem finden sich unter den deutschen Tatverdächtigen mehr Kinder, Jugendliche und Heranwachsende als unter den Nichtdeutschen.

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